Samstag, 10. Oktober 2020

Dialoge der Vergangenheit

Ich konnte kürzlich wieder ein paar Szene-Zeitschriften und Fanzines erwerben, die zeitgenössische Kritiken von Dicks Werk enthalten. Ich finde es sehr interessant zu sehen, wie sich das Bild von Philip K. Dick entwickelt hat, speziell in Deutschland. Und am Anfang wurde Dick überwiegend in der Science Fiction Szene wahrgenommen.
Eine Zeitschrift von 1991
Andromeda 91 von 1979
Andromeda Science Fiction Magazin Nr. 91 vom August 1979, enthält eine Kritik von Alfred Vejchar zur deutschen Erstausgabe von Eine andere Welt bei Heyne (1977). Vejchar kritisiert heftig den Roman, aber auch den wehleidigen Neurotiker Dick. Das Wort Neurose fällt in diesem Artikel überhaupt sehr oft in seinen verschiedenen Formen: neurotisch, Neurotiker, Neurose. Vejchar hat da offenbar ein sehr gefestigtes Bild. Und was er da sieht, gefällt ihm gar nicht. Er wünscht sich von Dick statt dessen wieder Romane wie Und die Erde steht still und Hauptgewinn: Die Erde zurück, als er Dick noch mögen konnte. Seine Kritiken zu diesen beiden frühen Romanen finden sich in früheren Ausgaben von Andromeda (80 bzw. 82).
Ich war recht unglücklich mit dieser Kritik. Natürlich ist es leicht auf die Vergangenheit zurückzublicken, mit dem heutigen Wissen, dass Eine andere Welt zu den besseren Romanen von Dick gehört (und Hauptgewinn: Die Erde eher nicht). Und natürlich sollte jeder seine eigene Meinung haben, auch und vielleicht sogar insbesondere ein Kritiker. Allerdings erwartet man von einer guten Kritik eine umfassende Behandlung des Themas, die einem bei der Entscheidung helfen kann, ein Buch selbst lesen zu wollen und keine Autorenbeschimpfung. Diese Frage nun, lesen oder nicht lesen, hat die Zeit wohl eindeutig positiv beantwortet: Egal, was man von dem Buch halten mag, es ist eines der wichtiges Werke von Dick, das man lesen sollte, vielleicht das politischste.
Vejchar aber lehnt das Bild der USA als eine Polizeistaat gänzlich ab, auch in einem Science Fiction Roman. Er relativiert aktuelle Ereignisse, "Übergriffe einzelner Polizisten, ... mutmasslich", von denen er meint, sie würden Dicks Sicht der Dinge nicht unterstützen können (ein Muster, das man auch bei aktuellen Ereignissen noch zu sehen meint). Nixon und Watergate, auf die sich Eine andere Welt recht direkt bezieht, erwähnt er aber gar nicht. (Und das geht natürlich gar nicht, sorry.) Und die phantastische Droge KR-3 unglaubwürdig zu nennen und damit den schriftstellerischen Gipfel der Freiheit überschritten zu haben (was soll das eigentlich bedeuten), ist bei einem Science Fiction Roman auch eher ungewöhnlich. Man muss sich wundern, was Herrn Vejchar hier getrieben hat, man sieht ihn förmlich mit Schaum vor dem Mund an seiner Schreibmaschine (es ist 1979!) sitzen.
Munich Round Up 153
Etwas Aufklärung bringt dann ein kleiner Artikel im Munich Round Up 153 von Waldemar Kumming, eine Rezension zur Science Fiction Times (SFT) vom Juni 1982, die ich gleichzeitig erworben habe. Diese SFT 6/82 ist, kurz nach seinem Tod, gänzlich Philip K. Dick gewidmet. Eigentlich also nur die Rezension einer Ausgabe der SFT über Dick, aber hier wird eine Fussnote aufgenommen, die Vejchars oben geschilderte Kritik angreift - recht grob, wie man sagen muss. Kumming bittet um weniger Schmutzkübel in der Diskussion, eine gewisse Sympathie gegenüber Anton und Hahn kann man aber erkennen. Erkennen kann man wohl auch, dass es hier um politischen Grundeinstellungen geht, die mehr-oder-noch-mehr Linke, die man in der Science Fiction Times finden kann und eine andere Seite, die recht dogmatisch auf alles scheinbar Linke reagiert - und das war seinerzeit jeder Angriff auf den Bündnispartner USA. In der Mitte finden wir Dick, der sich in einem phantastischen Roman einen Polizeistaat vorstellt und von dieser Vorstellung fühlt sich der eine, Vejchar, angegriffen und der andere, Hahn, ist unglücklich, weil er zu wenig Kommunismus in diesem Roman findet.
Wie soll man Dick nun politisch einordnen? Einerseits denunziert er Kollegen als kommunistische Spione, andererseits warnt er vor Faschismus und Nationalsozialismus. Vielleicht hält er nichts davon, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben und sieht die Lösung weder ganz recht noch ganz links (sondern hat erkannt, dass das politische Spektrum ein Kreis ist, wo sich ganz links und ganz rechts treffen und das Gegenteil von Faschismus nicht Kommunismus ist, sondern eine freiheitliche demokratische Grundordnung ... aber das ist wohl eine andere Diskussion).
Tatsächlich sind solche kleinen Geschichten auch ein Grund, dass sich in meiner Sammlung viele zeitgenössische Rezensionen finden.
Leider ist es schwer diese Fanzines zu finden. Das Andromeda Science Fiction Magazin und auch Munich Round Up werden allerdings leidlich gehandelt, gerade bei letzterem muss man aber beherzt zugreifen. Man muss aber zwischen dem Andromeda Science Fiction Magazin (das wohl anfänglich nur Andromeda hiess) und den Andromeda Nachrichten unterscheiden. Beide werden noch immer vom Science Fiction Club Deutschland (SFCD) herausgebracht.

