Samstag, 16. Dezember 2017

Der unteleportierte Wal

The Prince of Whales, 2. Jahrgang, 1. Lieferung (1988).
Ein Philip-K.-Dick-Themenheft, geschrieben und
 herausgegeben von Karl-Ulrich Burgdorf
Eines der Fanzines, auf das ich vor meinem Besuch in Wetzlar am neugierigsten war, war The Prince of Whales. Diese Magazin für Walfang und verwandte Fragen ist in den Jahren 1987 bis 1993 in elf Ausgaben von Karl-Ulrich Burgdorf herausgegeben worden, dem Übersetzer einiger Romane von Philip K. Dick. Die Ausgabe des 2. Jahrgangs (1988) - 1. Lieferung ist dann auch ein Philip-K.-Dick-Themenheft, das sich im wesentlichen mit Burgdorfs Übersetzung von Dicks Romans Der unteleportierte Mann beschäftigt.
The Prince of Whales, die Nummerierung
der ersten Auflage 
Im Original heisst der Roman von der Erstausgabe 1964 The Unteleported Man, ab 1984 dann Lies, Inc. Erschienen ist er (nur) in acht weiteren Sprachen - und eben in Deutsch, wo die deutsche Übersetzung des Romans von Burgdorf 1984 bei Bastei-Lübbe und seitdem nicht wieder verlegt ist. Diese Ausgabe enthält in einzigartiger Weise die verschiedenen Versionen des Buches, die ansatzweise die Entstehungsgeschichte erkennen lassen. Der Artikel von Burgdorf im Prince führt das aus.
Das Heft enthält ausserdem, neben einigen Leserbriefen zu vorigen Ausgaben, noch eine Rezension des Romans von Holger Marks, Philip K. Dick - der unteleportierte Mann und andere Realiäten, der ursprünglich in Sonnenwind 2 (1984) erschienen war.
The Unteleported Man, Berkley (1983) mit einem
kurzen Vorwort von Dicks Agenten Russ Galen zur Ent-
stehungs- und Publikationsgeschichte des Romans
Das Heft hat 24 Seiten und hat eine erste nummerierte Auflage von 50 Exemplaren. Eine zweite Auflage von 25 Exemplaren ist offenbar später erschienen. Burgdorfs Betrachtungen hätten sicher eine etwas weitere Verbreitung verdient.
Ein direkterer Bezug des Romans zum Prince of Whales, den Burgdorf aber sicher nicht gebraucht hätte, um in seinem Fanzine über Dick und seine Übersetzung zu schreiben, ergibt sich aus dem Namen des Planeten, zu dem der Protagonist Rachmael ben Applebaum im unteleportierten Mann auswandert, er heisst Walmaul [Whale's Mouth].
Ich konnte übrigens keinen Zusammenhang von Cover und Inhalt der besprochenen Ausgabe feststellen, aber das sollte einem bei einem als dem wohl skurillsten Zine Deutschlands bezeichneten Magazin wohl nicht wundern.
Für den Sammler bleibt nur die Hoffnung, dass sich dieser Prince of Whales sich doch einmal in einem der Netzte verfängt und so der Sammlung hinzugefügt werden kann - das ist bei solchen Stücken aber doch (grosse) Glückssache. Da ist es um so schöner, wenn sie an einem Ort wie der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar wenigstens zugänglich sind.
Eine komplette Bibliographie von Karl-Ulrich Burgdorf findet sich auf seiner Webseite.


