Samstag, 19. Oktober 2019

Eine lange Reise aus Köln ...

... haben diese beiden Magazine hinter sich. Ich habe sie aus den USA erhalten, als Zugabe zu einer etwas grösseren Bestellung, aber dazu später hier im Blog mehr.
Diese Magazine habe ich tatsächlich in der amerikanischen Bucht entdeckt – ausgerechnet! Der amerikanische Anbieter hat in den letzten Jahren eine ungeheure Sammlung von allem von und über Dick angeboten, auch viele internationale Ausgaben (inklusive dem Mädchen mit den dunklen Haaren von der Edition Phantasia). Bei einem Amerikaner, der also (fast) alles anbietet, findet man auch deutsche Hefte, die man selbst nie gesehen hat. Die Hefte waren ursprünglich auch nicht teuer angeboten, allerdings hielt mich die Portomauer von einem Kauf ab. Beim Kauf eines etwas grösseren Postens (der dann die Portomauer überwinden konnte) habe ich die Hefte (auf Nachfrage) dazu erhalten, mehr als eine freundliche Geste. Der Anbieter hatte die Magazine wohl seinerzeit selbst gefischt, aber eben in Deutschland. Mir sind sie damals offenbar entgangen.
Magazin - für Köln und den Rest der Welt, April und Mai 2004
Es handelt sich um zwei Ausgaben eines Kölner Stadtmagazins mit dem schönen Namen Magazin des Kölner Verlages Die Muschel. In den überraschend kleinformatigen Heften findet sich dann der deutschsprachige Artikel The Story of Philip K. Dick von Sophia Ahrens. Die insgesamt 14 Seiten sind auf zwei Teile verteilt, die April und die Mai Ausgabe des Jahres 2004. Von dieser Zeitschrift und dem Verlag finde ich keine Spuren mehr – ausser diesen zwei Ausgaben.
Der Artikel selbst ist erfreulich ausführlich und zeigt eine tiefere Kenntnis zumindest einer Biographie (vermutlich Sutin). Ahrens konzentriert sich auf den Menschen, weniger auf das Werk und referiert die Fakten wenig überraschend, kann ihnen aber noch eine eigene Deutung abgewinnen. Für den Experten also nichts Neues, aber eine gut Auffrischung und für praktisch jeden anderen sehr viel Interessantes. Und für den Sammler zwei praktisch einmalige Stücke – wie viele Exemplare der angegebenen Auflage von 3.000 Stück heute noch existieren, ist natürlich schwer zu sagen. Angeboten werden sie aber nicht. Und wenn, dann sind sie nicht zu finden. Wenn man so ein Stück angeboten sieht, muss man zugreifen – oder es ist vermutlich für immer weg. Aber muss man so etwas haben? Ja, klar. Genau solche Stücke machen eine Sammlung interessant. Alle Ausgaben von Heyne oder ähnliches ist schnell zu erreichen, anderes vielleicht teurer, aber trotzdem doch beim Sammlen – zumindest nach einer Weile – nicht mehr spannend. Aber wie immer ... jeder Sammler muss wissen, was er braucht.
Wenn man sieht, wie zufällig die Entdeckung dieser Ausgabe war, muss man sich fragen, wie viele interessante Artikel in Zeitungen oder Zeitschriften dieser Art unentdeckt bleiben; vermutlich viele.
In diesem Blog gibt es eine Übersicht der Artikel über Dicks Leben und Werk, auch aus Zeitungen und Zeitschriften.

