Samstag, 13. Juli 2019

Meisterhaft

Der für Philip K. Dick wichtigsten britischen Verlag ist Gollancz, ein Imprint der Orion Publishing Group. Sammelt man englischsprachige Ausgaben von Dick in Europa, so begegnet man zwangsläufig Ausgaben der SF Masterworks Reihe von Gollancz. Der Sammler begegnet hier allerdings zahlreiche Tücken.
Einige Bände der ersten SF Masterworks Reihe
Dafür sollte man die Struktur dieser Reihe verstehen. Unter SF Masterworks firmieren bei Gollancz nämlich zwei unterschiedliche Reihen von Büchern: Es gibt eine alte Reihe mit 14 Romanen von Dick, die zwischen 1999 und 2009 erschienen sind. Die Lage ist hier recht klar. Von den 73 Büchern der Reihe sind 14 Romane von Philip K. Dick mit eigenen ISBNs und jeweils einem Cover und das Ersterscheinungsdatum steht im Impressum. Das Logo der Reihe ist der horizontale Schriftzug SF MASTERWORKS, gefolgt von einem farbigen Kreis. Die Cover der Reihe sind alle von Chris Moore. Für Dr Bloodmoney (man beachte, dass die britischen Ausgaben auf den Punkt hinter dem Titel verzichten) findet sich auch eine Phantomausgabe, der Himmel des Covers ist hier gelb, nicht blau. Ich habe nie eine verlässliche Abbildung dieser Variante gesehen - vermutlich hat hier Gollancz wieder einmal das Cover vor dem Erscheinen des Buches geändert, das Werbematerial basierte aber auf ursprünglichen Entwürfen.
Philip K. Dicks The Man in the High Castle,
Gollancz (2001), SF Masterworks, ein
Hardcover mit der Nummer 72 bzw. 73
Aus der Reihe fällt dann der letzte Band, The Man in the High Castle; es handelt sich ausnahmsweise um ein Hardcover (ohne Schutzumschlag), nur die letzten drei Bände der Reihe sind Hardcover. Die Ausgabe wird auf und im Buch durchgängig als "72" bezeichnet, es handelt sich aber um die Nummer 73, das letzte der Reihe, aber das ist ja nicht der erst Fehler mit Dick. Und kein anderer Autor dieser Reihe hat so viele Bücher in dieser Reihe, der Brite Arthur C. Clarke als zweiter kommt nur auf vier.
2010 ist dann die neue Reihe im neuen Design erschienen und die Ausgaben stellen sich etwas komplizierter dar. Das Logo der neuen SF Masterworks (II) Reihe ist wieder der Schriftzug SF MASTERWORKS, aber einheitlich in gelb, gefolgt von einem gelben Kreis, hochkant am linken Rand des Covers. Im Impressum erscheint regelmässig nur das Datum der Erstausgabe der ersten Reihe, bei vielen Bänden ist es daher schwer ein Erscheinungsjahr anzugeben. Es scheint auch so zu sein, dass die Zählung der Auflage, das printing, zwischen der ersten und der zweiten Reihe fortgesetzt wird. Für Gollancz sind die Bände dieser Reihe also im wesentlichen nur neue Auflagen mit kleinen Änderungen.
Altes (links) und neues (rechts) Design - man erkennt die
Verschiebung nach Orange/Gelb und den vertikalen
Schriftzug SF MASTERWORKS
Auch die Illustration des Covers ist beibehalten, folgt aber einem anderen Farbschema, es ist mehr gelb oder orange. In diesem Jahr soll der zwölfte Roman der Reihe erschienen.
Kompliziert wird es, wenn wir die ISBNs betrachten. Viele der Bücher verwenden die ISBNs der alten Reihe, einige haben zusätzlich neue ISBNs, die nur für die neue Serie verwendet werden - und einzelne Romane haben bis zu drei unterschiedliche neue ISBNs. Ausserdem gibt es Varianten der Cover, zumindest für Do Androids Dream of Electric Sheep?.