Samstag, 2. Dezember 2017

Auf andere Seiten ... von Witwen und Waisen

Bereits 2016 sind die Memoiren von Maer Wilson mit dem Titel The Other Side of Philip K. Dick  und dem Untertitel A Tale of Two Friends als Selbstveröffentlichung bei CreateSpace erschienen.
Als Sammler lehne ich Print-on-Demand Selbstveröffentlichungen in meiner Sammlung normalerweise strikt ab, da sie aus bibliophiler Sicht gar nichts bieten können. Ausserdem stellen diese inflationär gewordenen Selbstveröffentlichungen den Zusammenhang mit Philip K. Dick ausschliesslich zur Verkaufsförderung her, inhaltlich ist das meist kaum begründet.
The Other Side of Philip K. Dick von Maer Wilson
Wilsons Memoiren aber gewinnen viel Glaubwürdigkeit durch den Blurb von Dicks Freund und renommierten Autor James Blaylock. Die positiven Äusserungen von Tim Powers, ebenfalls einem Freund von Dick, kommen dazu - und sein Name war für mich dann auch entscheidend für den Kauf.
Maer erzählt dann auch recht kurzweilig aus der Zeit ihrer Bekanntschaft - oder Freundschaft - mit Dick. Sie kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie an einigen Schlüsselereignissen seiner Biographie teilgenommen hat. Das Bild, das sie von Dick zeichnet, erscheint auch plausibel und deckt sich sehr mit dem anderer Freunde dieser Zeit - als der verrückte Junkie wird Dick meist nur von den Leuten dargestellt, die viel weiter von ihm entfernt waren. Wilsons Erklärung, dass Dick sich stark auf seine Umgebung eingestellt hat und normal sein konnte, wenn die Leute um ihn herum normal waren, passt ins Bild. 
Nicht nachvollziehbar und daher recht unangenehm, sind nur die Ausfälle gegen Dicks Familie, speziell seine letzte Frau Tessa und seine Tochter Laura. Die Klagefreudigkeit des Philip K. Dick Trusts, der Dicks Kinder vertritt, mag hier ein Grund für eine möglicherweise verkürzte Darstellung sein.
Handwerklich ist dieses Buch leider kein voller Erfolg. Zum einen betrifft das die literarische Leistung. Echt jetzt. Vielleicht wollte Wilson - im Zweifel für den Autor - mit ihrer lebendigen Schilderung den Charakter ihres Werkes betonen. Klar, aber für mich klappt es nicht, Digger. Das ist schade, weil längere Strecken des Buches relativ normal und durch die langen Dialogpassagen auch sehr lebendig daherkommen, es fällt aber oft ins umgangssprachliche zurück, Mann. Wenn es Absicht war, dann hat es nicht funktioniert, es bleibt - zumindest für mich - sehr irritierend. Mensch, das wäre auch echt besser gegangen!
Ein zweiter Punkt betrifft die bibliophilen Aspekte des Buches. Durch das Erscheinen als Selbstveröffentlichung bei CreateSpace, einer Amazon-Tochter, ist von dem Buch in Bezug auf Material und Verarbeitung nichts Besonderes zu erwarten. Die recht schlechte Qualität der Bilder mag der Produktion geschuldet sein, der absolut amateurhafte Buchsatz verantwortet bei einer Selbstveröffentlichung wohl auch die Autorin, solche Probleme lassen sich vermeiden. Aber auch CreateSpace könnte eine etwas bessere Layout-Software leisten, die solche Probleme automatisch löst. Schon auf der ersten Seite begegnet uns ein erster Schusterjunge, also eine am Seitenende stehende Zeile eines neuen Absatzes, der auf der Folgeseite fortgesetzt wird. Und auch das verwandte Hurenkind, also die letzte Zeile eines Absatzes, die zugleich die erste einer neuen Seite ist, ist nicht weit. Der Leser kriegt dadurch unweigerlich den Eindruck eines irgendwie selbstgemachten Buches, auch ohne Regeln für den Buchsatz zu kennen. Und diese formalen Ungenauigkeiten wirken letztlich auch auf den Inhalt zurück.
Erwähnen möchte ich noch, dass diese Buch mein Lesen nicht gut überstanden hat; man sollte halt Nahrung von seinen Büchern entfernt halten. Es ist halt leider so, dass Lesen (nach der Lagerung in einem feuchten Keller) das Schlimmste ist, was einem Buch aus Sicht des Sammlers passieren kann. Mein Fehler.
Aber trotz allem ist dieses Buch für jeden, der sich für das Leben von Philip K. Dick interessiert, eine spannende Ergänzung, wenn auch keine Pflichtlektüre. Ich empfehle es und so hat es denn auch den Weg in meine Sammlung gefunden, wie einige der ebenfalls bei CreateSpace publizierten Bücher von - ausgerechnet der angefeindeten - Tessa Dick.

