Samstag, 16. Januar 2021

Versenkt

Frust. Wie soll man es sonst erklären? Oder Langeweile? Als Sammler versucht man eine Leere zu füllen, heisst es, was natürlich nicht gelingen kann. Oder es war doch nur Frust, die Gesamtsituation halt. Oder eine ungesunde Kombination aus allem? Jetzt ist er da, mein Nacht-Frust-Kauf: ein ungewöhnliches Stück für die Sammlung – eine Sammelkarte! Was macht eine Sammelkarte in der Sammlung?
U.S.S. Panay Sinks as Crew Abandons Ship heisst das Bildchen, Nummer 54 von 288 aus der Serie Horrors of War. Verkauft mit einer Packung Kaufgummi werden die Karten Bubblegum Cards genannt. Diese Reihe ist von 1938 und gehören mit einer Auflage von 100 Millionen zu den beliebteren ihrer Art. Bunt und eindringlich zeigen sie die Schrecken des Krieges, überwiegend des Spanischen Bürgerkrieges, des Abessinienkrieges und des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges, in einer Ergänzung erscheint auch schon Hitler. Die dargestellten Kriege dauern zum Erscheinungsdatum noch an und müssen deshalb noch eindringlicher gewirkt haben. Erhalten hat man die Bilder mit Kaugummi, die Zielgruppe waren also wohl vorwiegend Kinder; ob Friedenserziehung so funktioniert, bleibt fraglich.
Diese spezielle Karte nun erzählt als letzte von vier vom Panay-Vorfall, der Versenkung eines amerikanischen Flusskanonenbootes auf den Jangtsekiang durch japanische Streitkräfte am 12. Dezember 1937. Es gab drei Tote. Laut den Gerichtsakten wurde das Schiff bei der Stadt Chizhou (Google Maps) versenkt, 100 km flussaufwärts von Nanking.
Horrors of War Sammelkarte U.S.S. Panay Sinks as Crew Abandons Ship von 1938
Die Amerikaner waren im Japanisch-Chinesischen Krieg neutral, man war in Nanking um Amerikaner und Europäer zu evakuieren (aber ganz allgemein auch schon länger, um „Interessen zu vertreten“). Nanking wurde in diesen Tagen von den Japanern erobert und es folgte ein grauenvolles Massaker, dessen Ereignisse auch im Film John Rabe (2009) geschildert werden. Die Versenkung war also eigentlich ein Versehen, Japan entschuldigte sich, sie gilt aber als Vorzeichen für den Angriff auf Pearl Harbor vier Jahre später.
Rückseite der Sammelkarte Nummer 54
In Japan sind diese in den USA sehr populären Karten, die japanische Gräueltaten schildern, auf wenig Gegenliebe gestossen. Man verlangte in einer diplomatischen Note an das US-Amerikanische Aussenministerium vergeblich die Einstellung der Serie und zwang dem Hersteller der Serie, Gum, Inc., schliesslich seine japanischen Fabriken zu schliessen. Die Serie wurde die erfolgreichste ihrer Art und hat das amerikanisch-japanische Verhältnis letztlich weniger belastet als der Angriff auf Pearl Harbor.
Man muss vermuten, dass Philip K. Dick diese Karte aus seiner Jugend kannte, er war zehn Jahre alt und genau die Zielgruppe von Sammelkarten in Kaugummischachtel. Die sogenannten war cards waren ihm also wohl bekannt. Und in seinem Roman Das Orakel vom Berge können wir dann über genau diese Karte lesen (Seite 38–39 der Ausgabe von Heyne, 2008):
»Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen«, hatte der Major gesagt. »Wissen Sie, was mit Schrecken-des-Krieges-Karten gemeint ist?« Er beäugte Childan voller Gier. 
Childan durchforschte sein Gedächtnis, dann fiel es ihm ein. Die Karten waren in seiner Kindheit zusammen mit Kaugummi verkauft worden. Für einen Cent pro Stück. Es hatte eine ganze Serie gegeben, und jede Karte hatte einen anderen Schrecken dargestellt. 
»Ein guter Freund von mir«, fuhr der Major fort, »sammelt die ›Schrecken des Krieges‹. Eine Karte fehlt ihm aber noch. Der Untergang der Panay. Er bietet eine große Geldsumme für diese spezielle Karte.«
"Horrors of War" Sammelkarten
Horrors of War:
Nummern 9, 40, 53
Und natürlich ist die Karte, in der Amerikaner von Japanern angegriffen werden, in einem Roman, in dem die Japaner die Vereinigten Staaten erobert haben, nicht zufällig gewählt. 
Erfahren habe ich von diesen Karten im Blog vom Total Dick-Head (jeder Eintrag dort ist unbedingt lesenswert und Pflicht für den interessierten PKD-Fan!). Seit ich die Sammelkarte dort gesehen habe, wollte ich sie haben. Sie passt nicht in die Sammlung, deshalb konnte ich bis zu einem schwachen Moment in tiefer Nacht widerstehen.
Es gibt drei anderen Karten zum Panay-Vorfall, bei denen es um den Angriff, aber nicht direkt um das Versenken der Panay geht – darum ist (für mich) die Nummer 54 die Karte, um die es im Roman geht. Dick hat aber vermutlich aus der Erinnerung geschrieben und möglicherweise keine ganz konkrete Erinnerung an die Karten gehabt, also ist diese Bewertung wohl willkürlich. Aber vielleicht hatte er die Karte in der Hand als er geschrieben hat … aber das ist eine zu romantische Vorstellung.
Die anderen Karten, der Vollständigkeit halber, sind
  1. U.S.S. Panay is Attacked by the Japanese
  2. Panay Machine Gunners Fight Back
  3. Bomb Wounds the Panay Commander

