Samstag, 17. November 2018

Noch mehr Festival ...

Nach dem etwas allgemeineren Eintrag in der vergangenen Woche, möchte ich nun eine Auswahl der in diesem Jahr auf dem Annual Philp K. Dick Film Festival in Köln gezeigten Filme etwas genauer vorstellen und einige persönliche Eindrücke schildern.
Imagionation, Februar 1953
Die einzige Verfilmung einer Kurzgeschichte von Dick selbst ist The Pipers des Regisseur Ammar Quteineh aus dem Jahr 2013. Qutheineh hat das Drehbuch nach einer der frühen Kurzgeschichten aus den Jahr 1953 geschrieben,  Piper in the Woods, die (zumindest in den USA) zu den rund 30 Kurzgeschichten zählt, die wohl Gemeingut sind und die man daher hier legal nachlesen darf. Man darf annehmen, dass diese Kurzgeschichte auch deshalb gewählt wurde, weil sie nicht vom Trust lizensiert werden musste (und man darf weiter spekulieren, dass das für eine Produktion, die man wohl nicht uneingeschränkt als grosses Hollywoodkino bezeichnen würde, schwierig geworden wäre). Die Erstveröffentlichung der Geschichte war in der Februar-Ausgabe von Imagination, auf Deutsch Pfeifer im Wald, das in Deutschland nur im Rahmen der Sämtlichen Erzählungen bei Haffmans bzw. Zweitausendeins in Und jenseits - das Wobb veröffentlicht ist.
Bemerkenswert ist, dass der Film sich recht nah an die Kurzgeschichte von Dick hält. Naturgemäss ist diese Verfilmung von anderer Art als die Spielfilme Blade Runner und Minority Report, der nicht vorhandene Hochglanz passt aber, wie ich finde, unmittelbar zu Dick. Sehr sehenswert.
Am anderen Ende des Spektrums findet sich Brainbloodvolume des Regisseurs John M. Carter. Die für empfindliche Menschen vielleicht schwer anzusehende Selbsttrepanation zur Bewusstseinserweiterung stellt den entscheidenden Moment im Leben eines Menschen dar, der sich dazu entschliesst, seinen Schädel mit einem Handbohrer zu öffnen. Nachdem Carter in der Diskussion erklärt hat, dass dieser Film auf dem holländische Bibliothekar Bart Huges beruht, der das 1965 sogar mit Bildern dokumentieren lassen hat (an denen sich Carter bei seiner Verfilmung orientieren konnte), hat sich die Wirkung des Films auf mich deutlich geändert. War es vorher ein bizarrer Film, ist es jetzt ein - dabei sehr eindrucksvoller und ausdrucksvoller - Film über ein bizarres Ereignis. Der Kontext spielt eben auch in der Kunst eine Rolle. Einen guten Eindruck zum Stil dieses in Schwarz-weiss produzierten Films gibt der Teaser Trailer auf YouTube.
Das Programm des Festivals: Zwei Tage mit jeweils zwei Themenblöcken
Instant Realities vom ebenfalls anwesenden Andreas Simon findet sich jetzt auch bei Amazon - versprochen hat der Regisseur weitere Folgen dort, ich habe das auf meiner Watchlist. Für mich war Instant Realities sicher ein Film, dessen Bildwelten auf Dick verweisen - man denkt an die Verwirrtheit des Protagonisten in Ubik oder Eine andere Welt.
Die Galerie der vergessenen Berufe ist eine Drittmittel-Auftragsproduktion der Filmakademie Baden-Württemberg, d. h. eine studentische Arbeit, die uneingeschränkt das Niveau der anderen Produktionen erreicht. Regisseur Willi Kubica und die für die Produktion verantwortliche Julia Deumling haben über Finanzierung und Intention des Films berichtet, der die Verdrängung menschlicher Arbeitsplätze durch Computer und künstliche Intelligenz thematisiert. Das Drehbuch, ebenfalls von Kubica, könnte nach einer Geschichte von Dick sein, die dieser nie geschrieben hat, gerade der Handlungswechsel am Ende. Erwähnen sollte man in diesem Blog auch noch die Tongestaltung, die sicher von letztjährigen Blade Runner 2049 inspiriert war. Der Trailer findet sich auf YouTube. Anschauen!
Thomas Köhlings Film Erster Tag Kosmos beschreibt die Begegnung von alten zwei Freunden, einer Pfleger, der andere Patient. Köhling hat hier seine Erfahrungen im Umgang mit psychisch Kranken mit eindrucksvollen Bildern verarbeitet: Die anfängliche Fahrt vor dem Sternenhimmel bleibt in Erinnerung. Eindrucksvoll hat er im persönlichen Gespräch auch geschildert, welche Probleme ein junger Filmemacher überwinden muss und welchen Aufwand zu treiben ist.
Als letzten Film möchte ich noch The Very Near Future von Sebastian Egert herausgreifen, den man auch bei Vimeo findet. Das Motiv der Überwachung zu unserem Besten ist natürlich nicht neu. Wirklich phildickian wird der Film aber, weil die KI eben nicht unpersönlich überwacht und eingreift, sondern Gefühle zeigt und schliesslich mit den Worten I will probably be gone in a few minutes auch Persönlichkeit ausdrückt. Das erinnert an das Verhalten der Tür gegenüber Joe Chip in Ubik (man lese dazu auch Tom Armitages sehr passenden Artikel Joe Chip’s problem was never his door). 
Natürlich gab es noch viele andere Filme, der eröffnende Film Shelter bleibt mir sicher im Gedächnis, das fröhliche Attack of the Cyber Octopuses, Metta Via mit seiner Ästhetik, die sicher von Moebius inspiriert ist (sei es direkt oder indirekt durch Blade Runner) und die vielen anderen Filme.
Das originale Filmplakat des 5. European Philip K. Dick
Film Festivals in seinem neuen Heim
Dass einige der Filme sich auch im Internet finden lassen, mindert keinesfalls den Wert dieser Veranstaltung. Natürlich ist das Filmerlebnis in einem Kinosaal ein anderes, grösseres, das gilt um so mehr bei Kurzfilmen, denen es durchaus gut tut, sie ohne Ablenkung in einem dunklen Raum zu sehen. Und das Erlebnis mit anderen Interessierten in diesem Rahmen teilen zu können, ist natürlich Teil eines Festival. Und schliesslich ist die Auswahl der Filme bei diesem Filmfestival natürlich sorgfältig kuratiert und die Zusammenstellung und Abfolge macht ja den grössten Wert aus.
Was habe ich nun mitgenommen? Als Büchersammler habe ich dem Medium vielleicht zu wenig Wert beigemessen - aber die Erfahrung einen Film (oder viele) in einem Kinosaal zu sehen, lässt sich eben nicht einfach in einem Regal sammeln. Ich werde sicher die Verfilmungen noch einmal ansehen, einiges habe ich, anderes fehlt (noch): Man hat mir Total Recall (die erste Verfilmung) ans Herz gelegt, ein Film den ich sehr, sehr lange nicht gesehen habe. Einen Überblick über die Verfilmungen gibt die Seite Mediathek.
Mitgenommen habe ich auch eines der wenigen Filmplakate, das mir einer der Mitwirkenden überlassen hat, mein grosser Dank an Thomas. Das Plakat hat schon einen prominenten Platz gefunden!
Und natürlich noch mal mein Dank an alle, die ich treffen und mit denen ich mich austauschen konnte. Und demnächst mehr zum Thema Film.