Samstag, 4. November 2017

Ullstein

Ein Verlag, der in diesem Blog noch nicht gewürdigt wurde, ist der Ullstein Verlag. Der Hauptgrund dafür ist, dass Ullstein nicht viel von Philip K. Dick veröffentlicht hat, allerdings doch mehr als nur eine Einzelausgabe daher folgt hier jetzt doch noch ein Beitrag. Insgesamt sind zwei Romane und fünf Kurzgeschichten erschienen.
Ullsteins Science Fiction Stories 27, 28, 64 und 88 mit Kurzgeschichten von Philip K. Dick,
hier in der typischen schlechten Erhaltung, die man in seiner Sammlung nicht haben sollte
Vier der fünf Kurzgeschichten sind in Ullsteins langlebiger Reihe Science Fiction Stories herausgekommen. Diese Reihe wurde erstmals 1973 publiziert und hat 1982 mit der Nr. 92 ihr Ende gefunden. An den letzten drei Ausgaben hat noch Michael Nagula mitgearbeitet, der sich später u.a. bei Heyne um Dick bemüht hat.
In Ullsteins Anthologie Brennpunkt Zukunft ist dann 1984 noch Eine Kleinigkeit für uns Temponauten herausgekommen, übersetzt offenbar vom nicht ganz unbekannten Denis Scheck, der später noch für Haffmans Augen auf! [The Eyes Have It] in Erinnerungen en gros (1991) übersetzt hat.
Die Clans des Alpha-Mondes und Die Zeit: Auf Gegenkurs
Die zwei bei Ullstein erschienenen Romane von Philip K. Dick: Die Clans
des Alpha-Mondes
und Die Zeit: Auf Gegenkurs, beide von 1988
Der Roman Die Clans des Alpha-Mondes [Clans of the Alphane Moon] erschien 1988 als Neuübersetzung von Ronald M. Hahn, der vorher bereits Rezensionen von Romanen von Dick veröffentlicht hatte. Ullstein brachte auch Die Zeit: Auf Gegenkurs [Counter-Clock World] im gleichen Jahr als Neuübersetzung durch Thomas Ziegler heraus, der damit eine weitere der gekürzten Goldmann-Ausgaben kassierte. Ziegler hatte von Dick vorher bereits einige Romane übersetzt, u.a. die Valis-Trilogie. Beide haben dann noch eine eigene recursive Kurzgeschichte in Uwe Antons Willkommen in der Wirklichkeit beigetragen. Man trifft eben die gleichen Dickköpfe immer wieder. Beide Romane sind danach nicht noch einmal erschienen. Heyne hatte die Clans unter dem Titel Auf dem Alphamond im Programm angekündigt, diesen aber - wie ein paar andere - nie herausgebracht.
Erwähnenswert sind zwei weitere Bücher von Ullstein: Kreuzweg der Zeit von Andre Norton ist 1976 die erste deutsche Ausgabe dieses Buches mit der korrekten Angabe des Autoren, nachdem es vorher zweimal als Werk von Philip K. Dick ausgegeben worden war. Ausserdem ist 1984 der Philip K. Dick gewidmete Roman Rubikon von Michael Iwoleit herausgekommen, der Thema und Stil von Dick aufnimmt.
Bei Ullstein ist keinerlei Sekundärliteratur erschienen.
Beim Erwerb von Ullstein-Taschenbüchern des entsprechenden Alters sollte man unbedingt auf die Qualität achten. Es gibt sehr viele Mängelexemplare, ausserdem sind die Klebebindungen oft brüchig, nach persönlichem Empfinden scheinen diese Bücher insgesamt schlecht gealtert zu sein. Exemplare überstehen ein Lesen dieser Tage oft nicht mehr gut! Finden lassen sich die Anthologien sonst leicht und sehr günstig, die Romane sind für Taschenbücher dieser Art etwas teurer, vermutlich weil es keine neueren Ausgaben gibt.
Die vollständige Bibliographie der Bücher des Ullstein Verlags mit Beiträgen von Philip K. Dick findet sich auch hier in diesem Blog.