Erfischen kann man die Karten natürlich, aber günstiger ist der Kauf bei COMC, einem Händler, der auf Provision verkauft – vor allem aber freundliche Portokosten anbietet (der Versand hat dann auch sieben Wochen gedauert, aber das lag vielleicht an Pech, Pest und Pannen). Es war meine erste Wahl, meine buchstäblich erste Wahl bei einem Thema, über das ich wenig weiss. Caveat emptor! Und natürlich geht es bei den Karten um Erhaltung und Seltenheit (die späteren Karten sind wohl seltener) und es gibt Varianten … und ungeöffnete Tütchen, im Dutzend für nur USD 52.000. Sammler!

Eine Liste aller Horrors of War Karten mit Bild findet sich u. a. hier im Netz. Wer mehr über Sammelkarten lesen möchte, kann in Dean's Blog darüber lesen und dort auch gleich kaufen. Und zum Panay-Vorfall gibt es hier etwas bei Wikipedia und eine dem Vorfall gewidmeten Seite.

Preise

"Horrors of War" Karten, überwiegend zwischen 5 und 50 Dollar zuzüglich Porto. Komplett (288 Stück) um 5.000 USD.

Samstag, 2. Januar 2021

Ausblick 2021

Was soll man sagen? Nach 2020 kann es ja nur besser werden. Für die Sammlung, für den Blog und überhaupt.
Für 2021 ist wenig angekündigt. In Deutschland geht es bei Fischer Klassik weiter
Hauptgewinn: Die Erde 
Hauptgewinn: die Erde 
kommt am 28. Juli, wenn es nicht, wie die letzten zwei Ausgaben von Fischer, ausfällt. Es ist Philip K. Dicks erster veröffentlichter Roman, im Original Solar Lottery und ein besonderer Roman bei Fischer, weil es der erste ist, der nicht aus der Philip K. Dick Edition von Heyne übernommen ist.
„Reguläre“ englische Ausgaben sind gar nicht angekündigt, möglicherweise kommt dort auch nichts, auch im vergangenen Jahr war es ja recht ruhig.
Im Segment der zukünftigen Raritäten gibt es aber ordentlich Bewegung: Suntup Editions will im Frühjahr A Scanner Darkly in drei Ausgaben ausliefern, bestellen kann man sie schon nicht mehr. Die lettered edition ist dabei die bisher teuerste Ausgabe eines Buches von Philip K. Dick bei Erscheinen: 2.150 US-Dollar (und leider schon ausverkauft).
Weiterhin gibt es Gerüchte zu drei Sammler-Ausgaben beim Kleinverlag Centipede Press, vermutlich teuer und ebenfalls schnell ausverkauft.
Wir werden die Bücher von Suntup Editions und Centipede Press zügig zu sehr hohen Preisen im Handel sehen. Wer also entsprechende Möglichkeiten hat, braucht sich nicht zu grämen, wenn man sie verpasst (hat).
International kann ich nur sehen, dass Minotauro in Spanien noch zwei Bände angekündigt hat, aber insgesamt wird im Süden weniger angekündigt, man kann also erwarten, dass auch in Italien und Frankreich ein paar Bände erscheinen.
Für das Vereinigte Königreich ist die Frage, welchen Effekt der „Brexit“ haben wird. Das Paketporto ändert sich nach Grossbritannien, mir ist unklar wie sehr für die Gegenrichtung. Und bei den Einfuhrabgaben sind wir wohl da, wo wir auch für die USA sind. Das ist bei mässigen Beträgen nicht schlimm bzw. viel, aber es drohen persönliche Besuche beim Zollamt, die man unbedingt vermeiden will. Abwarten … .
Und vielleicht gibt es wieder ein paar Veranstaltungen, die man persönlich besuchen kann, auch wenn das Philip K. Dick Filmfest in Köln sicher gefährdet ist (viel Glück, Filmclub 813!). Und das aufgeführte Spiel Shell Game von Anna Kpok, das mir im Ringlokschuppen Ruhr in Mühlheim entgangen ist, wird vielleicht doch (wie geplant) andernorts noch einmal gespielt.
Und was habe ich mir für Blog und Sammlung im nächsten Jahr vorgenommen? Wenig, eigentlich. In der Sammlung würde ich gerne das Thema Übersetzungen abschliessen, soweit möglich: Mazedonien sicher und vermutlich Georgien werden wohl offen bleiben, aber die beiden Lücken in Skandinavien werden sich sicher schliessen lassen. Ansonsten möchte ich weiter nach Aussergewöhnlichem jagen und es vorstellen. Andererseits möchte ich mich auch mehr dem Bestand zuwenden und dabei einige schlechte Exemplare ersetzen – ich besitze tatsächlich noch einige Remittenden in der Sammlung, die leicht auszutauschen sein sollten. Und über den Bestand (gerade den deutschen) lohnt es sich vielleicht auch hier zu berichten. Der Blog bleibt sicher aktiv, mindestens monatlich, eher öfter, wie im vorigen Jahr.