Preise

"Munich Round Up", 5 bis 50 Euro
"Andromeda SF Magazin", 2 bis 20 Euro

Samstag, 5. September 2020

Slowenisch (und so)

Ein Umschlag aus Slowenien
Nach einigen asiatischen Zugängen der letzten Zeit haben jetzt zwei slowenische Ausgaben Aufnahme in die Sammlung gefunden. Slowenien ist ein kleines Land mit (nur) zwei Millionen Einwohnern und daher vermutlich auch einer überschaubaren Anzahl von Antiquariaten, daher hat die Suche nach einer entsprechenden Ausgabe etwas länger gedauert.
Philip K. Dick: "Izpovedi pokvarjenega umetnika", Založniški atelje Blodnjak (2011)
Eine Bande von Verrückten auf Slowenisch
Dafür wird Slowenisch freundlicherweise mit dem lateinischen Alphabet geschrieben, keine Selbstverständlichkeit auf der Balkanhalbinsel. Dazu sei bemerkt, dass Slowenisch sich drei zusätzliche Buchstaben leistet – Č, Š und Ž  dafür aber auf vier andere verzichtet: Es gibt kein Q, W, X und Y, auf die man eigentlich auch im Deutschen verzichten könnte. Lateinische Buchstaben erleichtern auf jeden Fall die Recherche.
Bei den nun erworbenen Büchern handelt es sich zunächst um eine Softcover Ausgabe von Do Androids Dream of Electric Sheep? von 2007, die es mit ähnlichem Umschlagbild auch als Hardcover gibt. Der slowenische Titel ist Ali androidi sanjajo o električnih ovcah?. Der Verlag heisst Mladinska knjiga, offenbar ein grösserer Verlag. Tatsächlich gab es bereits 1999 eine Ausgabe von DADoES, dem meistübersetzen Buch von Dick mit den - in praktischer jeder Kategorie - meisten Ausgaben – erst vor kurzem sind ja Indonesisch und Vietnamesisch dazugekommen.
Das andere Buch ist die einzige slowenische Ausgabe eines Mainstream Roman von Dick, Confessions of a Crap Artist. Izpovedi pokvarjenega umetnika ist der Titel, herausgebracht 2011 vom wohl mittlerweile verschwundenem Verlag Založniški atelje Blodnjak, der bereits vier andere Titel von Dick herausgebracht hatte. Eine Bande von Verrückten, so heisst der Roman auf Deutsch, ist für mich eines der besten Werke des Meisters.
Blade Runner auf Slowenisch
Slowenische Ausgabe von 2007 von Dicks Roman
Do Androids Dream of Electric Sheep?
Gefunden habe ich die beiden Exemplare bei einem freundlichen Antiquariat in der Hauptstadt Ljubljana, das prompt und verbindlich auf meine E-Mails geantwortet hat und vernünftige Versandkosten anbieten konnte. Auch die Zahlungsabwicklung mit dem Euroland war vollkommen problemlos. Der Versand dauerte dann nur vier Tage, Europa funktioniert eben (oft).
Die erste slowenische Übersetzung eines Romans in slowenischer Übersetzung ist noch in Jugoslawien erschienen, 1982 beim Verlag Pomurska: Ubik. Diese Ausgabe liess sich antiquarisch leider (noch?) nicht besorgen. Zwischen 1999 und 2011 sind dann weitere neun Ausgaben erschienen, dabei die drei Ausgaben von Do Androids Dream of Electric Sheep?. Es gibt zumindest noch vier weitere Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Essays von Dick in Magazinen und Anthologien.
Finden kann man slowenische Ausgaben von Dick im Internet, überwiegend sind diese aber auf – meiner Erfahrung nach – schwer zu erreichen Verkaufsplattformen von Privatanbietern. Dort sieht man die verschiedenen Ausgaben aber regelmässig, sie sind also nicht wirklich selten. Trotzdem stellt sich die Suche aus Deutschland heraus nicht einfach dar … bis man den richtigen Anbieter findet.
Nach Serbisch und Kroatisch ist mit Slowenisch das Gebiet des vergangenen Jugoslawien fast abgeschlossen. In der Sammlung fehlt eine Ausgabe aus Mazedonien, die erscheint aber kaum erreichbar. Daher sei das hier kurz abgehandelt. Es gibt nur eine mazedonische Ausgabe von Philip K. Dick, offensichtlich motiviert durch den gleichnamigen Film, nämlich die Sammlung Malcinski izveštaj [The Minority Report] von 2005.
Eine Liste aller Sprachen und der jeweiligen Erstausgaben von Philip K. Dick gibt es hier im Blog.