Montag, 30. Oktober 2017

Italienisch

Folia per sette clan, die italienische Ausgabe von Die Clans
des Alpha-Mondes
[Clans of the Alphane Moon], in einer
Ausgabe des italienischen "Dick-Verlages" Fanucci von 1998
Italien - das Land, das Philip K. Dick und sein Werk am meisten liebt! Nicht Frankreich, ein Land, das Dick besucht und das ihm bekanntlich viel Liebe gezeigt hat oder unser Deutschland, das sich auf Dichter und Denker versteht - Italien hat die meisten (übersetzen) Ausgaben von Dicks Werken herausgegeben. Und es gibt auch alle neun Mainstream-Romane auf Italienisch - in Deutschland ist das leider (noch?) nicht so.
Kurz zum Anfang: 1958 erschien als erste Dick-Ausgabe eine Übersetzung von Dicks erstem Roman Solar Lottery: Il disco di fiamma bei Mondadori. Unter dem Titel Griff nach der Sonne war das übrigens im gleichen Jahr auch in Deutschland der erste Roman von Dick - und wohl die ersten Übersetzungen von Dick überhaupt. Mondadori blieb auch bis 2002 der grösste Dick-Verlag. Ab 2003 hat dann der Fanucci Verlag Dick exklusiv übernommen. Ganz allgemein gibt es in Italien offenbar die Tendenz Romane in Serien bzw. Reihen herauszugeben. Fanucci hat nun sehr viele dieser Reihen herausgegeben und jede umfasst die gängigsten rund 25 Romane ... so kommt man schnell auf über 170 Ausgaben allein seit 2003 - zusätzlich zu knapp 50 weiteren in den Jahren vorher: Fanucci hat mehr als 220 Ausgaben herausgebracht und ist damit in meinem - allerdings unvollständigen - Katalog mit Abstand der fleissigste Verlag, so weit es Ausgaben von Philip K. Dick betrifft. Und jede Ausgabe hat hier ihre eigene ISBN, das macht die Orientierung etwas leichter.
Sehr schön, das ist wirklich auffällig, sind bei vielen der italienischen Ausgaben die vielen Extras, es gibt Biographien, Bibliographien, Interviews und Essays, kaum eine hat nicht wenigstens ein (vermutlich) kluges Vorwort.
Erwähnt werden muss hier auch noch eine Maurizio Nati, Übersetzer von nicht nur über einem Dutzend Romanen, sondern auch von der Exegese, von der es eine ledergebundene (!) italienische Ausgabe gibt, natürlich bei Fanucci (2015). Nati war auch in der leider untergegangenen, legendären Philip K. Dick Discussion Group aktiv und hat dort in faszinierenden Diskussionen Übersetzungsfragen debattiert.
Die beste bibliographische Seite, die ich im Internet finden konnte - und die für die Recherche unerlässlich war - ist der Catalogo Vegetti della letteratura fantastica; leider ist nur die Zeit bis etwa 2009 erfasst - über 100 der neuesten Fanucci-Ausgaben fehlen dort also. Dafür sind dort auch alle Veröffentlichungen von Kurzgeschichten von Dick gelistet, es steckt sehr viel Arbeit darin.
Kurz zurück zur Liebe der Italiener zu Philip K. Dick: Der Vergleich zwischen Ländern auf Basis der Anzahl der Ausgaben ist natürlich nicht fair. Wir kennen die Auflagenhöhen der einzelnen Ausgaben nicht und in anderen Ländern werden vielleicht lieber Originalausgaben gelesen. Wir können also nicht beweisen, dass die Italiener die grössten Dick-Fans sind - sehr grosse Fans sind sie aber ohne Zweifel!
Aktuelle italienische Bücher kann man in Deutschland relativ einfach kaufen, antiquarisch muss man halt über die Portomauer. Die grosse Zahl der Ausgaben macht das Sammelgebiet sicher nicht leichter, aber interessant. Stichproben zeigen, dass auch ältere Ausgaben zu finden sind, es wird aber sicher auch hier Juwelen geben, nach denen man länger schürfen muss.
Eine Liste aller Sprachen, in die Philip K. Dick übersetzt ist, findet sich bekanntlich hier im Blog.