Diese neue Reihe macht also einiges an Ärger für den Sammler, der es wirklich ganz richtig machen oder verstehen will. An diesem Artikel habe ich daher auch einige Zeit herumgenagt - und mir sogar ein oder zwei Bücher extra dafür gekauft, um Licht in einige dunkle Ecken dieser Serie zu bringen - Ecken, die vermutlich sonst niemand sehen will.
Vier Bände der neuen Reihe
Ausserdem gibt es noch eine aufwändige zehnbändige Reihe, die 2001 publiziert wurde. Diese zehn Hardcovers mit Schutzumschlag sind mit römischen Zahlen nummeriert, Band III ist als Beitrag von Dick noch einmal The Man in the High Castle. Auf dem Cover sieht man einen goldenen Turm und davor einen roten Hubschrauber.  Mit dieser ISBN findet sich im Netz auch ein Cover mit einem Raumschiff, das beschossen wird. Diese Ausgabe ist wohl auch ein Geisterband, ich konnte ihn noch nicht wirklich zweifelsfrei beobachten: Es gibt keine Fotos. Und die vorhandenen Abbildungen sind vermutlich Vorabveröffentlichungen des Verlags, die dann niemals so erschienen sind - sondern eben so, wie man sie jetzt sieht. Um die Lage gänzlich zu verwirren, gibt es hier zwei ISBNs.
Und dann gibt es in der neuen Reihe noch die Anthologie Dangerous Visions, herausgegeben von Harlan Ellison im Jahre 1967, so legendär und richtungsweisend, dass sie ihren eigenen Wikipedia Eintrag hat. Hier soll nur erwähnt werden, dass sie Dicks Kurzgeschichte Faith of Our Fathers [Glaube unserer Väter] enthält und bei Gollancz 2012 publiziert wurde.
Für das Ende des Jahres, den 14. November, ist eine weitere - allerdings schon mehrfach aufgeschobene - Hardcover Ausgabe von The Man in the High Castle angekündigt, mit eigener ISBN. Das Cover ist eine Variante der bekannten Chris Moore Illustration der Freiheitsstatue mit Hitlergruss, allerdings in orange statt in blau. Man findet diese Ausgabe auch schon länger mit der ISBN der Ausgabe der ersten Reihe, diese Ausgabe gibt es aber vermutlich nicht (→ Geisterband). Nach diesem Band fehlt von den 14 Ausgaben der ersten Reihe nur noch Now Wait for Last Year in der neuen Reihe.
Die Ausgaben der Masterworks Reihe sind nach meiner Beobachtung nicht teuer - und obwohl auf der Verlagswebseite nicht mehr zu finden, auch noch verlagsfrisch bei diversen Anbietern - teilweise sehr günstig - erhältlich. Schwieriger wird es, wenn man sehr spezielle Ausgaben haben möchte - man muss wirklich aufpassen, dass man die richtige Ausgabe erwischt, die doppelten ISBNs sind hier sehr verwirrend.  Auch die vielen kleinen Varianten können das Sammeln schwer machen - letztlich kann man nur echten Angebotsfotos trauen, die man häufig nur in der Bucht findet. Und das Porto auch aus Grossbritannien kann teuer sein.
Im Netz finden sich zwei Sammlungen der SF Masterworks, eine bei World without Ends, eine weitere speziell nur zu SF and Fantasy Masterworks - und bibliographisch perfekt natürlich bei isfdb, auch Wikipedia hat einen (englischen) Eintrag. Hier im Blog gibt es eine Liste der Bücher von Philip K. Dick in der Reihe SF Masterworks mit allen bibliographischen Informationen auch zu den vermeintlichen Geisterbänden.