Samstag, 15. August 2020

Happy Birthday, Indonesien!

Der 75. Jahrestag der indonesischen Unabhängigkeitserklärung vom 17. August 1945 ist ein Anlass die indonesischen Ausgaben von Philip K. Dick zu betrachten.
Indonesien hat mehr als eine viertel Milliarde Einwohner, die einzige Amtssprache ist Indonesisch. Seit den 70er Jahren wird für Indonesisch ein lateinischen Schriftsystem verwendet und es ist damit für den durchschnittlichen mitteleuropäischen Sammler wenigstens etwas erschliessbar – man kann Namen erkennen und gewisse Worte durch häufiges Sehen lernen, wie buku für Buch (ein dem Niederländischen entlehntes Wort).
Ein indonesisches Buch in indonesischer Sprache, nur der Titel ist Englisch:
Do Androids Dream of Electric Sheep? von Philip K. Dick
Auf indonesisch sind derzeit zwei Werke erschienen, als erster Roman von Dick der Titel Do Androids Dream of Electric Sheep? im März 2019. Das ist wohl auch die erste Publikation von Dick überhaupt, nach meinem Wissensstand, allerdings habe ich überhaupt keinen Einblick in mögliche Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Anthologien; es mag also frühere Veröffentlichungen von einzelnen Erzählungen geben. Das zweite Werk von Dick folgte im Juli des Jahres (2019): The Man in the High Castle. Beide Bücher sind als Softcover gebunden.
Die Qualität der gewählten Romane ist in Indonesien also sehr solide, zwei gute Werke, tatsächlich die beiden am meisten Übersetzten. Vermutlich ist die Wahl genau dieser Romane aber auch durch die Umsetzung als Film motiviert. Allerdings ist Do Androids Dream of Electric Sheep? nicht als Blade Runner erschienen, man hat also auf den einfachen tie-in verzichtet, gut. Und vielleicht erscheinen noch ein paar weitere Bände der nächsten Zeit. Die genannten englischen Titel sind auch die indonesischen Titel, die Bücher aber auf Indonesisch, das sei explizit gesagt, weil es doch eher ungewöhnlich ist.
Finden konnte ich das Buch günstig bei einem US-amerikanischen Versandhändler, der sogar ein günstiges Porto anbietet. Dieses aus weiter Ferne angereiste Buch war nicht teurer als manches Taschenbuch, Glück gehabt. The Man in the High Castle ist auf diesem Wege derzeit nicht erhältlich.
Hier im Blog gibt es eine Liste der Erstpublikationen von Philip K. Dick in allen (derzeit) 37 Sprachen, in denen etwas von Dick erschienen ist.