Samstag, 12. Oktober 2019

Anhang - Die drei Stigmata des Palmer Eldritch

Ich hoffe, dass ich dem deutschen Philip K. Dick Universum mit diesem Blogeintrag einen winzigen Baustein hinzufügen kann. Das ist für mich bemerkenswert, weil es die eigentliche Rechtfertigung für die Sammlung ist: eine solide Basis als Quelle für weitere Erkenntnisse zu sein. Und das ist hiermit (vielleicht) erstmalig dokumentiert.
Umschlagbild von Klaus Dill
Das Umschlagbild von Klaus Dill zu Die drei Stigmata des Palmer Eldritch, Haffmans (1997)
Die Drei Stigmata des Palmer Eldritch hat in den Ausgaben von Haffmans (1997) und Heyne (2002) ein Addendum mit dem Titel Anhang: Zwei Anmerkungen Philip K. Dicks zu Die Drei Stigmata des Palmer Eldritch (Seite 311 bis 313). Dieser Anhang besteht aus zwei Briefen.
Der zweite Brief ist vom 8. Juni 1969 an Bruce Gillespie, Herausgeber des SF Commentary, zitiert nach Gillespie (Herausgeber): Philip K. Dick: Electric Shepherd, 1975. Ursprünglich veröffentlicht war der Brief in Gillespies SF Commentary # 9 vom Februar 1970 (hier bei Isfdb). Dick diskutiert das Böse in seinem Roman und erwähnt auch die Erscheinung des Antlitz des Bösen kurz, das er an anderer Stelle ausführlicher beschreibt.
Der erste Brief beschäftigt sich mit den Kritiken zu dem Roman, die Dick als gemischt beschreibt. Auch für diesen Brief wird eine Quelle genannt:
Aus einem vom 9. Dezember 1967 datieren Brief an Leland Shapiro (sic), Redakteur des Riverside Quarterly, Quelle: Durchschlag aus PKDs persönlichen Unterlagen.
Riverside Quarterly, März 1968 (Vol. 3, # 2)
mit einem Cover von  Robert Gilbert
Es handelt sich möglicherweise um die Abschrift eines Farbbandes, so wie das für die in den Selected Letters gesammelten Briefe durchgeführt wurde.
Leland Sapiro – nicht Shapiro, wie er in der Literaturangabe genannt wird – war der Herausgeber und Verleger der 33 Ausgaben des von 1964 bis 1992 bestehenden Fanzines Riverside Quarterly. Meine Annahme war, dass Sapiro einen Brief von Dick auch in seinem Magazin publizieren würde. Eine Recherche zeigte, dass in der Ausgabe vom März 1968 (Volume 3, # 2) der einzige Brief von Dick veröffentlicht ist.
Da die entsprechende Ausgabe erhältlich war (und Dicks Briefe mich immer sehr interessieren) habe ich in den USA bestellt – und gleich noch ein paar Taschenbücher dazu genommen, um die Portokosten (pro Stück) zu reduzieren. Man kann eben nicht sparen, ohne Geld auszugeben. Oder auch: Sparen ist teuer!
Ein Vergleich zeigt, dass es sich um den Brief handelt, auch wenn er minimal gekürzt ist, um den kurzen Text, den Dick seinem Buch vorangestellt hat. Es zeigt sich auch, dass der Anfang umformuliert wurde; in der Übersetzung bei Haffmans heisst es
»Nun zur Rezeption meines Buches Die drei Stigmata des Palmer Eldritch. [...]«
Im abgedruckten Brief steht
... as to the review of my book, The Three Stigmata of Palmer Eldritch. [...]
Anfang von Dicks Brief ...
Ich denke, dass the review sich direkt auf Sapiros Rezension des Romans bezieht, die in der vorangehenden Ausgabe des Riverside Quarterly vom August 1967 (unter Pseudonym) erschienen war. Der Übersetzer hat das im Anhang der Haffmans Ausgabe etwas unscharf übersetzt und so den fehlenden Bezug überdeckt.
