Samstag, 14. November 2020

Alles nur gelogen?

Eines der "Gelben" von PKD
Neu in der Sammlung: Die britische Ausgabe von Lies, Inc.
Im Brackwasser der Bucht machte ein Konvolut englischer Ausgaben auf sich aufmerksam, diesseits der Portomauer und durchweg seltene Exemplare. Leider wollte der Verkäufer marktgerechte Preise, aber das ist natürlich fair. Als Testkauf habe ich dann Lies, Inc. erworben, die englische Erstausgabe von 1984. „TopZustand“ war versprochen – und den muss man für marktübliche Preise auch liefern.
Schutzumschlag price-clipped und
Vorsatzblatt beschädigt, schade
Bei privaten Verkäufern ist aber immer eine gewisse Vorsicht geboten. Es ist nicht unbedingt böse Absicht, sondern meist (wie so oft im Leben) fehlender Sachverstand, dass gewisse Mängel nicht erkannt oder eben nicht ernst genommen und daher nicht ausreichend beschrieben werden.
Diese Ausgabe von Lies, Inc. hatte also zumindest zwei Mängel, die ein (fairer) Antiquar ausgezeichnet hätte. Zum einen ist das die fehlende vordere, untere Ecke des Schutzumschlages. Im englischen nennt man das price-clipped. Auf dieser Ecke befindet sich der Preis, daher der Ausdruck. Meist handelt es sich um Restexemplare, die billig verkauft werden, aber manchmal wird der Preis vor dem Verschenken abgeschnitten (Pech gehabt!).
beschädigtes Vorsatzblatt, vorne
In Deutschland ist das Analogon ein Mängelexemplar. Der einzige Mangel an so einem Exemplar ist natürlich, dass der Wert für den Sammler erheblich niedriger ist, deutsche Ausgaben dieser Art, die nicht wirklich selten sind, sind für den Sammler so praktisch wertlos. Das ist für diese britische und eben seltenere Ausgabe sicher nicht der Fall, ein erheblicher Mangel ist es schon. Fairerweise muss man sagen, dass das für einen Amateur kaum zu erkennen ist. Das Fehlen einer anderen Ecke wäre auch weniger wertmindernd gewesen.
Die beschädigte Stelle auf dem Vorsatzpapier ist allerdings leicht erkennbar – leichter, als die Bilder das hier (auch in Vergrösserung) zeigen. War dort ein Exlibris eingeklebt? Ein schönes, sauberes Exlibris hätte mich allerdings weniger gestört als dieser Schaden.
Betrachtet man Preis und Umstände, so war dies kein besonders gutes Geschäft, aber insgesamt okay, wenn auch nicht wie gewünscht. Nun ja, caveat emptor! sagt der lateinische Sammler (vermutlich weniger von Science Fiction als von griechischen und ägyptischen Antiken). Von weiteren Käufen aus dem Konvolut habe ich jedenfalls abgesehen.
Die deutsche Ausgabe von "Lies, Inc."
Der unteleportierte Mann
von Philip K. Dick
Das Buch selbst ist Lies Inc., ein kleines, gelbes Hardcover von Gollancz (1984). Es ist die erste (fast) komplette Ausgabe dieses Romans von Dick mit der komplizierten Publikationshistorie, die man im Buch in einer nachgestellten Publisher's Note und bei Isfdb nachlesen kann.
Der ursprüngliche Titel von Lies, Inc. war The Unteleported Man, daher der deutsche Titel, Der unteleportierte Mann. Mehr zur dieser (einzigen) deutschen Ausgabe von Bastei Lübbe aus dem selben Jahr, 1984, die von Karl-Ulrich Burgdorf übersetzt ist, hier im Blog.
Es gibt weitere Ausgaben von Dick bei Gollancz in der Reihe mit gelben Schutzumschlag, in der Regel sind diese recht teuer, die älteren mehr als die jüngeren. Insbesondere ist die britische Erstausgabe der Collected Stories in diesem Format erschienen, auch diese selten billig und auch dazu eine Geschichte hier im Blog.
Fast alles von Dick bei Gollancz, Dicks Hausverlag im Vereinigten Königreich, findet sich hier im Blog.

Preise

"Lies, Inc.", Gollancz (1984) in gutem Zustand ab 50 Euro, im "TopZustand" (siehe oben) für 30 Euro

Samstag, 7. November 2020

Steinewerfer!