Preise

"Do Androids Dream of Electric Sheep?", Kepustakaan Populer Gramedia (KPG), ISBN 978-602-481128-0, 10 Euro zuzüglich Versand von 8 Euro

Samstag, 8. August 2020

Big Things

Philip K. Dick: Ubik, G. K. Hall (2001)
Eine eher seltene Ausgabe von Philip K. Dicks Ubik
Ohne viel Bezug zu den deutschen Ausgaben von Philip K. Dick, aber für mich ein weiteres Glanzstück in der Sammlung ist Ubik. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um eine etwas andere Art Buch, eine Grossdruckausgabe, im Englischen large print. Grossdruckausgaben richten sich meist an Menschen mit Problemen beim Wahrnehmen von Schrift, also mit einer stärkeren Beeinträchtigung des Sehens. Mein Eindruck ist, dass es im angelsächsischen Raum mehr solche Grossdruckbücher gibt als im Deutschen, aber das ist zugegebenermassen eine sehr subjektive Einschätzung. Zu Ausgaben in Punktschrift gibt es in diesem Blog bereits einen schönen Eintrag.
Diese Ausgabe von Ubik ist eine von vier, die der auf solche Bücher spezialisierte US-amerikanische Verlag G. K. Hall 2001 und 2002 herausgebracht hat. Ausser Ubik ist 2001 das unvermeidliche Do Androids Dream of Electric Sheep? herausgekommen, 2002 publizierte der Verlag Flow My Tears, the Policeman Said und The Three Stigmata of Palmer Eldrich; eine erstklassige Auswahl! Es handelt sich um ein Hardcover mit Schutzumschlag, der Umschlag des Buches zeigt das gleiche Motiv. Im Netz wird als Verlag auch oft Thorndike genannt, ein Imprint von G. K. Hall., das auf Grossdruck spezialisiert ist, sowie auf die Thorndike Press Large Print Science Fiction Series. Zumindest in diesem Buch findet sich kein Verweis auf Thorndike.
Seit 1972 gehörte zu G. K. Hall auch Gregg Press, ein Verlag, bei dem zwischen 1976 und 1979 bereits 15 Romane und eine Kurzgeschichtensammlung von Dick erschienen waren, hochwertige Sammlerausgaben, die heutzutage eher teuer sind. 
Eine Seite Ubik in Grossdruck
Die erste Seite Ubik in Grossdruck
Auch im Katalog des britischen Verlags Ulverscroft finden sich drei Bände in Grossdruck. Electric Dreams und (natürlich) Do Androids Dream Of Electric Sheep? von 2018 und auch Ubik von 2019. Auch wenn es sich hier wohl um Bibliotheksausgaben handelt, die für den privaten Sammler schwer zu bekommen sind, konnte ich keine Spur dieser Bücher finden und bin deshalb nicht sicher, ob es sie überhaupt gibt. Wenn, dann ist es sehr frustrierend sie nur von Ferne sehen zu können ohne sie in der Sammlung haben zu können. Ich vermute, dass es da lizenzrechtlichte Zusagen gibt, diese Ausgaben nur an Bibliotheken abzugeben, aber nicht an den freien Markt.
Ausserdem sind einige der Public Domain Ausgaben von Dicks Kurzgeschichten, über die hier berichtet wurde, als large print erschienen. Deutsche Grossdruckausgaben von Dick gibt es nicht.
Die Ausgaben der Reihe G. K. Hall sind eher selten zu finden, man muss etwas Geduld haben. Noch mehr Geduld hilft auch dabei mal einen glücklichen Treffer zu erzielen und ein Buch etwas günstiger zu finden. Ich konnte die gezeigte Ausgabe sogar in Deutschland erwerben, das spart Porto, passiert aber so selten, dass ich niemandem raten kann, auf ein deutsches Angebot zu warten.
Aus gegebenen Anlass sei hier (noch einmal) darauf hingewiesen, dass Total Dick-Head, der Blog von David Gill, aus dem Winterschlaf wieder aufgewacht ist mit (vielen) interessanten, lesenswerten Einträgen. Besuchen!