Eine spannende Frage ist, wie dieser Brief aus den persönlichen Unterlagen in die Ausgabe von Haffmans gekommen ist – offenbar nicht über die Veröffentlichung im Riverside Quarterly.
Ausserdem haben die Ausgaben von Haffmans und Heyne auch ein Nachwort von Paul Williams, es handelt sich um die Einführung zu Gregg Press Ausgabe von 1979. Auch dieses Nachwort ist sonst nur hier erschienen, auch nicht in einer anderen englischen Ausgabe. Der leider ungenannte Redakteur bei Haffmans hatte vielleicht noch Kontakt zu Paul Williams gehabt, der ihm das Nachwort überlassen konnte, aber wohl auch noch Zugriff auf Durchschläge und Abschriften gehabt haben mag. Allerdings müsste das wohl vor Williams tragischen Unfall 1995 gewesen sein. In englischen Ausgaben des Buches taucht der Brief sonst auch nicht auch.
... der Rest des Briefes an
Leland Sapiro
Im Riverside Quarterly folgt auf Dick ein Brief von Franz Rottensteiner, aber zu einem anderen Thema. Erwähnt sei auch das wunderbare Umschlagbild der Haffmans Ausgabe von Klaus Dill.
Der Anhang und das Nachwort von Paul Williams fehlen übrigens in der aktuellen Ausgabe von Fischer (2014), so wie auch in anderen Ausgaben der Klassik-Reihe interessante Sekundärtexte fehlen, die es bei den „Originalen“ von Heyne, von denen die Fischer Klassik Ausgaben überwiegend übernommen wurden, noch gab. Natürlich fehlt in dieser Hinsicht der Haffmans Ausgabe das Nachwort von Stanislaw Lem, das sich nur in der Ausgabe von Suhrkamp findet. Und hier schliesst sich für mich der Kreis zur einführenden Bemerkung: Das Sammeln aller Ausgaben führt zur einer umfassenden Quellenbasis, die man nicht hat, wenn man nur die aktuellste Ausgabe betrachtet; das ist hier die inhaltlich ärmste, nämlich die von Fischer ohne Einführung, Vor- oder Nachwort und Anhang.
Nur kurz soll hier erwähnt werden, dass es sich bei der Ausgabe von Haffmans um eine Neuübersetzung von Thomas Mohr handelt, die ursprüngliche Übersetzung war von Anneliese Strauss. Auch unterschiedlichen Übersetzungen können ein Grund sein, Zugriff auf verschiedene deutsche Ausgaben haben zu wollen.
Riverside Quarterly ist ein typisches Fanzine und der Kauf gestaltet sich entsprechend schwierig. Als Fanzine aus den USA wird es dort zwar gehandelt, eine spezielle Ausgabe, z. B. März 1968, zu finden, erfordert aber Glück (wie bei mir) oder Geduld. Letztere wird sicher belohnt werden, der Preis ist dann aber wieder relativ zufällig ... mit mehr Geduld kann man hier sparen. Der Hinweis Philip K. Dick steigert aber Nachfragen und Preis meist erheblich (und er hat beim Angebot meines Exemplars gefehlt). Ein weiteres Problem ist wieder die Portomauer, einige Anbieter haben für uns Europäer astronomische Preise. Gillespies Philip K. Dick: Electric Shepherd ist übrigens auch ein Klassiker, gut zu finden und bezahlbar.
Eine Seite, bei der man oft landet, wenn man über Fanzines recherchiert, ist Fancyclopedia 3. Natürlich nur dem angelsächsischen Sprachraum verpflichtet, wünscht man sich etwas entsprechendes für den deutschsprachigen Raum. Riverside Quarterly findet sich auch bei Isfdb.
Zum Schluss ein Hinweis auf den Überblick über alle Science Fiction Romane von Dick in diesem Blog.