Ich mag die bunten Umschlagbilder der Science Fiction Bücher und Hefte des Golden Age und der unmittelbar folgenden Zeit oder sagen wir der 1940er und 50er Jahre: glubschäugige Monster, Raketen, exotische Frauen und natürlich Weltraumfahrer. Während die Damen hauptsächlich Strandbekleidung tragen, ist für die Männer der Raumanzug fast obligatorisch.
Ed Valigurskys Motiv auf der spanischen und türkischen Ausgabe von "Solar Lottery"
Türkische und spanische Ausgabe von Solar Lottery
Und so kann man das auch auf der Erstausgabe von Philip K. Dicks Solar Lottery sehen: Ein Mann im Raumanzug schleudert einen Felsbrocken auf einen anderen … erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass dieser zweite ungeschützt unterwegs ist, auf dem Mond, denn hier befinden wir uns, eigentlich sofort tödlich. Der Ungeschützte ist jedoch ein Androide und daher den harschen Umweltbedingungen gegenüber unempfindlich. Das Titelbild von Edward „Ed“ Valigursky, einem der bekanntesten und produktivsten Illustratoren von Science Fiction der Zeit, bildet also eine Szene des Romans detailliert ab. Das Bild wurde noch für die spanische (1960) und türkische (1971) Erstausgabe des Romans verwendet.
Wie üblich findet sich das Bild aber auch auf einigen ausländischen Ausgaben, die mit Dicks Roman nichts zu tun haben und vermutlich auch nicht deren Inhalt abbildet: Zuerst 1957 auf der schwedischen Ausgabe Pionjär I Rymden des Romans Planet of Light von Raymond F. Jones. Die erste Ausgabe von Dick erscheint in Schweden erst 1972, das Bild war schneller als der Autor.
1969 findet sich das Bild dann auf einem obskuren portugiesischen Heftroman, O Homem no Espaço von einem John Clarke, zu dem ich gar nichts weiter finden konnte, was merkwürdig ist (das Internet weiss also doch nicht alles … oder ich habe nicht gut gesucht). Die folgende Nummer der portugiesischen Reihe war zufälligerweise Dicks Eye in the Sky.
Solar Lottery in aller Welt
Ed Valigurskys Motiv in Portugal (1969), Deutschland (1958) und Schweden (1957)
Und es gibt auch eine deutschen Ausgabe mit dem Titelbild, auf dem Pellig, der Androide, allerdings fehlt: Ein Stern rebelliert von C. C. Zanta als Nummer 2 in der Reihe Abenteuer im Weltenraum von 1958. Auch in dieser Heftromanreihe erscheinen später Ausgaben von Dick, die Nummer 7 ist ausgerechnet Griff nach der Sonne, die deutsche Übersetzung von Solar Lottery, auch die erste deutsche Veröffentlichung von Dick in Deutschland überhaupt (in diesem Blogeintrag mehr dazu). Auch hier hat das Bild sein Buch überholt.
Die erste italienische Ausgabe von Philip K. Dick
Il disco di fiamma
Für die italienische Erstausgabe von 1958 wiederum wird das Motiv „nachempfunden“, wie in diesem Blog berichtet – ich vermute, um die Lizenzgebühr zu sparen (US-Dollar waren in den 50ern teuer). Der italienische Illustrator ist Carlo Jacono, selbst eine Institution. Er hat ein weiteres Spektrum, ist in der ganzen Trivialliteratur unterwegs, illustriert auch viele Western und Krimis – und in Italien tragen die Frauen manchmal noch ein wenig weniger. Sein Cover findet auch noch den Weg nach England und ziert R. Lionel Fanthorpes 
Ein Steinewerfer, von Carlo Jacono
Doomed World
Doomed World
, Badger Books (1960), hier bei Isfdb, das in Deutschland (mit anderen Umschlagbildern) unter dem Titel Welt des Verderbens erscheint.
In die Sammlung nehme ich all diese vom Cover abgeleiteten Ausgaben aber nicht auf. Dem Interessierten sei aber mitgeteilt, dass der Heftroman Ein Stern rebelliert überraschend schwer zu finden ist, noch schwerer aber ist die Erstausgabe von Doomed World von Badger Books zu finden. Letzterer hätte ich, wenn günstig verfügbar, vielleicht nicht widerstehen können und den Kuriosa der Sammlung hinzugefügt. Mir machen solche Stücke Spass.
Mehr über R. Lionel Farnthorpe auf einer umfänglichen Fan-Seite. Offenbar hat er seine Romane regelmässig nach dem Umschlagbild geschrieben, das der Verlag ihm geschickt: Es kann also gut sein, dass Doomed World in diesem Sinne von Solar Lottery inspiriert war. 