Preise

Die Large Print Ausgaben von G. K. Hall liegen bei 100-500 Euro
Ausgaben von Gregg Press sind selten unter 100 Euro zu finden

Samstag, 1. August 2020

Die Clans des Alpha-Mondes

Philip K. Dick: "Die Clans des Alpha-Mondes", Fischer (2020)
Die neue Ausgabe von Die Clans des Alpha-Mondes
Fischer hat es tatsächlich getan! Nach der deutschen Erstausgabe von Joe von der Milchstrasse im Jahre 1974 und der Neuübersetzung des Blade Runner von 2017, ist der Verlag wieder ein bisschen kreativ geworden und hat mehr getan, als einen Band der Werkedition von Heyne (beschnitten) herauszubringen.
Die Clans des Alpha-Mondes [Clans of the Alphane Moon] war zwar in der Werkedition unter dem Titel Auf dem Alphamond geplant und sie findet sich auch immer noch in den Katalogen der einschlägigen Anbieter, aber mittlerweile als nicht lieferbar, denn ist dort nie erschienen. Nun kommen die Clans doch in einer dritten deutschen Ausgabe heraus. Das ist besser von Fischer, als einfach wieder etwas auf der Werkausgabe zu veröffentlichen, schliesslich ist die letzte Ausgabe von 1988. Bei Fischer ist der Roman in der Übersetzung dieser letzten Ausgabe bei Ullstein von Ronald M. Hahn erschienen. Erscheinungsdatum laut Katalog war offiziell der 29.07.2020, im Impressum steht also August 2020. Ich konnte das Buch aber bei einer grossen Kette schon am 25. im Regal finden, mein lokaler Buchladen hat es pünktlich am 29. gehabt.
Die Erstausgabe des Romans hierzulande ist als Kleiner Mond für Psychopathen bei Bastei (1979) erschienen, übersetzt von Rosemarie Hundertmarck. Die englische Erstausgabe ist im November 1964 bei Ace erschienen, mehr bei den PhilipKDickFans. Es gibt Übersetzungen in zumindest 16 weitere Sprachen in etwa 44 Ausgaben. 
Wie so häufig hat sich Dick auch bei diesem Roman bei einer seiner Kurzgeschichten bedient. Verwirrspiel ist 1954 in der September-Ausgabe der Zeitschrift Galaxy unter dem Titel Shell Game erschienen. Erwähnt sei das hier, weil eine Aufführung basierend auf Motiven aus dieser Kurzgeschichte im September im Ringlokschuppen Ruhr in Mühlheim von Anna Kpok aufgeführt wird. Geplant war die Aufführung bereits für April.
Rückeseite der Clans des Alpha-Mondes, Fischer (2020)
Der Vollständigkeit halber die
wenig spannende Rückseite
Clans ist auch eher kein spektakuläres Werk von Dick. Einmalig ist aber Moebius (sehr kurze) Bearbeitung des Themas, über das hier schon ausführlicher berichtet wurde und auf die hier auch noch einmal hingewiesen sei: Moebius hat eine einseitige Zusammenfassung des Romans gemacht, in Netz kann man sie leicht finden. Eine deutsche Ausgabe eines Sammelbandes von Moebius, das diese Geschichte enthält, kann man antiquarisch auch leicht kaufen.
Die beiden älteren Ausgaben sind problemlos zu finden, die Neuübersetzung von Ullstein ist eher teurer als die Erstausgabe von Bastei. Besonders bei der Erstausgabe sollte man auf eine akzeptable Qualität achten, die angebotenen Exemplare sind oft in schlechtem Zustand. Die Neuerscheinung von Fischer gibt es natürlich beim Buchhändler um die Ecke (Solidarität für den lokalen Handel muss nicht auf Seuchenzeiten begrenzt sein). 
Im nächsten Monat folgen zwei Hardcover-Ausgaben von Fischer.
Alles vom Fischer Verlag gib es hier im Blog, alle Ausgaben der SF-Romane hier