Samstag, 26. Dezember 2020

Rückblick 2020

Ein Jahr neigt sich dem Ende zu, ein weiteres Jahr für diesen Blog, eine Jahr ohne grosse Höhepunkte, aber auch solche Jahre muss es beim Sammeln geben. 
Der Blog ist im März fünf Jahre alt geworden und das wurde hier auch ein bisschen gefeiert. Trotzdem (oder deswegen) war 2020 das fruchtloseste Jahr mit nur 25 Blogeinträgen. Aber vielleicht gleicht die Qualität die fehlende Quantität ja aus. Zu meinen persönlichen Glanzpunkten gehört die Betrachtung (und sehr aufwändige Recherche) der gemeinfreien Ausgaben, ein sonst eher unbeachteter Aspekt in der Publikationshistorie von Philip K. Dick. Ich wüsste wirklich gerne, wieviel da verkauft wird. Tatsächlich ist das auch der meistgelesene Eintrag des Jahres!
Ein gutes Thema war auch Otto Basils Roman Wenn das der Führer wüsste, auch wenn ich ursprünglich über Helmut Wenske, den Illustrator des Umschlagbildes, auf das Buch aufmerksam geworden bin, der einen eigenen Blogeintrag verdient hat (und erhalten soll). Ein schöner und ansehnlicher (und beliebter) Eintrag waren kürzlich auch die Steinewerfer, ein famoser Spass.
Zum Blog bleibt hinzuzufügen, dass ich nur halbherzige und letztlich erfolglose Versuche gemacht habe, eine neue Heimat abseits von Blogger zu finden. Dafür hat Google tatsächlich einige als Verbesserungen gemeinte Änderungen in Blogger durchgeführt … möglicherweise geht das Licht hier doch nicht so schnell aus. Ich werde also wohl erst mal bleiben.
Ein wenig besser ausgestattet bin ich nun für meine bescheidenen fotografischen Beiträge. Es bleibt abzuwarten, ob die Qualität der Fotos sich damit verbessern wird … zumindest sollte es einfacher werden.
Für die Sammlung war das grösste Ereignis der Umzug in neue Räumlichkeiten und Schränke, die die empfindlichen Stücke vor den Verheerungen des Lichts schützen sollen. Die Bestandsaufnahme läuft aber noch.
Romane von Philip K. Dick
Neuzugänge 2020 in Auswahl
Und natürlich ist die Sammlung auch im vergangenen Jahr gewachsen. Die neue deutsche Ausgabe von Clans wurde hier vorgestellt. Ausserdem sind 16 englische Romane und Anthologien dazugekommen, dabei einiges von Gollancz, ein bisschen von Vintage, Ace und Penguin, bei letzteren rückt das Ziel der Vollständigkeit in erreichbare Nähe. Und mein Glanzstück gehört auch dazu: Solar Lottery von Ace Books (1955), hier im Blog beschrieben. Und es gab zwei Comics, besonders schön waren The Pipers (hier im Blog). 
Ansonsten gab es für die Sammlung ein halbes Dutzend Beiträge zur Sekundärliteratur, neun Hefte und Magazine und schliesslich fünf internationale Ausgaben, darunter zwei neue Sprachen: Slowenisch und Vietnamesisch.
Ein Weihnachtsgruss
Eule bei Tageslicht
Leider gibt es für das Jahr 2020 keine neuen Sprachen im Katalog (dafür aber viele Beiträge zu Asien im Blog). Erschienen sind eine neue (zweite) galicische und eine weitere katalanische und ukrainische Ausgabe. Die Türkei setzt den Weg zu einer Gesamtausgabe fort, 24 Bände sind bei Alfa bisher erschienen. Das Dutzend italienischen Ausgaben von Fanucci ist nicht ungewöhnlich und Minotauro in Spanien ist mit elf Neuausgaben energisch dabei. Über alle Sprachen sind es mehr als 50 neue Bücher.
Von den fast 50 gemeinfreien Ausgaben des Jahres 2020 abgesehen, gab es nur eine neue englische Ausgabe im Katalog: Radio Free Albemuth, publiziert bei Mariner. In den letzten Jahren sind aber insgesamt kaum neue englische Ausgaben erschienen, die Ausgaben von Mariner und Gollancz sind noch erhältlich, man kann fast jeden Roman von Dick verlagsfrisch erwerben.
Die Highlights des vorigen Jahres liessen sich nicht wiederholen: Es gab kein Philip K. Dick Filmfest in Köln. Und das verschobene, aber dann doch aufgeführte Spiel Shell Game von Anna Kpok im Ringlokschuppen Ruhr in Mühlheim ist mir auch entgangen. Vielleicht wird das aber doch andernorts noch einmal gespielt.