Preise

"Riverside Quarterly", March 1968 (Volume 3, # 2), 15 Euro zuzüglich Versandkosten von insgesamt 17 Euro als Teil einer grösseren Sendung, bei Abebooks.
Hefte dieser Art liegen zwischen 5 und 50 USD.
Versandkosten für ein Taschenbuch oder Magazin liegen zwischen 15 und 70 Euro, alles über 25 Euro ist (eigentlich) zu teuer.

Samstag, 5. Oktober 2019

Theatralisches - Noch mehr Zeit aus den Fugen

Noch mehr Zeit aus den Fugen – wer will das wissen? Aber es gibt noch ein paar Dinge nachzutragen … und wer will überhaupt wissen, was hier geschrieben wird?
Der vorigen Blogeintrag zum Stück erwähnt (und zeigt) das Programm, es gibt aber ein paar Details hinzuzufügen.
Lückentext: Zum Autor
Die kurze Einführung Zum Autor (Seite 10 bis 11) ist ein Lückentext: alle Werktitel sind weggelassen - man kann spekulieren, dass die Titel ursprünglich irgendwie abgesetzt sind, durch einen speziellen Zeichensatz, den der Drucker dann aber nicht installiert hatte ... oder irgendein ähnliches technisches Problem. Nun ja, nur eine Fussnote im Kapitel Pleiten, Pech und Pannen, denn der erfahrene Leser kann die fehlenden Titel leicht einsetzen.
Im Programm folgt Wachen Sie auf, Mr. Gumm!, ein sehr schöner Text der Dramaturgin Johanna Vater, die gemeinsam mit der Regisseurin Laura Linnenbaum den Text des Stückes geschrieben hat, der, wie erwähnt, sehr nah am Original ist (und bei der Kritik daher nicht so gut ankommt, insgesamt waren die Kritiken eher verhalten). Es gibt natürlich Kürzungen und Umstellungen gegenüber dem Originaltext und das Ende, die Flucht, ist komplett durch einen – sehr kurzen – Abschluss ersetzt, der auf die aktuelle politische Situation – der Gestaltungsraum des einzelnen, Fake News – Bezug nimmt. Abgeschlossen wird das Programm von einer Doppelseite zum Regieteam.
Noch eine echte Karte für Sammler, kein Print-at-home 
Zusammen mit dem Heft zur Spielzeit, dem Monatsprogramm September und der Theaterkarte gehört das Programm als Kernstück jetzt zweifelsfrei in die Sammlung. Leicht zu finden werden diese Stücke nach dem Ende der Spielzeit nicht mehr sein.
Die aktuelle Beliebtheit von Romanen als Grundlage für Theaterstücke hat sicher dazu beigetragen, dass es dieser Stoff von Dick auf eine Bühne geschafft hat. Und gerade hat es auch ein anderer Science Fiction Stoff auf die im Hamburger Schauspielhaus auf die Bühne geschafft: Stalker  Picknick am Wegesrand nach dem Film von Andrei Tarkowski bzw. dem Roman der Brüder Strugatzki.
Die erste Bearbeitung eines Stoffes von Dick fürs Theater war schon Linda Hartinians Flow My Tears, the Policeman Said (deutsch: Eine andere Welt) von 1985, das wird mit den anderen dramatischen Bearbeitungen bereits in einem älteren Blogeintrag diskutiert. Eine andere Welt ist dabei vielleicht Dicks politischstes Buch – und vielleicht ein besserer Kommentar zur aktuellen Situation.
Aus dem Heft zu Spielzeit 2019/2020, links Mohamed
Achour, der in diesem Stück keine Rolle hat
Auch die zahlreichen Verfilmungen von Dicks Motiven sind ein Indiz für die Attraktivität seiner Werke für andere Medien – auch, wenn Theater und Film durchaus unterschiedlich sind. Schon die Truman Show (zu Wikipedia) hat vor 20 Jahren Motive von Time Out of Joint aufgegriffen, allerdings mit einem anderen inhaltlichen Schwerpunkt. Und dass ein (genau) 60 Jahre alter Roman von Dick so aktuell sein kann, überrascht nicht, auch wenn Dicks Frauenrollen nicht mehr ganz zeitgemäss erscheinen. Und dann schliesst sich der Kreis, ist Time Out of Joint doch ein Zitat aus Hamletwie hier im Blog nachzulesen, Hamlet spricht es, als er vom Tode seines Vaters erfährt.
Und auch das Medium Radio hat die Zeit aus den Fugen aufgegriffen. Es gibt ein knapp einstündiges Hörspiel des Bayerischer Rundfunk von 2001 unter Regie und Bearbeitung von Marina Dietz, die 1999 auch schon Träumen Androiden? gemacht hat. Diese Hörspiele werden gelegentlich wiederholt, im Netz sind sie leider (völlig legal) weder als Download noch in einer Mediathek verfügbar. Träumen Androiden? ist (antiquarisch) immerhin als Hörspiel auf Kassette und CD verfügbar.
Ausser den fast 30 englischen und den vier deutschen Veröffentlichungen des Romans in Buchform gibt es weitere knapp 60 internationale Ausgaben in 16 Sprachen – die Zeit aus den Fugen ist also durchaus populär, insbesondere für ein eher frühes Werk von Dick.
Zum Abschluss noch etwa Trivia zum Roman. Dort wird auf der ersten Seite im Text eine Anne Rubenstein erwähnt, offenbar eine Bekannte von Margo, Raggles „Schwester“, die dann weiter keine Rolle im Roman spielt. Hier hat Dick seine (spätere) dritte Ehefrau Anne R. Dick verewigt, die auch über ihren Ehemann geschrieben hat. Der Roman spielt offenbar 1997, es taucht ein Kalender mit dem Datum 10. Mai 1997 auf (Seite 119 in der RoC, 1994). Dick hat seine Romane immer nur einige Jahrzehnte in der Zukunft spielen lassen, für das Buch zum Film von Blade Runner hat man das Datum auch schon ändern müssen.
Zu allen Radioausgaben geht es in der Mediathek und zu allen SF Romanen hier.