Preise

"Die Clans des Alpha-Mondes", Fischer, ISBN 978-3-596-90696-3. Für 13 Euro verlagsfrisch überall im lokalen Buchhandel
"Die Clans des Alpha-Mondes", Ullstein, antiquarisch bei 20 Euro

Samstag, 4. Juli 2020

Ho, Ho, Ho Chi Minh

Es gibt nicht viele Bücher von Philip K. Dick auf Vietnamesisch, aber es gibt jetzt immerhin die zweite Übersetzung eines Romans. In diesem Jahr ist Người Máy Có Mơ Về Cừu Điện Không erschienen, im Original Do Androids Dream of Electric Sheep?. Natürlich.
Người Máy Có Mơ Về Cừu Điện Không, die vietnamesische Ausgabe von
Philip K. Dicks Roman Do Androids Dream of Electric Sheep?
Aber DADoES ist ein guter Roman und natürlich auch populär, durch den Film, natürlich. Um so ungewöhnlicher ist die Wahl für die erste vietnamesische Übersetzung von 2002, Dicks früher Roman Dr. Futurity. Ersterscheinungsdatum 1960 bei (natürlich) Ace Books, in Vietnam bei Nha Nam in Hanoi unter dem Titel Tié̂n sĩ tương lai. Dieser Roman ist nicht unbedingt der stärkste Roman von Dick, es gibt auch nur sechs englische Ausgaben und auf deutsch ist Schachfigur im Zeitspiel ein Single, der nur einmal, bei Moewig (1983), erschienen ist (hallo, Fischer Verlag, könnte man auch mal wieder herausbringen!). 
2002 also hatte der Verleger in Hanoi die Wahl zwischen u. a. Ubik, The Three Stigmata of Palmer Eldritch und anderen Spitzenwerken - und Dr. Futurity … und wählt dann Dr. Futurity? Ich verstehe natürlich zu wenig von den Entscheidungsprozesse und Randbedingungen beim Verlag Nha Nam in Hanoi, vielleicht spielt auch Politik und Zensur eine Rolle (schliesslich ist die Sozialistische Republik Vietnam kein freies Land, Presse- und Meinungsfreiheit sind stark eingeschränkt), vielleicht ist es aber auch bloss Inkompetenz oder eben das Geld für die Lizenzen. Diese Ausgabe ist nur bei einigen Bibliotheken nachgewiesen, es liess sich nicht einmal ein Bild vom Umschlag finden. Möglicherweise handelt es sich auch um eine Bibliotheksausgabe, die überwiegend für Bibliotheken vorgesehen war. Um so besser, das wir nun in Vietnam eine zweite Ausgabe eines Romans von Dick haben.