Samstag, 31. Oktober 2020

Erster!

Es ist schwer zu erklären, wirklich unerklärlich, warum es so lang gedauert hat. Es war mir seinerzeit sehr wichtig die allererste (professionelle) Veröffentlichung von Philip K. Dick in der Sammlung zu haben: Seine Kurzgeschichte Beyond Lies the Wub ist in der Juli-Ausgabe des Pulp-Magazins Planet Stories erschienen – wie in diesem Blogeintrag zu sehen – und war mir seinerzeit sehr teuer. Dicks ersten Roman konnte ich aber erst jetzt der Sammlung zuführen: Solar Lottery, dos-a-dos, also im Wendebuch, mit The Big Jump von Leigh Brackett, von Ace Books 1955 unter der Nummer D-103 herausgebracht.
    
Solar Lottery von Philip K. Dick The Big Jump von Leigh Brackett
Solar Lottery ist häufig nachgedruckt. Es erscheint in 14 englischen Ausgaben, wenn man die britische Variante World of Chance mitzählt. Auf Deutsch kommt der Roman zunächst unter dem Titel Der Griff nach der Sonne im Semrau Verlag heraus, das ist 1958 die wohl erste Ausgabe einer Übersetzung eines Romans von Dick überhaupt. Später erscheint der Roman unter dem deutschen Titel Hauptgewinn: Die Erde bei Goldmann. Unter diesem Titel ist auch eine Ausgabe bei Fischer in der Klassik-Reihe für den 28.07.2021 angekündigt. 
Auch in einigen anderen Sprachen ist Solar Lottery die erste Übersetzung von Dick, insgesamt gibt es etwa 60 Ausgaben in 13 weiteren Sprachen.

Der große Sprung

Relativ selten wird über The Big Jump, die andere Hälfte dieses Buches gesprochen. Leigh Brackett, die Autorin, veröffentlicht schon seit 1940 Science Fiction Kurzgeschichten in den üblichen Pulp-Magazinen, Astounding, Planet Stories, Thrilling Wonder Stories usw., in denen auch Dick (später) zu finden ist. The Big Jump ist zuerst auch in Space Stories, einem kurzlebigen Vertreter der Art, vertreten, bevor es in Buchform zusammen mit Solar Lottery erscheint.
Deutsche Erstausgabe von Der grosse Sprung
Brackett ist zu dem Zeitpunkt wohl bekannter als Dick. Sie schreibt auch Drehbücher, hat schon das Drehbuch zu Tote schlafen fest [The Big Sleep, 1946] geschrieben – zusammen mit William Faulkner. Auch später schreibt sie für einige hochkarätigen Filme wie Der Tod kennt keine Wiederkehr [The Long Goodbye] und zuletzt eine frühe Version vom Drehbuch von Das Imperium schlägt zurück [The Empire Strikes Back].
Die deutsche Ausgabe von Bracketts The Big Jump, erscheint 1960 bei Moewig gekürzt, wie in der Terra Reihe üblich, wo es die Nummer 112 trägt. Auch von Dick kommen später drei Ausgaben in dieser Reihe heraus. Der große Sprung kommt, ungekürzt und neu übersetzt noch einmal 1983 bei Moewig heraus, insgesamt erscheinen rund ein Dutzend Romane von ihr auf Deutsch.
Die Erstausgabe von Solar Lottery ist leicht zu finden, warten lohnt sich sehr und man kann gar nicht genug auf die Qualität achten, gleiches gilt für Planet Stories; gerade die Ausgabe vom Juli 1952 ist aber meist nur sehr teuer erhältlich, das Warten lohnt hier doppelt. 
Die sehr ausführliche Entstehungsgeschichte (und mehr) von Solar Lottery kann man bei den bei den PhilipKDickFans nachlesen.