Samstag, 6. Juli 2019

Als Sammler hat man's schwer!

Ein Philip K. Dick Comic
Ach, als Blobbel hat man's schwer, Büchergilde
Gutenberg (2019) illustriert von Katia Fouquet
Eine Überraschung hat mir (schon wieder) die Büchergilde Gutenberg bereitet. Gerade erst neulich habe ich dort schon die britischen Ausgaben der Folio Society gefunden. Jetzt findet sich dort ein Heft der Reihe Die Tollen Hefte mit dem Titel Ach, als Blobbel hat man's schwer!
Katia Fouquet hat hier für uns auf 32 Seiten die gleichnamige Kurzgeschichte von Philip K. Dick illustriert - und das ist nicht nur deshalb sensationell, weil es in Deutschland (derzeit) wenig genug Beiträge zu Leben und Werk von Dick gibt. Sondern, weil es einfach sehr schön geworden ist.
Viel Wert haben Künstlerin und Herausgeberin auf die Farben gelegt, das Verfahren gibt dem Künstler hier wohl auch eine grössere Kontrolle als üblich. Das Heft ist im typischen Stil von Fouquet gestaltet, als grafische Elemente treffen auf zeichnerische Strukturen beschreibt das Page.
Beigelegt ist dem Comic ein 24-seitiges Heft mit dem deutschen Text der Kurzgeschichte in der aktuellen Übersetzung.
Das Blobbel-Heft trägt die Nummer 46 bei den Tollen Heften - auch wenn es sich schon um die 50. Ausgabe handelt. Man hatte die 46 ausgelassen und jetzt nachträglich herausgegeben - das wird zukünftige Sammler dieser Reihe verwirren, das ist klar. Dieser 50. Band ist allerdings auch der letzte der Reihe, die damit nach 28 Jahren endet.
Die Hefte haben 32 Seiten, einen Schutzumschlag, sie sind fadengeheftet und allen liegt zusätzlich eine Graphik, ein Poster, oder ähnliches bei. Die Auflagen sind limitiert und in der aufwändigen Original-Flachdruck-Graphik hergestellt. Den 150 nummerierten und signierten Vorzugsausgaben ist eine zusätzliche ebenfalls signierte Graphik beigelegt. Auch das Beiheft ist auf der Rückseite separat signiert.
Signierter Siebdruck (links) und Beilage (auf Rückseite signiert)
Herausgegeben werden die Tollen Hefte seit einigen Nummern von der Illustratorin Rotraut Susanne Berner, die die Reihe 2012 von ihrem verstorbenen Mann, dem Erfinder der Reihe, Armin Abmeier übernommen hat. Abmeier hat laut Berner Philip K. Dick verehrt, ebenso wie T. C. Boyle. Berner selbst dürfte vielen Eltern durch ihre Wimmlingen-Wimmelbücher bekannt sein - die Reihe ist jetzt ein ganzes Merchandising-Imperium geworden, das berührt aber den Charme der ursprünglich fünf Bücher nicht. In ihrem Blog schreibt Berner über die Reihe und auch speziell über dieses Heft.
Schön ist, dass diese Veröffentlichung nicht aus der Science Fiction Ecke kommt, sondern aus einer künstlerisch-literarischen. Fouquet hat vorher Camus illustriert, bei der Büchergilde erschien von ihr eine Graphic Novel zum 100. Geburtstag von Albert Camus: Jonas, oder der Künstler bei der Arbeit. Auch Berner kann man keine Nähe zur Science Fiction vorwerfen. Und in den Tollen Heften findet sich literarisches und noch mehr künstlerisches, aber vorher keine Science Fiction.
Ausschnitt der (einzigen) Illustration der Erstausgabe
von Oh, to Be a Blobel! im Februar 1964 im
Magazin Galaxy: Dr. Jones (links) und die Munsters
Die Kurzgeschichte Ach, als Blobbel hat man's schwer! ist im Original als Oh, to Be a Blobel! zuerst im amerikanischen Magazin Galaxy vom Februar 1964 herausgekommen. Man kann das hier im phantastischen Internet Archive im Original nachlesen. Die erste deutsche Übersetzung erschien schon 1965 als Wenn man ein Blobel ist ... in 9 Science Fiction Stories bei Heyne. Es gibt immerhin neun weitere Ausgaben mit wechselnden Titeln, seit 1994 in der Übersetzung von Thomas Mohr mit dem verdoppelten l im so runder auszusprechenden Blobbel, zuletzt in Total Recall Revisited bei Fischer (2014).
Inhaltlich erinnert die Pointe der Geschichte zunächst ein wenig an Das Geschenk der Weisen von O. Henry (dem Pseudonym von William Sydney Porter): Der Mann verkauft seine wertvolle und geliebte Uhr für ein Weihnachtsgeschenk für seine Frau, die ähnliches tut, um ihrem Mann eine Kette für die Uhr zu kaufen. Am Schluss stehen beide mit einem nutzlosen Geschenkt da. Bei Porter haben die beiden aber etwas gewonnen. Bei Dick ist das ... wohl nur teilweise so und statt besinnlicher Weihnachtsstimmung ist viel Sarkasmus in dieser Geschichte.
Verkauft wird die Reihe seit der Nummer 50 von der Büchergilde nur an Mitglieder, also auch die Nummer 46. Man kann das Heft allerdings schon auf dem offenen Markt finden, dort derzeit noch deutlich teurer. Die einmalige Gesamtauflage liegt bei zweitausend Exemplaren. Und ob man die knappe, auf 150 Exemplare limitiert Vorzugsausgabe überhaupt ergattern kann, ist fraglich - zumal diese Reihe wohl auch intensiv gesammelt wird.
Zur Kurzgeschichte kann man bei Wikipedia (auf Englisch) nachlesen, besser aber bei den PhilipKDickFans.
Einen Überblick über sämtliche Kurzgeschichten von Dick gibt es im Blog natürlich auch - und auch einen Überblick über alle Comics.