Samstag, 14. Oktober 2017

Es passiert jetzt

Eine sehr aktuelle Kurzgeschichte von Philip K. Dick ist Psi-Mensch, heil mein Kind. Es geht um eine postapokalyptische Welt, ein Motiv, das wir bei Dick häufiger finden. Es gibt einige Kurzgeschichten, die dieses Motiv verwenden, aber natürlich auch den hervorragenden Roman Nach der Bombe (Dr. Bloodmoney, or How We Got Along After the Bomb). Ein weiteres Motiv dieser Erzählung sind die Mutanten mit Psi-Fähigkeiten, das oft mit dem Motiv der Postapokalypse verbunden ist. Bei Dick sind die Mutanten aber oft keine Folge eines apokalyptischen Krieges, sondern eine davon unabhängige, meist positive Fortentwicklung des Menschen. Die Mutanten werden dabei aber meist angefeindet und mit Misstrauen betrachtet. Aktuell ist Psi-Mensch aber nicht wegen dieser eher düsteren Motive, sondern weil sie wohl als einzige Geschichte von Dick in diesem Jahr spielt, also 2017.
Imaginative Tales, November 1954 mit der Kurzgeschichte Psi-Man, Heal My
Child! von Philip K. Dick. Das Titelbild von Lloyd Rognan illustriert The Metal
Emperoreine andere im Heft abgedruckte Kurzgeschichte
Erstmalig erschienen ist Psi-Man Heal My Child! in Imaginative Tales vom November 1955. Es ist die einzige Kurzgeschichte von Dick in diesem Magazin, eines der vielen mehr oder weniger kurzlebigen Pulps der damaligen Zeit  (*September 1954, † Ende 1958). Obwohl es schlechtere Kurzgeschichten von Dick gibt, ist diese Geschichte in keiner Anthologie und nur in zwei Sammlungen erschienen, sowie natürlich den diversen Ausgaben der Collected Stories. Die gelegentlich umfangreichen Nach- und Hinweise, die den Collected Stories angefügt sind, wissen zum Psi-Man nur noch, dass Dicks Originaltitel Outside Consultant war und dass das Manuskript bei seinem Agenten, der Scott Meredith Literary Agency, am 8. Juni 1954 eingegangen ist.
Auf Deutsch gibt es die Kurzgeschichte nur in den beiden Ausgaben der Sämtlichen Erzählungen, also in Fosterdu bist tot, Haffmans (2001) und in Das Vater-Ding, Zweitausendeins (2008). In den beiden Bänden sind Klaus Timmermann und Ulrike Wasel als Übersetzer angegeben, leider ist das nicht getrennt nach den einzelnen Geschichten gelistet.
Imaginative Tales ist gut erhältlich, aber im Durchschnitt etwas teurer als manch anderes Magazin der Zeit. Entscheidend beim Kauf sollte aber auch die kritische Betrachtung des Zustandes sein. Man muss bei Pulps aus den 50er Jahren entweder Zugeständnisse bezüglich der Qualität machen oder (sehr) lange suchen und bereit sein ggf. deutlich mehr zu bezahlen. Häufig sind aber die Zustandsbeschreibungen unvollständig und Fotos fehlen oder sind wenig aussagekräftig, ausserdem scheinen die Bewertungskriterien bei Pulps auch weniger streng zu sein als für vergleichbare Taschenbücher, Very Good kann da schon gestempelt und mit einem leichten Wasserschaden sein. Es gilt also - falls das möglich ist - noch mehr als sonst caveat emptor!
Ein bisschen mehr Informationen zur Kurzgeschichte gibt es natürlich bei den PhilipKDickFans, einen Überblick über alle von Dick erschienen deutschen Übersetzungen seiner Sämtlichen Kurzgeschichten in diesem Blog.