Samstag, 14. September 2019

Zeit aus den Fugen - ein Schaupiel

Das Plakat zu Zeit aus den Fugen
Ein Stück von Philip K. Dick im Theater zu sehen, ist ein neues Erlebnis - natürlich. Auch wenn es andere Bearbeitungen von Dicks Stoffen für die Bühne gibt, sind sie doch selten. Und die Qualität der Aufführung von Zeit aus den Fugen ist ausserordentlich, so wie man es von einem deutschen Staatstheater auch erwarten kann.
Vor ausverkauftem Haus hatte Zeit aus den Fugen unter der Regie von Laura Linnenbaum am 13. September Uraufführung im Schauspielhaus Hannover, einer der Spielstätten des Niedersächsischen Staatstheaters Hannover.
Der Text des Stückes von Laura Linnenbaum und der Dramaturgin Johanna Vater hält sich sehr eng an das Original, natürlich gekürzt, aber selbst im Detail so genau am Text, dass sich manchem Zuschauer nun vorher unzugängliche Dinge im Roman erklären. Das Zusammentreffen mit den Kesselmans im einsamen Haus auf dem Hügel bleibt aber auch im Stück rätselhaft (für mich). Erst das Ende weicht deutlich vom Roman ab, es gibt keine Fahrt im LKW und keine merkwürdigsprachigen Zukunftsteenager, Linnenbaum und Vater schneiden Dicks Ende ab und ersetzen es durch ein recht plakatives Ende als Kommentar zur aktuellen politischen Situation.
Der Spielplan für den September mit der
Ankündigung für Zeit aus den Fugen
Schon in der Einführung vor der Aufführung hatte die neue Intendantin des Schauspiels, Sonja Anders, über dieses Stück nach Dick gesprochen und auf den anderen Amerikaner, dessen Namen wir nicht nennen wollen verwiesen, der fake news - und so interpretiert sie Dicks falsche Realität - heute für seine Politik nutzt. Für mich waren Dicks Realitäten immer Bilder für die Suche des Einzelnen und eher kein direkter politischer Kommentar, die von Anders intendierte Deutung (oder Nutzung) ist aber wohl bei kaum einem Roman von Dick so gut möglich, wie bei der Zeit aus den Fugen. Und natürlich ist der Titel ein Zitat von Hamlet, auch hier schliesst sich der Kreis zum Theater (und zu Hamlet sei auf den vorigen Blogeintrag zu Time Out of Joint verwiesen).
Erwähnt sei noch die Figur der Jun(i)e, sie ist Dicks dark haired girl, die aber im Roman keine entscheidende Rolle spielt, ein 19-Jähres naives Mädchen. Sabrina Ceesay spielt sie als 31-Jährige starke Frau, sicher die grösste Änderung an den Figuren - aber sicher eine angemessene Anpassung dieses 60 Jahre alten Textes.
Besondere Erwähnung muss die Musik finden, Elvis Presley hilft uns die 50er Jahre zu erleben. Das Bühnenbild mit der Mauer, die die Realität - letztlich erfolglos - abtrennt, ist eine kluge Idee und die Rückprojektionen darauf sehr wirksam. Die Kostüme und Masken der Schauspieler sind in ein tiefes Grau getaucht, um die falsche Realität zu beschreiben, Farbe bedeutet Echtes - und so wischt sich Raggle am Schluss den grauen Staub vom Körper.
Nach schon 95 Minuten ist das Stück beendet, für mich ein wirklich überwältigende Erfahrung - zumal gemessen an den meist lauen Umsetzung von Dick in Film und Fernsehen. Theater hat eben eine grössere Wirkung, echte Menschen auf einer Bühne sind nicht mit einem Film vergleichbar. Ansehen! Und wer vorher einen Eindruck haben möchte, heutzutage haben auch Theater für ihre Stücke Trailer bei YouTube.
Das Programm zum Stück
Die Aufführungsrechte liegen laut Programm beim S. Fischer Verlag, wohl weil dieser aktuell die Rechte für die aktuelle Neuauflage des Texts besitzt, zu der es auch einen Blogeintrag gibt.
Es gibt noch einiges zu sagen, das wir in einem spätere Blogeintrag folgen.
Für den Sammler bringt eine Theateraufführung einiges: Es gibt eine Karte - man kriegt noch Karten zugeschickt, wenn man das will - und ein sehr schönes Programm mit einigen Texten und Bildern, u. a. einem schönen Text der Dramaturgin, die auch den Text des Stückes mitgeschrieben hat.
Gelegentlich kann man auch den Text des Stückes selbst im Fachhandel kaufen. Es bleibt abzuwarten, ob er erscheint (mir sind die Gepflogenheiten hier unbekannt) - ich werde das im Auge behalten. Trotzdem bleibt das Merchandising um ein Theaterstück begrenzt, das ist aber auch gut so.
Informationen zu den verschiedenen Bearbeitungen von Stücken von und über Dick für die Bühne sind - in einer ersten Fassung - in diesem Blog hier zusammengetragen. Zur seltenen deutschen Erstausgabe von Time Out of Joint unter dem Titel Zeit ohne Grenzen gibt es auch einen Blogeintrag.