Preise

"Solar Lottery", Ace (1955), D-103 ab 30 Euro
"Planet Stories", Ausgabe Juli 1952 ab 50 Euro in mässiger Erhaltung, meist nur über 100 Euro 

Samstag, 10. Oktober 2020

Dialoge der Vergangenheit

Ich konnte kürzlich wieder ein paar Szene-Zeitschriften und Fanzines erwerben, die zeitgenössische Kritiken von Dicks Werk enthalten. Ich finde es sehr interessant zu sehen, wie sich das Bild von Philip K. Dick entwickelt hat, speziell in Deutschland. Und am Anfang wurde Dick überwiegend in der Science Fiction Szene wahrgenommen.
Eine Zeitschrift von 1991
Andromeda 91 von 1979
Andromeda Science Fiction Magazin Nr. 91 vom August 1979, enthält eine Kritik von Alfred Vejchar zur deutschen Erstausgabe von Eine andere Welt bei Heyne (1977). Vejchar kritisiert heftig den Roman, aber auch den wehleidigen Neurotiker Dick. Das Wort Neurose fällt in diesem Artikel überhaupt sehr oft in seinen verschiedenen Formen: neurotisch, Neurotiker, Neurose. Vejchar hat da offenbar ein sehr gefestigtes Bild. Und was er da sieht, gefällt ihm gar nicht. Er wünscht sich von Dick statt dessen wieder Romane wie Und die Erde steht still und Hauptgewinn: Die Erde zurück, als er Dick noch mögen konnte. Seine Kritiken zu diesen beiden frühen Romanen finden sich in früheren Ausgaben von Andromeda (80 bzw. 82).
Ich war recht unglücklich mit dieser Kritik. Natürlich ist es leicht auf die Vergangenheit zurückzublicken, mit dem heutigen Wissen, dass Eine andere Welt zu den besseren Romanen von Dick gehört (und Hauptgewinn: Die Erde eher nicht). Und natürlich sollte jeder seine eigene Meinung haben, auch und vielleicht sogar insbesondere ein Kritiker. Allerdings erwartet man von einer guten Kritik eine umfassende Behandlung des Themas, die einem bei der Entscheidung helfen kann, ein Buch selbst lesen zu wollen und keine Autorenbeschimpfung. Diese Frage nun, lesen oder nicht lesen, hat die Zeit wohl eindeutig positiv beantwortet: Egal, was man von dem Buch halten mag, es ist eines der wichtiges Werke von Dick, das man lesen sollte, vielleicht das politischste.
Vejchar aber lehnt das Bild der USA als eine Polizeistaat gänzlich ab, auch in einem Science Fiction Roman. Er relativiert aktuelle Ereignisse, "Übergriffe einzelner Polizisten, … mutmasslich", von denen er meint, sie würden Dicks Sicht der Dinge nicht unterstützen können (ein Muster, das man auch bei aktuellen Ereignissen noch zu sehen meint). Nixon und Watergate, auf die sich Eine andere Welt recht direkt bezieht, erwähnt er aber gar nicht. (Und das geht natürlich gar nicht, sorry.) Und die phantastische Droge KR-3 unglaubwürdig zu nennen und damit den schriftstellerischen Gipfel der Freiheit überschritten zu haben (was soll das eigentlich bedeuten), ist bei einem Science Fiction Roman auch eher ungewöhnlich. Man muss sich wundern, was Herrn Vejchar hier getrieben hat, man sieht ihn förmlich mit Schaum vor dem Mund an seiner Schreibmaschine (es ist 1979!) sitzen.
Munich Round, ein Fanzine
Munich Round Up 153
Etwas Aufklärung bringt dann ein kleiner Artikel im Munich Round Up 153 von Waldemar Kumming, eine Rezension zur Science Fiction Times (SFT) vom Juni 1982, die ich gleichzeitig erworben habe. Diese SFT 6/82 ist, kurz nach seinem Tod, gänzlich Philip K. Dick gewidmet. Eigentlich also nur die Rezension einer Ausgabe der SFT über Dick, aber hier wird eine Fussnote aufgenommen, die Vejchars oben geschilderte Kritik angreift – recht grob, wie man sagen muss. Kumming bittet um weniger Schmutzkübel in der Diskussion, eine gewisse Sympathie gegenüber Anton und Hahn kann man aber erkennen. Erkennen kann man wohl auch, dass es hier um politische Grundeinstellungen geht, die mehr-oder-noch-mehr Linke, die man in der Science Fiction Times finden kann und eine andere Seite, die recht dogmatisch auf alles scheinbar Linke reagiert – und das war seinerzeit jeder Angriff auf den Bündnispartner USA. In der Mitte finden wir Dick, der sich in einem phantastischen Roman einen Polizeistaat vorstellt und von dieser Vorstellung fühlt sich der eine, Vejchar, angegriffen und der andere, Hahn, ist unglücklich, weil er zu wenig Kommunismus in diesem Roman findet.
Wie soll man Dick nun politisch einordnen? Einerseits denunziert er Kollegen als kommunistische Spione, andererseits warnt er vor Faschismus und Nationalsozialismus. Vielleicht hält er nichts davon, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben und sieht die Lösung weder ganz recht noch ganz links (sondern hat erkannt, dass das politische Spektrum ein Kreis ist, wo sich ganz links und ganz rechts treffen und das Gegenteil von Faschismus nicht Kommunismus ist, sondern eine freiheitliche demokratische Grundordnung … aber das ist wohl eine andere Diskussion).
Tatsächlich sind solche kleinen Geschichten, wie der Diskurs von Vechjar und der SFT, und auch ein Grund, dass sich in meiner Sammlung viele zeitgenössische Rezensionen finden.
Leider ist es schwer diese Fanzines zu finden. Das Andromeda Science Fiction Magazin und auch Munich Round Up werden allerdings leidlich gehandelt, gerade bei letzterem muss man aber beherzt zugreifen. Man muss aber zwischen dem Andromeda Science Fiction Magazin (das wohl anfänglich nur Andromeda hiess) und den Andromeda Nachrichten unterscheiden. Beide werden noch immer vom Science Fiction Club Deutschland (SFCD) herausgebracht.