Samstag, 7. Oktober 2017

Blade Runner 2049

Ein Kino in Deutschland: Früher wurden die aktuellen Filme draussen noch
annonciert, heute muss man wohl froh sein, dass es noch Kinos gibt
Blade Runner 2049 ist - nach meinem Empfinden - in Deutschland relativ lautlos angelaufen. Hauptdarsteller Harrison Ford und Ryan Gosling waren offenbar in Berlin und es gab ein paar der üblichen Zeitungsartikel, aber sonst doch eher wenig. Im Feuilleton ist der neue Blade Runner aber definitiv nicht angekommen. Eigentlich merkwürdig: Philip K. Dick ist dort ja schon länger, der originale Blade Runner von 1982 doch eigentlich auch und diesem Film werden durchaus Ambitionen auf einen Oscar nachgesagt - wo bleibt die ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Film? Nun ja.
Blade Runner 2049 will auf jeden Fall mehr als eine billige Sequel sein, die das Franchise ausbeutet. Und die Themen - Androiden, künstliche Intelligenz und Dicks was ist menschlich? - liegen doch auch sehr im Trend. Aber auch das Original ist ja seinerzeit relativ langsam gestartet und hat einige Jahre gebraucht, um der Kultfilm zu werden, der er heute ist.
Wer die letzten achtzehn Monate seit Ankündigung des Films nicht mitbekommen hat, kann das wichtigste davon in der Zukunft nachlesen, dort sind nicht nur die diversen Trailer gesammelt, sondern auch die absolut sehenswerten Prequels, die allerdings nur auf Englisch vorliegen: 2036: Nexus Dawn2048: Nowhere to Run und der Animationsfilm Black Out 2022, die im Film durchaus eine Rolle spielen.
Es ist sicher jede Menge von Ridley Scotts Blade Runner von 1982 in diesem Blade Runner 2049, aber wieviel Philip K. Dick ist darin? Obwohl die ursprünglichen Drehbuchautoren Hampton Fancher und David Peoples nach eigenen Angaben nichts von Dick gelesen hatten und Peoples wohl nicht einmal Do Androids Dream of Electric Sheep?, sondern nur auf Basis von Fanchers Script gearbeitet hat, ist doch sehr viel Dick im Blade Runner - wenn auch an anderer Stelle und auf andere Weise als in der Vorlage. Man hat sich offenbar bemüht, einiges aus dem Roman hinüberzuretten, Dick war ja letztlich auch sehr glücklich mit dem, was er von der Verfilmung noch sehen konnte - er hat allerdings vorwiegend die visuellen Effekte gelobt, die eigentliche Story hat er in der sehr kurzen Rohfassung wohl kaum erkennen können.
Früher war mehr Lametta: Selbst für die Premiere ist sparsam geschmückt,
ein Selfie mit dem Pappaufsteller war nicht möglich: Zwei müde Plakate in der
Ecke waren alles, was das Kino aufbieten wollte