Preise

"Ach, als Blobbel hat man's schwer", ISBN 978-3-7632-6046-1 für 16 Euro bzw. die Vorzugsausgabe ISBN 978-3-7632-6146-8 für 56 Euro, beide nur für Mitglieder der Büchergilde

Samstag, 29. Juni 2019

Goldener Blade Runner

Blade Runner bei Fischer Klassik (2019)
Pünktlich am 26. Juni die Neuübersetzung von Blade Runner bei Fischer in einer Neuausgabe erschienen. Natürlich hat Fischer dafür die eigene Neuübersetzung gewählt, über die Erstausgabe der Neuübersetzung, die 2017 bei Fischer erschienen ist, habe ich in diesem Blog ja schon geschrieben - und über die diversen Übersetzungsvarianten auch schon. Am meisten freue ich mich in der Neuübersetzung über den Kipple, der es endlich ins Deutsche geschafft hat.
Bemerkenswert aber ist das Umschlagbild: Ein Motiv, das eher dem Film Blade Runner von 1982 entlehnt ist, nicht dem zweiten Teil, Blade Runner 2049 und das vor allem von den abstrakten Covern der anderen Bände der Klassik Reihe abweicht. Als Sammler mit einem gewissen Ordnungssinn widerstreben einem solche Unregelmässigkeiten zwar. Aber abgesehen davon, dass Fischer hier verständlicherweise den Bezug auf die Verfilmung auch auf dem Cover herstellen will, sind die Cover der Klassik-Reihe nicht die ... nun, sie sind nicht wirklich lebendig. Und mit diesem Cover bin ich sehr zufrieden, für den galaktischen Topfheiler, den nächsten Band von Dick in der Klassik Reihe, der im November erscheint, fallen wir aber wieder ins alte Design zurück.
Es gibt für den Blade Runner einige Jubiläen zu feiern: Diese Ausgabe ist die zwanzigste von Philip K. Dick beim S. Fischer Verlag. Genau fünf Jahre vor dieser Ausgabe, am 26. Juni 2014, sind die ersten vier Bände von Dick bei Fischer Klassik erschienen, auch dabei der Blade Runner (in alter Übersetzung) sowie Das Orakel vom Berge, Die drei Stigmata des Palmer Eldritch und die Kurzgeschichtensammlung Total Recall Revisited. Es ist der 15. Band in der Klassik Reihe und die dreizehnte deutsche Ausgabe von Blade Runner. Vergoldet wird diese Ausgabe aber, weil die erste deutsche Ausgabe vor 50 Jahren (1969) beim Marion von Schröder Verlag in der Übersetzung von Tony Westermayr herauskam.
So beginnt der Film Blade Runner von 1982: Es ist das Jahr 2019
Und natürlich kann man über dieses Buch nicht sprechen ohne noch mal auf den Film zu sehen. Der Film Blade Runner spielt im November des Jahres 2019, also auch hier irgendwie ein Jahrestag. Der Roman spielte ursprünglich 1992, das wurde für den Film in neueren Ausgaben auf 2021 geändert, das Drehbuch wurde dann aber wieder geändert und so gibt es auch hier eine Abweichung - allerdings wohl nur ein Detail, Film und Buch unterscheiden sich in deutlich gravierenderen Dingen. Wobei das den Film nicht schlechter macht. Ich habe kürzlich den deutschen Wikipedia-Artikel zum Film Blade Runner gelesen und einen kurzen Blick in die Diskussion geworfen. Wikipedia ist sicher ein nützliches Werkzeug, aber im Detail findet man dann halt die Defizite. In dieser Diskussion des Films finden wir einen Austausch darüber, ob die Nägel, die sich der Replikant Roy Batty durch die Hände drückt. einen christlichen Bezug haben. Einem Wikipedia-Aktivisten fehlen die Quellen dafür und setzt sich dann mit seiner Ablehnung durch - Nägel in den Händen haben nichts mit Religion zu tun. So ist es eben, wenn man den Religionsunterricht schwänzt - und dann keine Ahnung hat. Aber vielleicht muss es so sein bei Wikipedia, die Aktivisten sind eben keine Redakteure mit - wenigstens minimaler - Fachkenntnis und daher müssen sie quasi-mechanisch überprüfbare Quellen haben. Das mag so sein müssen, das Resultat ist eben kein herkömmliches Lexikon, das uns Informationen dieser Art geben würde. Und natürlich gibt es an verschiedenen Stellen (u. a. in der englischen Wikipedia) Diskussionen zu christlichen Symbolen im Blade Runner. Auch Dick hat in seinen Romanen oft christlichen Symbole benutzt hat - allerdings weniger im Blade Runner als überdeutlich in den drei (plus eins) VALIS-Bänden.
Das Buch gibt es überall wo es Bücher gibt - besonders beim lokalen Buchhandel!
Einen Überblick zu den deutschen Ausgaben vom Blade Runner gibt es hier im Blog.