Der Krieg

Die erste Assoziation mit Vietnam ist für viele der Krieg und die politische Kontroverse um diesen Krieg. Auch Dick hat sich in den sechziger Jahren dazu geäussert. Bereits Anfang der 60er Jahre organsierten sich verschiedene Gruppen zur Steuerverweigerung als Protest gegen den Krieg. Als der Vietnamkrieg in der Mitte der 60er Jahre in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit kam, schloss sich Dick wie viele andere Prominente, Künstler und Intellektuelle diesem War Tax Protest an.
Dick tat dies wohl 1967 für eine Aktion, über die die New York Times in einem Artikel vom 17. September 1967 berichtet: Writers Protest Vietnam War Tax. Es wird berichtet, dass die Beteiligten ihre Steuer um den Anteil reduzieren wollen, der für den Krieg verwendet wird, 23 Prozent. Im folgenden Jahr erschienen dann in drei Publikationen entsprechende Anzeigen: in der New York Times vom 13.01., dem New York Review of Books vom 15.02 und schliesslich dem (durchaus sammelbare) politisch linken Magazin Ramparts in der Februar-Ausgabe. Dicks Name ist als einer von rund 450 in den Anzeigen zu lesen.
Bei den Science Fiction Autoren gibt es zwei Lager und so führt die Initiative zu einer Protest-Anzeige im Branchenblatt Galaxy zu einer Gegenanzeige von Kriegsunterstützern, man kann sie Seite an Seite in der Ausgabe vom Juni 1968 finden. Auch hier findet sich Dicks Name bei den Kriegsgegner. Diese Anzeigen illustrieren auch den Artikel Rückkehr zu Problemen der Menschlichkeit in der Science Fiction Times 148 (1980) von Sybille Pukallus (Seite 35), dort ohne Nennung der Quelle. Ein Scan der kompletten Ausgabe 148 findet sich hier.
Als Folge der Steuerverweigerung wurde 1969 Dicks Auto eingezogen, wie man noch auf der Seite des National War Tax Resistance Coordinating Committee nachlesen kann, wo sich auch weiteres zum Thema findet. Auch danach hat er sich noch länger Sorgen gemacht, zumal die finanzielle Situation Anfang der 70er recht prekär war.
Dick erwähnt diese Aktivität einige Male in der Exegesis, nach dem Ende Krieges zahlt er wohl seine Steuerschulden. Später findet sich in Dicks FBI-Akte ein Verweis auf die Steuerverweigerung.

Der Glaube unserer Väter

Literarisch berührt Dick das Thema Vietnam in der Kurzgeschichte Glaube unserer Väter [Faith of Our Fathers], geschrieben wohl 1965 und veröffentlicht 1967 in der Anthologie Dangerous Visions. Den Hintergrund der Erzählung bildet ein Alternativweltszenario, in dem Vietnam (vermutlich mit China) den Krieg gewonnen haben und die USA nun (scheinbar?) von den Kommunisten beherscht wird.
Diese Kurzgeschichte wird viel diskutiert, weil die Einleitung in Dangerous Visions behauptet, Dick hätte sie unter dem Einfluss von LSD geschrieben, was dann Dicks Ruf als Drogenautor begründet hat. Später bestreitet Dick das (plausibel, wie ich finde) und sagt auch, dass er nicht die Idee vertritt, der Ostblock sollte den Kalten Krieg gewinnen.
Zum Thema Vietnam gibt es noch eine Aussage von Dick in der Exegesis, er schreibt, dass ein Kritiker Warte auf das letzte Jahr [Now Wait for Last Year] für eine Beschreibung des Vietnamkriegs hält. Er lässt diese Behauptung so stehen, reagiert aber auch nicht wirklich darauf. Man findet dazu auch sonst nichts, es handelt sich also eher um eine Einzelmeinung.

Sammeln

Bestellen kann man die neue vietnamesische Ausgabe (wohl nur) in Vietnam, zahlen mit PayPal, die Zollerklärung hat für mich geklappt, ich konnte mir die Reise zum Zoll also sparen.
Die oben erwähnte Ausgabe des Magazin Ramparts findet man leicht und sehr bezahlbar, aber jenseits der Portomauer.
Tié̂n sĩ tương lai [Dr. Futurity] bei Worldcat ist einer der wenigen Nachweise im Netz.
Eine Liste aller Sprachen und der jeweiligen Erstausgaben von Philip K. Dick gibt es hier im Blog.
Und unsere Asienreise von Japan über Korea und nach Vietnam wird sich fortsetzen ...

Preise

"Người Máy Có Mơ Về Cừu Điện Không" [Do Androids Dream of Electric Sheep?] (2020) für 105.000 vietnamesische Dong, etwa 4 Euro zuzüglich Porto von 2060 Euro, abhängig vom Versender