Wieviel Dick ist nun noch in Blade Runner 2049? Richtig viel Dick lässt sich schon in den drei Prequels nicht mehr finden. Der Film selbst hat natürlich einige Bezüge auf das Original und zitiert ihn des Öfteren - die Fans erwarten das. Philip K. Dick ist aber nicht mehr drin. Um so bemerkenswerter sind zwei winzige Details, die vielleicht direkt auf DADoES zeigen. Vermutlich um die Fans mitzunehmen und die Glaubwürdigkeit des neuen Blade Runner zu steigern, hat man für diesen Film auch Edward James Olmos gewinnen können, den Schauspieler, der Gaff spielt, den mysteriösen Polizisten. In diesem Film wird er kurz im Altersheim gezeigt, eine für die Handlung so gänzlich überflüssige Szene, dass sie negativ auffällt, so nett es ist, Gaff noch einmal zu sehen - die Szene scheint nur für diesen Zweck ins Drehbuch montiert zu sein. Spannend ist aber, dass Gaff auch hier ein Origami-Tier faltet: Ein Schaf. Das muss ein Bezug auf den Originaltitel von Dicks Roman sein! Oder Gaff will K sagen, dass er ihn für ein Schaf hält, dass alles erduldet und mitmacht.
Ein meines Erachtens eindeutiger Bezug auf den Roman ist aber der Besuch beim freundlichen Holzanalytiker, natürlich ein Zitat auf eine analoge Szene im ersten Film, in dem Deckard die Schlangenschuppe untersuchen lässt. Hier bietet der freundliche Herr für das offenbar ausserordentlich wertvolle Holz mehrfach ein lebendes Pferd - und schliesslich, einmalig und quasi als Steigerung: Eine Ziege. Ist das die Ziege, die sich Deckard im Roman kauft und die leider nur ein kurzes Leben hat, bevor die verärgerte Rachel sie vom Dach wirft? Ansonsten ist das Auftauchen einer Ziege an dieser Stelle des Films unerklärlich. Eigentlich sind Ziegen nicht attraktiv. Warum würde man als Steigerung von Pferd eine doch eher unattraktive, ggf. stinkende Ziege anbieten? Warum nicht etwas Nettes, eine Eule oder einen Hund etwa? Vielleicht hat sich Fancher, der auch am neuen Script mitgeschrieben hat, hier noch einmal an das Original erinnnert ...
Auch wenn dies ist keine Filmkritik ist, sei gesagt, dass mir der Film sehr gut gefallen hat. Nicht nur visuell grossartig, auch Handlung und Schauspieler haben gepasst. Und wieviel Philip K. Dick in diesem Film ist, ist kein Bewertungsmassstab - nicht einmal in diesem Blog.
Ein Buch zum Film gibt es für diesen Blade Runner nicht, nur Neuauflagen des Blade Runner in diversen Sprachen, auch auf Deutsch, bei Fischer, das habe ich hier im Blog schon vorgestellt.
Ob die DVD, die folgen wird, in meine Sammlung kommt, muss ich mir noch überlegen. Mal sehen ... aber eher nicht. Das ist mir alles ein bisschen zu weit weg von Dick.
Warten wir ab, ob es für einen Oscar reicht.
Und als zusätzlichen Web-Tipp hier das Script von Ridley Scotts Blade Runner