Preise

"Munich Round Up", 5 bis 50 Euro
"Andromeda SF Magazin", 2 bis 20 Euro

Samstag, 5. September 2020

Slowenisch (und so)

Ein Umschlag aus Slowenien
Nach einigen asiatischen Zugängen der letzten Zeit haben jetzt zwei slowenische Ausgaben Aufnahme in die Sammlung gefunden. Slowenien ist ein kleines Land mit (nur) zwei Millionen Einwohnern und vermutlich auch einer überschaubaren Anzahl von Antiquariaten, so hat die Suche nach einer entsprechenden Ausgabe etwas länger gedauert.
Philip K. Dick: "Izpovedi pokvarjenega umetnika", Založniški atelje Blodnjak (2011)
Eine Bande von Verrückten auf Slowenisch
Dafür wird Slowenisch freundlicherweise mit dem lateinischen Alphabet geschrieben, keine Selbstverständlichkeit auf der Balkanhalbinsel. Dazu sei bemerkt, dass Slowenisch sich drei zusätzliche Buchstaben leistet – Č, Š und Ž  dafür aber auf vier andere verzichtet: Es gibt kein Q, W, X und Y, auf die man eigentlich auch im Deutschen verzichten könnte. Lateinische Buchstaben erleichtern auf jeden Fall die Recherche.
Bei den nun erworbenen Büchern handelt es sich zunächst um eine Softcover Ausgabe von Do Androids Dream of Electric Sheep? von 2007, die es mit ähnlichem Umschlagbild auch als Hardcover gibt. Der slowenische Titel ist Ali androidi sanjajo o električnih ovcah?. Der Verlag heisst Mladinska knjiga, offenbar ein grösserer Verlag. Tatsächlich gab es bereits 1999 eine Ausgabe von DADoES, dem meistübersetzen Buch von Dick mit den - in praktischer jeder Kategorie - meisten Ausgaben – erst vor kurzem sind ja Indonesisch und Vietnamesisch dazugekommen.
Das andere Buch ist die einzige slowenische Ausgabe eines Mainstream Roman von Dick, Confessions of a Crap Artist. Izpovedi pokvarjenega umetnika ist der Titel, herausgebracht 2011 vom wohl mittlerweile verschwundenem Verlag Založniški atelje Blodnjak, der bereits vier andere Titel von Dick herausgebracht hatte. Eine Bande von Verrückten, so heisst der Roman auf Deutsch, ist für mich eines der besten Werke des Meisters.
Blade Runner auf Slowenisch
Slowenische Ausgabe von 2007 von Dicks Roman
Do Androids Dream of Electric Sheep?
Gefunden habe ich die beiden Exemplare bei einem freundlichen Antiquariat in der Hauptstadt Ljubljana, das prompt und verbindlich auf meine E-Mails geantwortet hat und vernünftige Versandkosten anbieten konnte. Auch die Zahlungsabwicklung mit dem Euroland war vollkommen problemlos. Der Versand dauerte dann nur vier Tage, Europa funktioniert eben (oft).
Die erste slowenische Übersetzung eines Romans in slowenischer Übersetzung ist noch in Jugoslawien erschienen, 1982 beim Verlag Pomurska: Ubik. Diese Ausgabe liess sich antiquarisch leider (noch?) nicht besorgen. Zwischen 1999 und 2011 sind dann weitere neun Ausgaben erschienen, dabei die drei Ausgaben von Do Androids Dream of Electric Sheep?. Es gibt zumindest noch vier weitere Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Essays von Dick in Magazinen und Anthologien.
Finden kann man slowenische Ausgaben von Dick im Internet, überwiegend sind diese aber auf – meiner Erfahrung nach – schwer zu erreichen Verkaufsplattformen von Privatanbietern. Dort sieht man die verschiedenen Ausgaben aber regelmässig, sie sind also nicht wirklich selten. Trotzdem stellt sich die Suche aus Deutschland heraus nicht einfach dar … bis man den richtigen Anbieter findet.
Nach Serbisch und Kroatisch ist mit Slowenisch das Gebiet des vergangenen Jugoslawien fast abgeschlossen. In der Sammlung fehlt eine Ausgabe aus Mazedonien, die erscheint aber kaum erreichbar. Daher sei das hier kurz abgehandelt. Es gibt nur eine mazedonische Ausgabe von Philip K. Dick, offensichtlich motiviert durch den gleichnamigen Film, nämlich die Sammlung Malcinski izveštaj [The Minority Report] von 2005.
Eine Liste aller Sprachen und der jeweiligen Erstausgaben von Philip K. Dick gibt es hier im Blog.