Frohes Fest!


Samstag, 12. Dezember 2020

Zufall

Chance Meeting  
Avram Davidson & Philip K. Dick
Als dritter Teil der kleinen Serie der mehr oder weniger semiprofessionellen Veröffentlichungen folgt nun Chance Meeting (nach The Slave Race und Take Them to the Garden).
Auch diese Veröffentlichung der Avram Davidson Society hat einen bibliophilen Anspruch. Sie hat 16 unpaginierten Seiten, ein ansehnliches Layout und einen netten Font, verzichtet aber auf Illustrationen. Über die Verarbeitung schreibt man stolz:
Stitched in Hahnemühle wrappers, with letterpress label printed by Jerry Kelly from Foundry Centaur type.
Enthalten ist zuerst eine Kritik von Avram Davidson zu The Man in the High Castle, die ursprünglich in The Magazine of Fantasy and Science Fiction vom Juni 1963 veröffentlicht ist. Die Kritik ist nicht nur sehr positiv, sie ist eben von einem Schriftsteller geschrieben und daher relevant und lesenswert – und sie ist geschrieben, bevor Dick den Hugo für den Roman erhalten hat (Davidson hatte den Hugo 1958 für seine Kurzgeschichte Oder alle Meere voll Austern bekommen). Offenbar hat sein Artikel viel Aufmerksamkeit erhalten, vielleicht durch Avrams Bekanntheit (zumindest in der Szene).
Es folgt ein Brief von Davidson an das Science Fiction und Fantasy Magazin Locus, Ausgabe Mai 1982, vermutlich anlässlich Dicks Tod, in dem er seine Kritik noch einmal erläutert. Ein Brief von Grania Davis, die mit Davidson verheiratet und später mit Dick closely involved war, ergänzt Avrams Brief. Sie schreibt über das im Roman vielzitierten Buch der Wandlungen, ein Thema das sie wohl länger mit Dick diskutiert hat.
Abgeschlossen wird Chance Meeting vom namensgebenden Essay vom Herausgeber Henry Wessells. Sehr vorsichtig zieht er den Bogen von Davidsons Kritik über den Hugo Award zu Dicks Karriere als Schriftsteller – ob man dem so zustimmen will oder muss, bleibt dem Leser überlassen.
Titelseite von Chance Meeting
Wessels ist offenbar der Mann hinter der Avram Davidson Society und darf das natürlich so sehen. Ein Blick auf die Webseite der Gesellschaft, die noch den Charme der 90er Jahre verströmt, erweckt den Eindruck, dass er als Antiquar, Buchbinder und Herausgeber, eigentlich ein Bibliophiler ist, der seine Berufung zu seinen Berufen gemacht hat. Und seine Seite mag antiquiert wirken, sie lebt und arbeitet aber. Chance Meeting ist die fünfte Publikation der Society und es gibt eine regelmässig Newsletter (obwohl nur elektronisch, trotzdem mit ISSN), im aufgeführten Vorstand sitzen mit Michael Swanwick und Gregory Benford zwei namhafte Science Fiction Schriftsteller. Man würde sich so etwas auch für manchen anderen Autoren wünschen.
Avram Davidson ist 1923 geboren, also nicht viel älter als Dick. Es ist also kein Zufall, dass seine Kurzgeschichten, zumindest in Deutschland, häufig mit denen von Dick in den selben Anthologien erscheinen. Tatsächlich sind in Deutschland auch nur etwa drei Dutzend Kurzgeschichten von ihm erschienen. Davidson ist 1993 gestorben, die Avram Davidson Society 1998 an seinem 75. Geburtstag gegründet.
Ein Teil des Briefwechsels der beiden, der von 1963/64 bis zu Dicks Tod reichte, hat Grania Davis in The New York Review of Science Fiction vom August 1994 veröffentlicht. 
Leider gibt es fast keine Veröffentlichungen der Art von Chance Meeting im deutschen Sprachraum. Den gleichen Geist des Enthusiasten atmet noch Tommi Brems Appendix Dick und er hat ebenfalls einen ästhetischen, bibliophilen Anspruch – Brem ist Künstler; natürlich ist der Appendix viel umfangreicher und in einem professionellen Verlag herausgekommen. Fanzines und ähnlicher Veröffentlichungen früherer Tage, die sich teilweise intensiv mit Dick beschäftigt haben, fehlt dagegen gänzlich jeglicher bibliophiler Aspekt, Hahnemühle wrappers waren vermutlich eine dekadente Vorstellung – es kann nur um die Idee gehen!
Die beste Bibliographie der deutschen Ausgaben von Davidson findet sich wohl bei ISFDB – man suche dort nach „German“. Wer lieber auf Deutsch über Davidson liest, findet etwas bei Wikipedia, ansonsten sei noch einmal auf die Seite der Avram Davidson Society verwiesen.
Kaufen kann man Chance Meeting (noch) bei Wessels Temporary Culture, das Porto ist günstig (es geht ja nur um ein Heftchen).

Preise

Avram Davidson: "
Chance Meeting. Avram Davidson & Philip K. Dick", 
Upper Montclair, New Jersey: 
The Nutmeg Point District Mail (
2018). 
16 Seiten. USD 20 + 5 Versandkosten