Preise

Blade Runner, Fischer Verlag. 272 Seiten. ISBN: 978-3-596-90716-8 für 11 Euro

Samstag, 22. Juni 2019

Liquid Sky

Liquid Sky 45 (September 1991)

Schon vor geraumer Zeit konnte ich in der Bucht die Nummer 45 von Liquid Sky finden, nicht teuer, aber in sehr mässiger Erhaltung. Die weniger als optimale Erhaltung liess sich zwar auf den unscharfen Bildern nicht erkennen, es hätte aber keinen Unterschied gemacht. Bei Objekten wie diesem darf man nicht zögern, wenn man sie in der Sammlung haben will. Ich habe dieses Heft nie vorher im Umlauf gesehen - und tatsächlich gibt es auch nur einige spärliche Erwähnungen des Hefts überhaupt.
Dieses Heft gehört natürlich auch zur Sammlung. Es enthält eine ausführliche Kritik von Haffmans Erinnerungen en gros (1991) von Jürgen Thomann. Dieses Taschenbuch war ein Anreisser für die damals schon länger angekündigten Sämtlichen Erzählungen in zehn Bänden. Thomann als bekennender und (dazu später mehr) ausgewiesener Dick-Fan zeigt seine Freude über diesen Band - aber auch seine Ungeduld auf folgende Ausgaben. Leider ist es dann zum erhofften umfassenden, guteditierten Programm bei Haffmans nicht mehr gekommen, das war aber 1991 noch nicht abzusehen.
Spannend ist für mich bei Artikeln dieser Art die Rezeption von Dick in der Zeit. 1991 ist Dick in Deutschland noch weit vom Mainstream entfernt - man kann sich fragen, ob er dort überhaupt angekommen ist - und die Wahrnehmung ist eben entsprechend.
Von Thomann gibt es ein gutes Dutzend Rezensionen über die folgenden Ausgaben in den Andromeda Nachrichten und in Blizz, einem fast spurlos verschwundenem Fanzine, das wohl aus dem gleichen Ökosystem wie Liquid Sky und die Fandom Newsletter stammt, wir finden hier überall den Namen Matthias Hofmann als Herausgeber und Autor. Liquid Sky ist wohl die Fortführung der Fandom Newsletter unter neuem Titel.
Speziell Thomanns Essay Wie ich ein Dickhead wurde: Bericht von [sic] einer neuen US- Fanzinereihe hätte ich gerne gelesen, ich konnte aber nur irgendwo den Titel finden. Wie immer muss ich das (fast) spurlose Verschwinden solcher Hefte beklagen - einige Ausgaben von Blizz konnte ich aber bei meinem Besuch in der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar finden, es gibt also immer Hoffnung.
Was findet sich sonst noch in Liquid Sky? Viel, viel Fandom natürlich. Der Artikel zur EuroCon XVI in Krakau in Polen lässt einen darüber nachdenken, wie es gewesen wäre, wenn Dick noch die eine oder andere Convention in Europa hätte besuchen können - es hätte sicher noch mehr spannende Geschichten, Briefe und Fotos gegeben, wie wir sie von Metz kennen.
Der grosse Artikel des Hefts ist aber wohl das Interview von Hofmann mit Iain (M.) Banks. Banks spricht dabei auch über einen kleinen amerikanischen Alternativ-Verlag, der eine seiner Novellen, The State of the Art, veröffentlich hat: Mark V. Ziesing. Das erste Buch von Ziesing ist die Erstausgabe von Dicks The Man Whose Teeth Were All Exactly Alike (1984), 1988 ist dort die bisher einzige englische Ausgabe von The Dark Haired Girl erschienen.
Ich konnte keine höhere Nummer als die 46 von Liquid Sky finden, ob die Umbenennung also nur kurz gewährt hat, ist unklar - aber die Quellenlage ist (s. o.) vage.
Zum Kauf entsprechender Fanzines kann ich nur raten: Kaufen! Oft sieht man ein gesuchtes Heft nur einmal - und nie wieder, mir ist das passiert. Die Preissituation ist natürlich sehr unterschiedlich, es gibt keinen grossen Markt und daher keine wirklichen Marktpreise. Einige - mehr gehandelte - Fanzines scheinen grössere Preise aufzurufen, aber vielleicht ist es eher umbekehrt: Die mehr gehandelten Hefte sind halt teurer.
Im - hier schon gewürdigten - benachbarten Blog ENPUNKT findet sich viel über Fanzines, auch - und das ist eine der wenigen Fundstellen im Netz - über Blizz. Alle deutschen Artikel über Philip K. Dicks Leben und vor allem Werk finden sich hier im Blog.