Samstag, 15. August 2020

Happy Birthday, Indonesien!

Der 75. Jahrestag der indonesischen Unabhängigkeitserklärung vom 17. August 1945 ist ein Anlass die indonesischen Ausgaben von Philip K. Dick zu betrachten.
Indonesien hat mehr als eine viertel Milliarde Einwohner, die einzige Amtssprache ist Indonesisch. Seit den 70er Jahren wird für Indonesisch ein lateinischen Schriftsystem verwendet und es ist damit für den durchschnittlichen mitteleuropäischen Sammler wenigstens etwas erschliessbar – man kann Namen erkennen und gewisse Worte durch häufiges Sehen lernen, wie buku für Buch (ein dem Niederländischen entlehntes Wort).
Ein indonesisches Buch in indonesischer Sprache, nur der Titel ist Englisch:
Do Androids Dream of Electric Sheep? von Philip K. Dick
Auf indonesisch sind derzeit zwei Werke erschienen, als erster Roman von Dick der Titel Do Androids Dream of Electric Sheep? im März 2019. Das ist wohl auch die erste Publikation von Dick überhaupt, nach meinem Wissensstand, allerdings habe ich überhaupt keinen Einblick in mögliche Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Anthologien; es mag also frühere Veröffentlichungen von einzelnen Erzählungen geben. Das zweite Werk von Dick folgte im Juli des Jahres (2019): The Man in the High Castle. Beide Bücher sind als Softcover gebunden.
Die Qualität der gewählten Romane ist in Indonesien also sehr solide, zwei gute Werke, tatsächlich die beiden am meisten Übersetzten. Vermutlich ist die Wahl genau dieser Romane aber auch durch die Umsetzung als Film motiviert. Allerdings ist Do Androids Dream of Electric Sheep? nicht als Blade Runner erschienen, man hat also auf den einfachen tie-in verzichtet, gut. Und vielleicht erscheinen noch ein paar weitere Bände der nächsten Zeit. Die genannten englischen Titel sind auch die indonesischen Titel, die Bücher aber auf Indonesisch, das sei explizit gesagt, weil es doch eher ungewöhnlich ist.
Finden konnte ich das Buch günstig bei einem US-amerikanischen Versandhändler, der sogar ein günstiges Porto anbietet. Dieses aus weiter Ferne angereiste Buch war nicht teurer als manches Taschenbuch, Glück gehabt. The Man in the High Castle ist auf diesem Wege derzeit nicht erhältlich.
Hier im Blog gibt es eine Liste der Erstpublikationen von Philip K. Dick in allen (derzeit) 37 Sprachen, in denen etwas von Dick erschienen ist.