Samstag, 7. September 2019

Die lustigsten Pinguin-Pannen

Die Philip K. Dick Ausgaben von Penguin gehören zu den von mir besonders gesuchten Exemplaren. Zusätzlich zu einem Konvolut, dass ich, wie berichtet, kürzlich erwerben konnte, habe ich beim gleichen Anbieter noch die erste Ausgabe von Dick bei Penguin gekauft - hauptsächlich, um Porto zu sparen.
Die Ausgaben von Penguin sind in der Regel schlecht erhalten - es handelt sich um die billigen Paperbacks, nicht die etwas besseren Trade Paperbacks, das Papier ist billig, der Einband einfach - und die Ausgaben von Dick sind alt. Um so schöner also, dass diese Ausgabe - insbesondere für üblicherweise notorisch zerfledderte Penguin Bücher - doch sehr schön erhalten ist (eigentlich perfekt, bis auf den hässlichen Knick im Einband). Und immerhin ist das Buch von 1965 ... oder nicht?
The Man in the High Castle von Penguin
mit Max Ernsts Die versteinerte Stadt
Die Rückseite mit dem Bild von Ted White
und dem falschen Namen des Coverbildes
Bei näherer Beschäftigung mit dem Buch, entfaltet sich eine ungewöhnliche Serien von Pleiten, Pech und Pannen - und dieser Blog hat ja schon einiges erlebt bzw. gezeigt. Das Impressum des Buches sagt Published in Penguin Books 1965. The Internet Speculative Fiction Database sagt aber Actually Published February 1967, ist sich dabei aber nicht ganz sicher, denn sie fragt: Source? Von anderer Stelle wird February 1967 gestützt, aber auch hier ohne verbindliche Quelle. Was soll man nun denken?
Das Umschlagbild ist ein Ausschnitt vom Bild Die Versteinerte Stadt des deutsch-französischem Malers und Grafikers Max Ernst. Möglicherweise heisst das Bild im Original auch La ville pétrifiée, schliesslich lebte Max Ernst 1935, als er das Bild gemalt hat, schon lange in Paris - vermutlich gibt es aber auch nicht den einen verbindlichen Namen. Im englischen ist Die versteinerte Stadt aber The Petrified City und hängt in der Manchester Art Gallery.
Die Quellenangabe auf der Rückseite nennt das Bild aber The Petrified Forest, ebenfalls ein Bild von Max Ernst, aber eben ein anderes. Nun ja, in den Zeiten vor dem Internet - sei es 1965 oder 1967 - ist dem Redakteur der Fehler nachzusehen, vor allem, weil er sich hier vielleicht auf sein kunstgeschichtliches Wissen verlassen hat - und dafür war er doch ganz nah dran. Viele der surrealen Bilder von Max Ernst speziell der 30er Jahre, wie die Reihe Die ganze Stadt, scheinen wie gemacht für die Umschlagbilder von Science Fiction Romanen der 60er und 70er Jahre. Zu Dicks The Man in the High Castle passt dieses Bild eher nicht, finde ich - es passt nur zum Titel, der aber, wie der Leser weiss, wenig mit den Inhalt des Romans zu tun hat: Immerhin treffen wir den Mann aus dem Titel nicht in den Bergen, sondern bei einer Cocktail-Party in seinem Einfamilienhaus in der Vorstadt, ein Schloss ist nicht zu entdecken. Aber es geht natürlich um Erwartungen ...
Falsches Datum, falsches Bild ... was kann jetzt noch schief gehen? Dafür haben wir auf der Rückseite ein schönes Bild von Ted White. Aber warum? Ted White war seinerzeit ein Freund von Dick und hat sich sicher später (1969) um die Veröffentlichung von Dicks We Can Build You verdient gemacht, aber warum würde Penguin ihn dann auf The Man in the High Castle drucken? Die Erklärung finden wir in einem Brief von Ted White (PKDS Newsletter, #6, 1985; Ted Whites Brief lässt sich auch online nachlesen im Fanzine Journey Planet No. 16): Tatsächlich hat wohl Dick selbst Penguin ein Bild von White [als Foto des Autors] geschickt - wohl ein als Scherz verpacktes Dankeschön an White, der es in einem Brief so beschreibt
As a jape, he [Dick] gave Penguin a photo of me and it was printed [as a photo of the author] on the back cover of the British Man in the High Castle.
Nun gut, eine sehr entfernte Ähnlichkeit von White und Dick macht das Bild eines leidlich bekannten amerikanischen Autoren für einen britischen Redakteur wohl plausibel (von Dick waren in Grossbritannien bis dahin nur zwei Romane, eine Anthologie und einige Kurzgeschichten erschienen). Penguin kann man hier also höchstens eine minimale Fahrlässigkeit vorwerfen. Und einen Science Fiction Roman herauszugeben ist ja kein investigativer Journalismus. Immerhin stimmt der Name des Autoren auf dem Titel. Bei den folgenden acht Ausgaben dieses Romans hat Penguin es dann auch besser gemacht.
Der Web-Tipp ist ein Video bei YouTube Die lustigsten Pinguin-Pannen und ein ausführlicher Blogeintrag über Penguin Cover bei Justseeds.
Und zum Schluss noch einmal Dank an Total Dick-Head - den ultimativen Blog zu Dick: UNBEDINGT LESEN! - für den Hinweis auf Ted White, der mir sonst sicher entgangen wäre.
Alles von Penguin (UK) zu Philip K. Dick gibt es bibliographisch komplett hier.