Samstag, 20. Juni 2020

Fast identische Simulacra

Philip K. Dicks Simulacra, 1. (links) und 2. Auflage mit identischem
Umschlagbild
Dieser Blog ist über das Sammeln und so gab es und gibt es hier hin- und wieder auch Beiträge, die dem Aussenstehenden, dem nicht-Sammelnden, ein wenig zu speziell erscheinen mögen. Dieses mal geht es um die zwei Auflagen der deutschen Erstausgabe von Simulacra. Die amerikanische Erstausgabe von Philip K. Dicks The Simulacra erschien, wie so viele der frühen Werke von Dick, im August 1964 bei Ace Books mit einem wunderbaren Titelbild von Ed Emshwiller. Im Dezember 1978 folgte dann beim Knaur Verlag die deutsche Erstausgabe in der Science Fiction Reihe mit der Verlagsnummer 708, übersetzt von Uwe Anton. Eine zweite Auflage folgt im April 1980. Die beiden Auflagen von Simulacra blieben der einzige Beitrag von Knaur von und zu Philip K. Dick in Deutschland.
Der Buchrücken von Dicks Simulacra bei Knaur: Erste Auflage (unten) und zweite Auflage (oben)
Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Auflagen überhaupt nicht und sie wären damit auch nicht weiter interessant. Verdächtig wird der Nachdruck aber, weil die Verlagsnummer hier 5708 ist. Und ein Blick auf die Rücken der Bücher entlarvt die zweite Auflage als relevante und ggf. sammelwürdige Variante der ersten Auflage: Die zweite Auflage trägt unten als Verlagslogo ein stilisiertes K und die längs gestellte neue Verlagsnummer 5708, auch das blaue Logo der Science Fiction Reihe ist anders gestaltet. Man kann vermuten, dass Knaur zwischenzeitlich das Design (und die Nummerierung) der Reihe geändert hat und dies auch bei dieser Neuauflage angepasst hat. Der Preis von 5,80 DM, angezeigt über die dezente "580" ganz oben auf dem Rücken, hat sich zwischen den Ausgaben nicht geändert.
Impressum der
ersten Auflage (1978)
Impressum der
zweiten Auflage (1980)
Ein Blick ins Impressum zeigt, dass die zweite Auflage jetzt in Gütersloh gedruckt wurde, vorher kam sie aus Augburg. Interessanter ist aber die Angabe der Auflagenhöhe, die in der ersten Auflage vollständig fehlt (und die man auch in aktuellen Ausgaben leider gar nicht mehr findet). Nach fünfzehntausend Exemplaren sind es in der zweiten Auflage nur noch fünftausend – und das spiegelt sich auch bei den Angeboten wieder, zweite Auflagen sind deutlich schwerer zu finden.
In meiner Sammlung finden sich beide Auflagen, die zweite Auflage war zuerst da, die erste folgte später und die zweite darf nun bleiben.
Nach dieser deutschen Erstausgabe ist Simulacra noch einmal bei Heyne (2005) in der Werkedition mit einer überarbeiteten Übersetzung herausgekommen. Bei Fischer in der Klassik-Reihe fehlt sie – noch.
Simulacra bei Heyne in der
Werkedition von 2005
Die in beiden Auflagen
identische Rückseite der
Ausgabe von Knaur
Es gibt neun englische Ausgaben des Romans, der wie einige andere Bücher von Dick, die Erweiterung einer kurz vorher erschienenen Kurzgeschichte ist. Novelty Act erschien zuerst in der Februar 1964 Ausgabe von Fantastic und dann erst wieder in den Collected Stories. Auf deutsch heisst die Erzählung Komische Nummer und ist nur in den Sämtlichen Erzählungen erschienen.
Finden kann man die beiden Ausgaben von Knaur von Simulacra, aber die zweite Auflage ist tatsächlich schwerer zu finden, insbesondere natürlich, weil Anbieter die bibliographischen Details, d. h. hier die Auflage, meist nicht (richtig) angeben.
Der Web-Tipp ist die Seite des 2014 verstorbenen Patrick Woodroffe, von dem die Umschlagillustration für die Ausgabe von Knaur ist. Das Motiv ist ursprünglich für die Ausgabe von Pan Books (1974) von Robert A. Heinleins The Door into Summer gestaltet, die barbusige Schönheit in der Mitte des Bildes gehört auch zur diesem Roman, weniger zu Simulacra. Woodroffe hat auch für die deutsche Erstausgabe von Der dunkle Schirm bei Bastei (1980) das Domino Umschlagbild beigesteuert – und (ein anderes) für eine griechische Ausgabe des selben Romans von 1993.

Preise

"Simulacra", Knaur (1978/1980), ISBN 3-426-00708-8. Zwischen 4 und 10 Euro