Preise

"Do Androids Dream of Electric Sheep?", Kepustakaan Populer Gramedia (KPG), ISBN 978-602-481128-0, 10 Euro zuzüglich Versand von 8 Euro

Samstag, 8. August 2020

Big Things

Philip K. Dick: Ubik, G. K. Hall (2001)
Eine eher seltene Ausgabe von Philip K. Dicks Ubik
Ohne viel Bezug zu den deutschen Ausgaben von Philip K. Dick, aber für mich ein weiteres Glanzstück in der Sammlung ist Ubik. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um eine etwas andere Art Buch, eine Grossdruckausgabe, im Englischen large print. Grossdruckausgaben richten sich meist an Menschen mit Problemen beim Wahrnehmen von Schrift, also mit einer stärkeren Beeinträchtigung des Sehens. Mein Eindruck ist, dass es im angelsächsischen Raum mehr solche Grossdruckbücher gibt als im Deutschen, aber das ist zugegebenermassen eine sehr subjektive Einschätzung. Zu Ausgaben in Punktschrift gibt es in diesem Blog bereits einen schönen Eintrag.
Diese Ausgabe von Ubik ist eine von vier, die der auf solche Bücher spezialisierte US-amerikanische Verlag G. K. Hall 2001 und 2002 herausgebracht hat. Ausser Ubik ist 2001 das unvermeidliche Do Androids Dream of Electric Sheep? herausgekommen, 2002 publizierte der Verlag Flow My Tears, the Policeman Said und The Three Stigmata of Palmer Eldrich; eine erstklassige Auswahl! Es handelt sich um ein Hardcover mit Schutzumschlag, der Umschlag des Buches zeigt das gleiche Motiv. Im Netz wird als Verlag auch oft Thorndike genannt, ein Imprint von G. K. Hall., das auf Grossdruck spezialisiert ist, sowie auf die Thorndike Press Large Print Science Fiction Series. Zumindest in diesem Buch findet sich kein Verweis auf Thorndike.
Seit 1972 gehörte zu G. K. Hall auch Gregg Press, ein Verlag, bei dem zwischen 1976 und 1979 bereits 15 Romane und eine Kurzgeschichtensammlung von Dick erschienen waren, hochwertige Sammlerausgaben, die heutzutage eher teuer sind. 
Eine Seite Ubik in Grossdruck
Die erste Seite Ubik in Grossdruck
Auch im Katalog des britischen Verlags Ulverscroft finden sich drei Bände in Grossdruck. Electric Dreams und (natürlich) Do Androids Dream Of Electric Sheep? von 2018 und auch Ubik von 2019. Auch wenn es sich hier wohl um Bibliotheksausgaben handelt, die für den privaten Sammler schwer zu bekommen sind, konnte ich keine Spur dieser Bücher finden und bin deshalb nicht sicher, ob es sie überhaupt gibt. Wenn, dann ist es sehr frustrierend sie nur von Ferne sehen zu können ohne sie in der Sammlung haben zu können. Ich vermute, dass es da lizenzrechtlichte Zusagen gibt, diese Ausgaben nur an Bibliotheken abzugeben, aber nicht an den freien Markt.
Ausserdem sind einige der Public Domain Ausgaben von Dicks Kurzgeschichten, über die hier berichtet wurde, als large print erschienen. Deutsche Grossdruckausgaben von Dick gibt es nicht.
Die Ausgaben der Reihe G. K. Hall sind eher selten zu finden, man muss etwas Geduld haben. Noch mehr Geduld hilft auch dabei mal einen glücklichen Treffer zu erzielen und ein Buch etwas günstiger zu finden. Ich konnte die gezeigte Ausgabe sogar in Deutschland erwerben, das spart Porto, passiert aber so selten, dass ich niemandem raten kann, auf ein deutsches Angebot zu warten.
Aus gegebenen Anlass sei hier (noch einmal) darauf hingewiesen, dass Total Dick-Head, der Blog von David Gill, aus dem Winterschlaf wieder aufgewacht ist mit (vielen) interessanten, lesenswerten Einträgen. Besuchen!

Preise

Die Large Print Ausgaben von G. K. Hall liegen bei 100-500 Euro
Ausgaben von Gregg Press sind selten unter 100 Euro zu finden