Samstag, 5. Dezember 2020

Auf Konferenzen und im Garten

Es ist die Jagd, natürlich: Ungewöhnliche Stück für die Sammlung finden sich doch fast nur noch im Ausland, d. h. für meine Sammlung in der Anglosphäre. Und als ich dieses unbekannte Objekt sah, in England, diesseits der Portomauer und zu vernünftigem Preis, musste ich zuschlagen.
Programmheft von "Take Them to the Garden"
Take Them to the Garden von John Dowie
Take Them to the Garden von John Dowie enthält in drei Kapiteln – oder wohl eher Aufzügen – Zitate aus verschiedenen überwiegend nicht-fiktionalen Texten von Philip K. Dick. John Dowie ist ein britischer Schauspieler, Komödiant und Musiker und Dick Enthusiast. Der enthaltene Text wurde verschiedene Male von Dowie aufgeführt, also vermutlich vorgetragen. 
Einige Informationen zur Aufführung finden sich dazu im Impressum. Die erste Aufführung war am 27. Mai 1990 in Brighton im The Grays, einen Ort, den das Internet nicht kennt – nicht untypisch für Dinge, die vor der grossen Singularität, dem Entstehen der Internets, passiert sind. 
John Dowie im Programmheft des Edinburgh Festival Fringe
von 1990, u. a. mit Take Them to the Garden
Hergestellt wurde das Programmheft für Dowies Auftritte 1990 beim Edinburgh Festival Fringe, dem weltgrössten Kulturfestival (mit einem grossen Anteil von Comedy). Laut Programmheft lief Take Them to the Garden vom 11. bis 25. August (nicht Montags), also 13 Mal im Pleasance, einen Ort, den es noch gibt und der sich auch finden lässt. Das Impressum gibt einer Auflage von 500 Stück an.
Nachfolgend gab es weitere Aufführungen, zunächst im Mai 1991 bei der Mexicon IV, einer britischen SF Convention in Harrogate, hier führt der Schauspieler John Joyce auch Dicks Rede in Metz auf. Im Oktober, am 19. und 20., folgte dann eine Aufführung am ersten Abend der Philip K. Dick Celebration am Epping Forrest College in Essex. Mitorganisiert ist diese Veranstaltung von John Joyce, der laut Impressum bereits eine ältere Version des Textes aufgeführt hat. Diese Celebration versammelt viele Namen aus dem PKD-Fan-Universum der Zeit, auch Paul Williams und Gregg Rickman sind da. (Das Programmheft dazu ist auch legendär schwer zu finden, es gibt aber wohl sogar Videoaufnahmen.)
Impressum und Widmung
Das Impressum von Take Them to the Garden
Das Impressum enthält auch ein ©opyright „John Dowie/The Estate of Philip K. Dick“ und eine Danksagung an Paul Williams, den Dowie offenbar kannte – und über den die Rechtevergabe  für die Texte vermutlich gelaufen ist. Ob die Rechte heute noch so zu bekommen wären, ist fraglich. Ich befürchte, der Welt entgehen so einige Schöpfungen, die nie entstehen können. Nun ja.