Samstag, 30. September 2017

Blade Runner übersetzt, überbersetzt, übersetzt

Nachdem Fischer die kürzlich erschienene Neuübersetzung des Blade Runner mit dem Adjektiv kongenial bewirbt, lohnt sich vielleicht ein eingehender Blick auf die verschiedenen deutschen Übersetzungen dieses Werkes, davon gibt es nämlich auf den zweiten Blick einige Varianten mehr, als man vermutet.
Schon 1969, das ist nur ein Jahr nach dem Erscheinen in den USA, gibt es die Erstübersetzung von Norbert Wölfl für den Marion von Schröder Verlag. Die folgende Ausgabe des Romans erscheint 1971 bei Heyne - mit einer gekürzten Version der Übersetzung; es fehlen nicht nur die diversen dem Haupttext vorgestellten Zitate und die Widmung auch der Haupttext selbst ist erheblich gekürzt. Heyne hat diese Kürzungen auch bei allen folgenden Ausgaben der Wölfl-Übersetzung beibehalten.
Für Haffmans erfolgt 1993 die Überarbeitung der ungekürzten Übersetzung durch Jacqueline Dougoud, die für alle folgenden deutschen Ausgaben des Blade Runner verwendet wurde - bis auf die von Heyne 1998, die noch einmal auf die gekürzte Wölfl-Version zurückgreift. Die "zweite Auflage" erschien bei Haffmans 1997 mit neuem Cover und Titel - für die Sammlung sind das also ganz sicher zwei separate Einträge. Erwähnenswert ist auch, dass die zweite Auflage neu durchgesehen ist, Unterschiede konnte ich aber - ausser natürlich dem Titel - nicht finden.
Blade Runner von Philip K. Dick, erschienen 1993 bei Haffmans, links,
und rechts die zweite Auflage von 1997 unter dem neuen Titel Träumen
Androiden von elektrischen Schafen?
Eigentümlich ist weiterhin, dass zwei Ausgaben der Dougoud-Übersetzung, nämlich Heyne von 2009 und Fischer von 2014, zumindest eine Änderung gegenüber den vorigen Übersetzungen haben - Buster Freundlich heisst hier Buster Friendly. Andere Änderungen kann ich an diesen Ausgaben bei einem oberflächlichen Vergleich nicht finden. Es erscheint aber eigentümlich, dass Heyne 2009 für den Sammelband Blade Runner, Ubik, Marsianischer Zeitsturz die Übersetzung minimal - oder gar nur bei einem Ausdruck - überarbeitet (die Übernahme von Fischer ist dann natürlich konsequent).
Nicht wirklich einfacher wird die Lage dadurch, dass Verlage im Allgemeinen und hier Heyne und Fischer im Speziellen nicht sehr sorgfältig bei der Angabe der Übersetzers sind. Heyne gibt die Kürzungen der frühen Ausgaben nicht an, für die Ausgabe von 2009 ist nur Norbert Wölfl angegeben, obwohl es sich um die von Jacqueline Dougoud überarbeitete Version handelt. Und Fischer gibt 2014 im Buch fälschlich Michael Nagula an, korrigiert das halbwegs auf seiner Webseite und gibt dort Wölfl an - natürlich handelt es sich hier auch um die Wölfl/Dougoud-Version.
Ganz separat muss man den jeweils gewählten Titel der verschiedenen Ausgaben betrachten. Die erste Übersetzung von Do Androids Dream of Electric Sheep? - wohl von Wölfl - ist Träumen Roboter von elektrischen Schafen? Mit der dritten Ausgabe des Romans im Jahre 1982 - Das Buch zum Film mit zahlreichen Fotos - wird der Titel aus naheliegenden Gründen auf Blade Runner geändert. Nur die zweite Auflage von Haffmans von 1997 versucht wieder zurück zum Originaltitel zu kommen, ersetzt allerdings Roboter durch Androiden: Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Auch wenn Androiden in der Übersetzung dem Original wohl besser entspricht, gefällt mir persönlich
Alle folgenden Ausgaben sind aber wieder bei Blade Runner. Die aktuelle Ausgabe von Fischer (2017) trägt die Androiden immerhin wieder im Untertitel, aber versteckt auf dem Titel, nicht auf dem Cover.
Ein Punkt, der bei allen deutschen Übersetzungen übereinstimmt, ist der Tag, an dem der Roman beginnt, nämlich am 3. Januar 1992. So hat es Dick 1968 auch geschrieben. In den englischen Ausgaben war der Text ab 1982 oft auf den 3. Januar 2021 geändert, weil 1992 zu diesem Zeitpunkt bereits zu nah war - und zu diesem Zeitpunkt Androiden der von Dick beschriebenen Art nicht mehr plausibel waren. Spätere englische Ausgaben sind dann auch wieder zum Originaltext zurückgekehrt.
Für eine Übersicht über alle deutschen Ausgaben des Blade Runner mit vollständigen bibliographischen Daten hat dieser Blog eine separate Seite.