Samstag, 15. Juni 2019

Aus dem Leim

Soll man sich ärgern oder freuen? Die Verlage machen es einem manchmal nicht einfach: Über die Probleme mit ISBNs habe ich neulich schon berichtet. Dann gibt es noch Umschlagbilder, die von den Verlagen verbreitet werden, die es aber nicht gibt ... und schliesslich das unvollständige Impressum. Die deutschen Ausgaben in unserer Philip K. Dick Sammlung leiden weniger an dieser letzten Krankheit, die britischen dafür um so mehr.
Time Out of Joint in der SF Masterworks Serie von Gollancz, rechts die Erstausgabe, links die neue Ausgabe
Speziell Gollancz hat hier ein Problem mit der SF Masterworks Serie (die in diesem Blog demnächst noch einmal gesondert betrachtet wird): Die Bände der beim Cover deutlich veränderten zweiten Ausgabe haben zwar ein geändertes Impressum, auch der jeweilige Druck ist angepasst, das Datum des ersten Druckes dieser Ausgabe fehlt aber.
Es gibt also im Impressum der zweiten Serie keinen Hinweis auf das Erscheinungsdatum. Das verwirrt auch isfdb, wo viele Bände dieser Serie, dort SF Masterworks (II) genannt, ohne Datum erscheinen - bei einzelnen Ausgaben scheint es aber ein Datum zu geben. Weitere Varianten des Covers, wie bei Do Androids Dream of Electric Sheep, scheint es nicht zu geben.
Die Erstausgabe von Time Out of Joint im Jahre 1959 war die erste Ausgabe von Dick, die nicht zuerst bei Ace erschienen ist - sondern bei Lippincott als Dicks erstes Hardcover.
Auch die deutsche Erstausgabe, Zeit ohne Grenzen bei Balowa (1962), übersetzt von Heinz Zwack (alias Transgalaxis) war das erste Hardcover von Dick - in Deutschland. Es folgt eine Neuübersetzung von Tony Westermayr, 1978 als Zeitlose Zeit bei Goldmann als Taschenbuch und schliesslich, 1995, wieder neu übersetzt von Gerd Burger und Barbara Krohn und gebunden endlich mit dem Titel Zeit aus den Fugen bei Haffmans, übernommen dann von Heyne (2002) und kürzlich auch bei Fischer (2019).
Der letzte Titel ist sicher der passendste, zitiert der Originaltitel Time Out of Joint doch Shakespeares Tragödie Hamlet (1. Aufzug, 5. Szene):
The time is out of joint; O cursed spite!
That ever I was born to set it right!
August Wilhelm von Schlegel, dessen Übersetzungen auch von Marcel Reich-Ranicki dringend empfohlen wurden, formuliert das als
Die Zeit ist aus den Fugen; Fluch der Pein,
Muß ich sie herzustelln geboren sein!
Man muss also konstatieren, dass Zwack und Westermayr den Bezug des Titels auf Shakespeare wohl nicht bemerkt haben, den Burger und Krohn dann herstellen konnten. Allerdings ist der Titel eines Werkes nicht unbedingt der Beitrag des Übersetzers (und im Text des Romans kommt der Titel nicht vor), sondern des Herausgebers, Verlegers und des Marketings. Und auch Dick selbst hatte - branchentypisch - nicht immer vollkommene Kontrolle über die Titel, unter denen seine Romane letztlich herausgekommen sind. Erich Fried übersetzt übrigens
Die Zeit ist aus dem Leim - Fluch ihren Tücken,
Daß ich zur Welt kam, sie zurechtzurücken!
Wir können also mit der Schlegel'schen Formulierung zufrieden sein. Zeit aus dem Leim ist uns erspart geblieben.
Ganz viel Interessantes nachlesen zum Roman kann man wie immer bei den PhilipKDickFans. Dort findet sich auch das Essay The Non-Science Fiction Novels Of Philip K. Dick (1928–82) von Frank Bertrand.