Samstag, 10. November 2018

The Fifth Annual Philip K. Dick Film Festival

Nach einigen vergeblichen Anläufen habe ich es dieses Jahr endlich geschafft, beim European Philip K. Dick Film Festival in Köln dabei zu sein, ein Erlebnis, das ich nicht bereue.
Das wunderschöne Filmplakat zum European Philip K. Dick Science 
Fiction Film Festival - Colone am Kino 813 in der BRÜCKE
Schon in der vorigen Woche, am 1. und 2. November, fand die deutsche Ausprägung des European Philip K. Dick Festivals im Rahmen von zweimal zwei Abendveranstaltungen in Köln statt. In der Woche davor, am 25. und 26. Oktober, hat die französische Variante, das Festival de Science-fiction Philip K. Dick à Lille, stattgefunden. Diese europäische Variante der US-amerikanischen Veranstaltung hat 2013 ihren Anfang in Lille gefunden - natürlich in Frankreich, denn dort liebt man Philip K. Dick. Der Kölner Filmclub 813 hat sich jetzt zum dritten mal hier in Deutschland diesem Film Festival angenommen. Auch in Rotterdam und in Łódź haben in den vergangenen Jahren Veranstaltungen stattgefunden.
In den USA findet das Festival seit 2012 (fast) jährlich statt, deshalb sind wir dort jetzt beim sechsten Festival. Die Webseite des Festivals wendet sich schon dem nächsten Jahr zu, wenn das siebte Festival in Santa Ana stattfinden wird, dem Ort, an dem Dick die letzten sieben Jahre seines Lebens verbrachte.
Im Kino 813 in der Brücke  wurden dann an zwei Abenden fast dreissig Kurzfilme gezeigt, die sich mehr oder auch viel weniger mit Dicks Motiven beschäftigt haben.
Dan Abella, der amerikanische Gründer und Director des Festivals hat gemeinsam mit dem lokalen Veranstalter Tobias Schmücking vom Kölner Filmclub 813 die Zuschauer zu jedem Block begrüsst und eine kurze Einführung in Leben und Werk von Philip K. Dick gegeben und über die Bedeutung und Ziele des Film Festival gesprochen.
Tatsächlich waren dann, wie angekündigt, relativ viele Filme auf Deutsch. Einige der Filmemacher waren auch anwesend, naturgemäss überwiegend die Deutschen. Diese konnten nach jedem Block über ihre Filme reden und eine kurze und trotzdem faszinierende Diskussion mit Fragen aus dem Publikum war möglich.
Einige der Filme konnte ich nicht mit Dick in Verbindung bringen, alle Filme zusammen aber haben ein schönes Gesamtbild ergeben, das sich durchaus nach Philip K. Dick nennen darf. Eine kleine Auswahl der Filme werde ich in diesem Blog in einem zweiten Eintrag in der nächsten Woche betrachten.
Mein Gesamturteil: Sehr grosse Vorfreude auf das nächste Jahr! Und der kaum erfüllbare Wunsch, es vielleicht im Frühjahr nach Santa Ana zu schaffen. Für den Sammler hat diese Veranstaltung zwar zunächst wenig zu bieten, selbst das Ticket war zum Selbstausdrucken. Aber so kann man einfach nur geniessen und die harte Wirklichkeit des Sammelns für einen flüchtigen Augenblick hinter sich lassen. Und schliesslich hat sich doch noch etwas ergeben ... aber auch dazu in der nächsten Woche mehr.
Und natürlich ein grosser Dank an Dan, Tobias, Thomas, John, Willi und alle anderen für die zwei wunderbaren Abende mit euch!