Finden lassen sich Sammlerobjekte wie dieses Programmheft fast nur zufällig. Trotz einer relativ hohen Auflage von 500 Stück muss man bei einem Programmheft von einer grossen Verlustquote ausgehen. Das Programmheft der Philip K. Dick Celebration, in vermutlich deutlich kleinerer Auflage erschienen, ist dagegen bei Fans gelandet und vermutlich gut verwahrt, die Exemplare befinden sich trotzdem (oder deswegen) nicht im Umlauf. Beide Objekte – und überhaupt Objekte diese Art – muss man sofort ergreifen, wenn sich die Möglichkeit bietet, so man sie denn in seiner Sammlung möchte.

Preise

John Dowie: "Take them to the Garden", 1991. Gelegentlich für GBP 14,95 

Samstag, 28. November 2020

Sklavenarbeit

Die letzten Monate hat mich der Umzug der Sammlung beschäftigt – eine indirekte Folge der aktuellen Situation (um das elende C-Wort nicht zu verwenden). Die Bücher müssten aus dem Licht, der Platz reichte nicht und da die aktuelle Situation die räumliche Nutzung geändert hat, war eine Verlegung der gesamten Sammlung notwendig geworden. Das sollte eigentlich ein famoser Spass werden, alle Schätze noch einmal anfassen und sehen, damit ein bisschen spielen … aber der Umfang der Sammlung hat den Umzug dann doch mühsam gemacht. 
The Slave Race, Sangrail Press (2020)  jahreszeitlich geschmückt
Und die aktuelle Situation hat mir den einen grossen Bonus nicht beschert: (Zu viel) Zeit oder gar Langeweile. Im Gegenteil, mit noch weniger Zeit wurde die Verlegung mehr und mehr zu einer Belastung … was mir einen schönen Übergang zu einem besonderen und interessanten Objekt gibt.
Die ersten Sätze von Dicks
The Slave Race in der Berkeley
Gazette vom 8. Mai 1944
Das Buch, um das es geht, man würde es wohl ein Büchlein nennen, hat für mich einen problematischen Hintergrund. Es heisst The Slave Race und ist vor kurzem, im Oktober 2020, in einem kleinen englischen Verlag herausgekommen. Es enthält die gleichnamige Kurzgeschichte von Philip K. Dick, die auch aufmerksame Leser und Freund von Dick vermutlich noch nicht gelesen haben: Der Herausgeber nennt sie „Dick's first published SF story“ – und ob das stimmt, hängt davon ab, ob man eine der vorherigen Veröffentlichungen als „SF story“ klassifiziert. In jedem Fall ist sie sehr früh publiziert, am 8. Mai 1944, Dick war erst 15 Jahre alt. Erschienen ist sie in der Tageszeitung, der Berkeley Gazette, in einer Kolumne für den Young Authors' Club. Ich habe vor einiger Zeit darüber schon geschrieben