Samstag, 8. Juni 2019

Hey Joe

Galactic Pot-Healer, Berkley Medaillon X1705
Die Erstausgabe von Galactic Pot-Healer,
erschienen im Juni 1969 bei Berkley Medaillon
Nach dem Jubiläum von Ubik im Mai folgt nur einen Monat später Joe von der Milchstrasse.
Die Erstausgabe des Galactic Pot-Healer ist im Juni 1969 beim Verlag bzw. Imprint Berkley Medaillon erschienen. Zuletzt ist 2013 die Mariner Ausgabe als zehnte englische Ausgabe herausgekommen und kürzlich auch bei mir eingetroffen.
Auf Deutsch gibt es derzeit drei Ausgaben: Die Erstausgabe kommt im März 1974 von Fischer in der Reihe Fischer Orbit heraus. Diese Reihe hat ihre Geschichte, in der wir die üblichen Verdächtigen treffen: Hans Joachim Alpers, Ronald M. Hahn und Brian W. Aldiss.
Zu diesem Zeitpunkt ist die Übersetzung von Joachim Pente die erste ausländische Ausgabe dieses Romans von Dick - es folgt Spanien 1975 und Frankreich erst 1977. Bis heute gibt es zusätzlich zur deutschen insgesamt 13 Übersetzungen mit 30 Ausgaben, die letzte aus dem Februar 2019 ins Türkische. Viele davon kann man sich beim Philip K. Dick Bookshelf ansehen.
Moewig bringt 1983 das Buch noch einmal mit einem für diese blaue Reihe typischen Cover und einem kurzen, eher generischen Nachwort von Alpers heraus. Dann wird der Roman zum vorerst letzten Mal von Heyne 2004 in der Philip K. Dick Edition herausgegeben. Alexander Martin hat dafür die Übersetzung überarbeitet, der neue Titel ist Der galaktische Topfheiler und die Widmung an Dicks langjährige Freundin, Für Cynthia Goldstone, gibt es hier auch.
Fischer hat für November eine Ausgabe in der Klassik Reihe geplant - wie üblich in der Übersetzung und mit dem Titel von Heyne.
Die drei deutschen Ausgaben von Galactic Pot-Healer:
Fischer (1974), Moewig (1983) und Heyne (2004)
Dick selbst war von seinem Roman nicht beeindruckt und so endet der Roman ja auch: Der Topf was scheusslich. Die eher kleine Zahl von Übersetzungen und Ausgaben ist ein Hinweis darauf, dass Verleger und Leser diese Meinung eher teilen. Trotzdem hat Heyne ihn aber in die sonst eher qualitativ hochwertige Edition aufgenommen.
Die niederländische Ausgabe
Die Namen Glimmung und Plowman's Planet hat Dick in seinem Kinderbuch Nick und der Glimmung recycelt - so wie Dick oft Namen und Ideen recycelt hat, er musste davon leben und wurde die meisten Zeit nicht meisterlich dafür bezahlt, so war er auf Wiederverwendung angewiesen. Ansonsten haben aber der Topfheiler und Nick nichts miteinander zu tun.
Die teuerste englische Ausgabe ist sicher die britische Erstausgabe von Gollancz (1971) in gelb, alles andere ist sehr gut zu finden und sehr bezahlbar. Zu beachten ist, dass die zweite Ausgabe eine Hardcover Ausgabe von einem Buchclub ist und ein leicht mit der Erstausgabe verwechselbares Cover hat. Bei den deutschen Ausgaben ist die Erhaltung zu beachten - die Blauen von Moewig sind oft Remittenden, die Erstausgabe von Fischer meiner Erfahrung nach oft schlecht erhalten, insbesondere schmutzig.
Auch zum Galactic Pot-Healer lohnt es sich in der Encyclopedia Dickiana bei den PhilipKDickFans nachzulesen.
Fischer Orbit ist vollständig bei isfdb dokumentiert. Bibliographische Details finden sich in der Liste aller deutschen Ausgaben in diesem Blog.