Preise

"The Man in the High Castle", Penguin (1965) in guter Erhaltung: 12 Euro

Samstag, 3. August 2019

Nicht nur Sex ...

Etwas irreführendes Titelbild von Chris Foss für die
britischen Ausgabe von We Can Build You von Grafton
von 1986 auf Deutsch zuletzt übersetzt als  Die 
Lincoln-Maschine beim Heyne Verlag (2007)
Am Schluss müssen Bücher verkauft werden. Ohne Verkauf kein Geld für den Verlag und wenn der Verleger nichts verdient, kriegt letztlich auch der Autor nichts. Und welche Rolle Geld für einen Autoren spielt, kann man in vielen Briefen von Philip K. Dick nacherleben – es geht oft um Tantiemen: Tantiemen, um die sich Dick betrogen fühlt, von seinen Verlegern oder auch von der Sowjetunion, Tantiemen, die zu spät ausgezahlt werden, Tantiemen, die nicht reichen. Letztlich ist man als Autor selbstständig, ein (oft) sich selbst ausbeutender Unternehmer. Und so sehr man von der Umwelt als freier und unabhängiger Künstler wahrgenommen wird, Frauen und Kinder müssen Essen.
Daher können wir es Grafton wohl auch verzeihen, dass sie auf dem Cover von We Can Build You (1986) einen Hitler zeigen – vermutlich ist ein Hitler in Grossbritannien verkaufsfördernder als der sonst für diesen Roman oft verwendete Abraham Lincoln. Obwohl Hitler im Roman gar nicht erscheint – im Gegensatz zu Lincoln, bzw. seinem Simulacrum, das eine Hauptrolle spielt.
Tatsächlich ist Hitler kein gänzlich unbekanntes Motiv für und bei Dick, er wird natürlich im Orakel vom Berge erwähnt (und erscheint in entsprechenden Ausgaben auch auf dem Cover), aber auch in weiteren zwölf Romanen und drei Kurzgeschichten. Dieses sehr spezifische Wissen verdanke ich natürlich dem Appendix Dick, über den man unbedingt hier nachlesen sollte, ein verrücktes Buch, dass alle Erwähnungen aller Personen (im weiteren Sinne) im Werk von Dick zusammenträgt.
Also, es gibt keinen Hitler in den rebellischen Robotern – und sicher auch keinen Hitler auf dem Cover der Fischer Ausgabe dieses Romans, die wir – so sage ich es voraus – im nächsten Jahr erwarten können. Das Cover wird nämlich, wie üblich, sehr abstrakt sein und gar nichts (oder alles) zeigen; nun ja.
Vulkan 3, Goldmann (1977)
mit einem Chris Foss Cover
Unbedingt erwähnen muss man natürlich noch die kleine Gestalt rechts vom „Führer Roboter“ wir sehen dort einen kleinen Philip K. Dick Roboter – Dick ist bekanntlich ein beliebter Cover Autor.
Die Illustration auf dem Umschlag ist vom britischen Künstler Chris Foss, der für Grafton auch einige andere Cover für Bücher von Dick beigesteuert hat. Dieses Cover ist aber offenbar eine Auftragsarbeit für diesen Roman von Dick. Genau dieses Cover verwendet auch die deutlich teurere Hardcover Ausgabe von Severn House (1988). Die Cover für die anderen Ausgaben sind die generischen Raumschiffe, für die Foss bekannt ist. Chris Foss hat auch für eine deutsche Ausgabe ein solches Raumschiff-Cover beigesteuert, Vulkan 3 von Goldmann (1973). Und Foss hat seine Raumschiffe auch dem grössten nie realisierten Film aller Zeiten beigesteuert, Alejandro Jodorowskys Verfilmung von Frank Herberts Dune. Aber das ist natürlich eine ganz andere Geschichte.
Erstaunlich an dieser Grafton Ausgabe ist, dass es sich um die britische Erstausgabe handelt – von 1986! In den USA ist der Roman 1972 bei DAW erschienen, vorher (1969/1970) serialisiert im Magazin Amazing. Dafür, dass We Can Build You sicher zu den besseren Romanen von Dick zählt, hat es doch erstaunlich lange gedauert, bis er im Vereinigten Königreich erschienen ist. Die rebellischen Roboter sind von Goldmann schon 1977 publiziert, die erste Übersetzung überhaupt ist A. Lincoln, Androide in Italien bei Gamma (1974) – natürlich mit einem Lincoln auf dem Cover.