Rechtesituation

Die Copyright-Problematik ist dort im oben erwähnten Blogeintrag kurz erwähnt, sie sei hier noch einmal ausgebreitet, so wie ich sie verstehe: Das Copyright für die Veröffentlichungen in der Zeitung ist in den USA ausgelaufen, man hätte es wohl verlängern müssen oder auch einen (C)opyright-Vermerk in der Zeitung haben, die Zeitung hat beides nicht getan. In Deutschland gilt der Urheberrechtsschutz bis 70 Jahre nach dem Tod des Autoren, dauert für den Autoren Philip K. Dick also eigentlich noch an. Es gilt aber der Schutzfristenvergleich, der die Schutzfrist für ausländische (nicht-EU) Rechteinhaber auf die im Ursprungsland geltende Dauer verkürzt. In diesem Fall gibt es also wohl keinen Schutz in Deutschland. 
Ob das wirklich so ist, weiss aber vermutlich nur ein teurer Anwalt – und selbst dann müsste vielleicht doch ein Gericht entscheiden, es gibt wohl Verträge zwischen den USA und dem Deutschen Reich von 1892, die irgendwas bedeuten könnten.
Die verschiedenen kleinen Herausgeber dieser Kurzgeschichten wollen aber keine Verletzungen des Copyrights riskieren, zumal der Trust, also die aktuellen Inhaber der Rechte an Dicks Werken (soweit eben noch geschützt), als klagewütig bekannt sind (aber auch eigentlich uninteressiert an papiernem).
Das Titelblatt
Man muss sich auch fragen, ob nicht die Situation für alle gemeinfreien Ausgaben von Dick, ähnlich ist … viele davon kann man schon lange problemlos in Deutschland kaufen, die Herausgeber werden offenbar nicht verfolgt. Ich füge hinzu, dass Liebhaberausgaben wie The Slave Race für mich nicht in die Kategorie der hier im Blog beschriebenen gemeinfreien Veröffentlichungen fallen.

The Slave Race und ich

Ich konnte also weder Frank Hollanders Young Authors' Club, The Wartime Adolescent Writings of Philip K. Dick noch The Slave Race von den Herausgebern erwerben, ein Versand nach Deutschland findet nicht statt.
Ein interessierter Freund in England konnte aber ein Exemplar der Slave Race erwerben (Thanks, Mark!) und so habe ich wenigsten irgendwie Zugang bekommen. 
Der Text der kurzen Geschichte findet sich schon im Netz, Google hat die Berkeley Gazette gescannt. Von einer Bewertung des Inhalts sehe ich hier ab, der Wert ist literaturhistorisch. 
Man kann aber über die Ausstattung des Heftes sprechen. Der Herausgeber ist Withnail Books, benannt übrigens nach der britischen Kult-Komödie Withnail & IDas Buch wird hier im Whithnail Blog vorgestellt, dort kann man es auch (noch) kaufen, wenn man nicht in Deutschland lebt (sondern in z. B. dem Vereinigten Königreich, den USA oder Frankreich). Aber auch dann ist der Bezug rationiert. Dieser Kleinstverlag gehört zu einem gleichnamigen Antiquariat und hat schon einige Bücher bzw. Hefte ähnlicher Art – man nennt das wohl special interest – herausgebracht.
Das Büchlein ist, wie für Ausgaben dieser Art üblich, eine limited edition von 250 hand-nummerierten Exemplaren. Man erhält 10 Seiten im Format A5, beginnend mit der Hand-Nummerierung, es folgt ein eingeklebtes Frontispiz in Postkartengrösse von Sharon Newell, die auch den Umschlag gestaltet hat. Nach einem Vorwort vom Herausgeber Adam Newell kommt die kurze Erzählung; sie macht nur drei Seiten aus, eine knappe Zeitungsspalte eben. Aber darum geht es auch nicht … es geht um ein Sammlerstück. Und das haben wir hier definitiv, einem würdigen Mitglied im Kanon, dem, was man in seiner Philip-K.-Dick-Sammlung haben will.
Alles von Dick in der Berkeley Gazette findet sich auf dieser Seite.