Preise

Joe von der Milchstrasse von Fischer (1974) bei 7€
Galatic Pot-Healer von Gollancz ab 100€
Disclaimer

Samstag, 1. Juni 2019

Brüder oder Schwestern

Schon in der letzten Woche war von der Folio Society die Rede und nun bin ich bei einer kurzen Reise nach Prag über die tschechische Ausgabe der ersten Folio Ausgabe, The Man in the High Castle, von Philip K. Dick gestolpert. Offenbar hat Argo, Dicks tschechischer "Hausverlag", schon 2016 eine kleine Ausgabe der aufwändigen Sammlerausgabe von Folio von 2015 herausgebracht.
Das Orakel vom Berge von Philip K. Dick - links in der Folio
Sammlerausgabe und rechts in der tschechischen Ausgabe
Diese Ausgabe hat das Vorwort von Ursula K. Le Guin - bzw. Ursula K. Le Guinová - sowie Cover und drei Illustrationen des Originals von Shan Jiang, es fehlen vier weitere seiner Illustrationen und das Frontispiz, sowie der Schuber und der Einband ist nur ein einfacher Pappband. Auch das Format ist leicht reduziert, ausserdem erscheint das Papier billig, d. h. holzig. Die Vorsatzblätter sind aber schön bedruckt. Es handelt sich auch nicht um eine teure Sammlerausgabe, sondern um ein günstiges gebundenes Buch - und dafür macht es einen sehr guten Eindruck. Und meine Lieblingsillustration, die Heuschrecke, ist auch dabei.
Philip K. Dick in einem tschechischen Buchladen
Bücher kaufen ist in Prag kein Problem und auch von Dick stand eine grössere Zahl von Büchern im Regal. Man kann oft nicht mit Euro zahlen, aber fast immer mit Kreditkarte; mit dem Versand habe ich keine Erfahrung, das scheint aber auch möglich zu sein - trotz Währungsgrenzen. Aber Prag ist immer eine Reise wert.
Mehr über die tschechischen Ausgaben insgesamt gab es schon in einem älteren Eintrag hier im Blog. Alle Sprachen, in die Dick übersetzt ist, gibt es hier.

Preise

Muž z vysokého zámku, etwa 12 Euro