Preise

"We Can Build You", Grafton (1986) ab 4 Euro und das Hardcover von Severn House (1988) bei 40 Euro

Samstag, 27. Juli 2019

Bulgarisch

Ich musste nun nach Sofia fliegen, um endlich auch eine bulgarische Ausgabe von Philip K. Dick zu kaufen. Obwohl Bulgarien als EU-Mitgliedsstaat eigentlich „nicht so weit weg ist“ – und natürlich bin ich auch nicht deswegen geflogen. Aber es ist wirklich schwierig von Deutschland ein entsprechendes Buch zu kaufen, weil Bulgarien eben keinen Euro hat und durch die kyrillische Schrift auch online schwer zugänglich ist – und es liegt wohl auch daran, dass es nicht so viele Ausgaben von Dick in Bulgarien gibt.
Омнибус, Sofia: Bard (2017)
Der erste Roman von Dick ist in Bulgarien 1993 erschienen, also erst nach dem Fall des eisernen Vorhangs: Das Orakel vom Berge, immerhin kein schlechter Start. Später erscheinen mit Ubik, Blade Runner, Der dunkle Schirm und Die drei Stigmata des Palmer Eldritch (2006) weitere absolute Meisterwerke des Autoren. Allerdings kommen auch Die kosmischen PuppenDas Globus-Spiel und Der Gott des Zorns heraus – drei Romane, die im Deutschen mit einer gewissen Berechtigung nur auf eine einzige Ausgabe gekommen sind. Wir können also in Bulgarien fünf der besten und drei der eher am wenigsten guten Romane sehen. Warum bringt ein (bulgarischer) Verlag Die kosmischen Puppen heraus, wenn etwa Marsianischer Zeitsturz verfügbar gewesen wäre? Vermutlich gibt es hier kostentechnische und lizenzrechtliche Überlegungen, die sich dem unbedarften Beobachter entziehen. Der Markt hat – da kann man sich wohl sicher sein – als dritten übersetzen Roman von Dick kein eher lauwarmes Frühwerk von Dick wie Die kosmischen Puppen verlangt.
Nach 2006 ist in Bulgarien als insgesamt neunte Ausgabe von Dick erst 2017 wieder etwas erschienen: Омнибус, also Omnibus. Dieser Philip K. Dick Omnibus enthält auf 703 Seiten die zwei Romane und sechs Kurzgeschichten von Dick, die fürs Kino verfilmt worden sind:
  • We Can Remember it for You Wholesale – verfilm als Die totale Erinnerung – Total Recall
  • Second Variety – Screamers
  • The Minority Report – Minority Report
  • Paycheck – Paycheck
  • A Scanner Darkly – A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm
  • The Golden Man – Next
  • The Adjustment Team – Der Plan
  • Do Androids Dream of Electric Sheep? – Blade Runner
Von den Kino-Verfilmungen fehlt nur Impostor, das allerdings auch in Deutschland nur auf DVD erschienen ist – möglicherweise ist dieser Film nie auf Bulgarisch verfügbar gewesen.
In Bulgarien sind ausserdem noch einige Kurzgeschichten in Anthologien und Magazinen erschienen.
Kaufen kann man bulgarische Ausgaben von Dick in Bulgarien – in Sofia fand sich in der ersten (allerdings nach vorher sorgfältiger Recherche) besuchten Buchhandlung, Greenwich Book Center, der oben gezeigte Band von Dick im Regal. Online bestellen scheint möglich, man muss halt mit einer bulgarischen Webseite klar kommen, dem Zahlungsabwickler und Anbieter vertrauen und den Versand zahlen wollen. Für mich war das nicht so einfach. Die älteren Bände werden alle sehr günstig antiquarisch angeboten, sind also nicht selten, aber aus Deutschland noch schwerer zu erreichen als Neubücher.
Ein Überblick und vollständigere Daten für die Verfilmungen gibt es hier im Blog und eine Liste aller Sprachen, in die Philip K. Dick übersetzt ist, findet sich hier.

Preise

"Омнибус", Bard (2017). ISBN 978-954-655-742-1. 36,99 Leva bzw. 18,90 Euro.