Preise

"The Slave Race" kostet beim Verlag 7,99 britische Pfund inklusive Versand, wenn man sie denn kaufen darf

Samstag, 14. November 2020

Alles nur gelogen?

Eines der "Gelben" von PKD
Neu in der Sammlung: Die britische Ausgabe von Lies, Inc.
Im Brackwasser der Bucht machte ein Konvolut englischer Ausgaben auf sich aufmerksam, diesseits der Portomauer und durchweg seltene Exemplare. Leider wollte der Verkäufer marktgerechte Preise, aber das ist natürlich fair. Als Testkauf habe ich dann Lies, Inc. erworben, die englische Erstausgabe von 1984. „TopZustand“ war versprochen – und den muss man für marktübliche Preise auch liefern.
Schutzumschlag price-clipped und
Vorsatzblatt beschädigt, schade
Bei privaten Verkäufern ist aber immer eine gewisse Vorsicht geboten. Es ist nicht unbedingt böse Absicht, sondern meist (wie so oft im Leben) fehlender Sachverstand, dass gewisse Mängel nicht erkannt oder eben nicht ernst genommen und daher nicht ausreichend beschrieben werden.
Diese Ausgabe von Lies, Inc. hatte also zumindest zwei Mängel, die ein (fairer) Antiquar ausgezeichnet hätte. Zum einen ist das die fehlende vordere, untere Ecke des Schutzumschlages. Im englischen nennt man das price-clipped. Auf dieser Ecke befindet sich der Preis, daher der Ausdruck. Meist handelt es sich um Restexemplare, die billig verkauft werden, aber manchmal wird der Preis vor dem Verschenken abgeschnitten (Pech gehabt!).
beschädigtes Vorsatzblatt, vorne
In Deutschland ist das Analogon ein Mängelexemplar. Der einzige Mangel an so einem Exemplar ist natürlich, dass der Wert für den Sammler erheblich niedriger ist, deutsche Ausgaben dieser Art, die nicht wirklich selten sind, sind für den Sammler so praktisch wertlos. Das ist für diese britische und eben seltenere Ausgabe sicher nicht der Fall, ein erheblicher Mangel ist es schon. Fairerweise muss man sagen, dass das für einen Amateur kaum zu erkennen ist. Das Fehlen einer anderen Ecke wäre auch weniger wertmindernd gewesen.
Die beschädigte Stelle auf dem Vorsatzpapier ist allerdings leicht erkennbar – leichter, als die Bilder das hier (auch in Vergrösserung) zeigen. War dort ein Exlibris eingeklebt? Ein schönes, sauberes Exlibris hätte mich allerdings weniger gestört als dieser Schaden.
Betrachtet man Preis und Umstände, so war dies kein besonders gutes Geschäft, aber insgesamt okay, wenn auch nicht wie gewünscht. Nun ja, caveat emptor! sagt der lateinische Sammler (vermutlich weniger von Science Fiction als von griechischen und ägyptischen Antiken). Von weiteren Käufen aus dem Konvolut habe ich jedenfalls abgesehen.
Die deutsche Ausgabe von "Lies, Inc."
Der unteleportierte Mann
von Philip K. Dick
Das Buch selbst ist Lies Inc., ein kleines, gelbes Hardcover von Gollancz (1984). Es ist die erste (fast) komplette Ausgabe dieses Romans von Dick mit der komplizierten Publikationshistorie, die man im Buch in einer nachgestellten Publisher's Note und bei Isfdb nachlesen kann.
Der ursprüngliche Titel von Lies, Inc. war The Unteleported Man, daher der deutsche Titel, Der unteleportierte Mann. Mehr zur dieser (einzigen) deutschen Ausgabe von Bastei Lübbe aus dem selben Jahr, 1984, die von Karl-Ulrich Burgdorf übersetzt ist, hier im Blog.
Es gibt weitere Ausgaben von Dick bei Gollancz in der Reihe mit gelben Schutzumschlag, in der Regel sind diese recht teuer, die älteren mehr als die jüngeren. Insbesondere ist die britische Erstausgabe der Collected Stories in diesem Format erschienen, auch diese selten billig und auch dazu eine Geschichte hier im Blog.
Fast alles von Dick bei Gollancz, Dicks Hausverlag im Vereinigten Königreich, findet sich hier im Blog.

Preise

"Lies, Inc.", Gollancz (1984) in gutem Zustand ab 50 Euro, im "TopZustand" (siehe oben) für 30 Euro