Samstag, 2. Dezember 2017

Auf andere Seiten ... von Witwen und Waisen

Bereits 2016 sind die Memoiren von Maer Wilson mit dem Titel The Other Side of Philip K. Dick  und dem Untertitel A Tale of Two Friends als Selbstveröffentlichung bei CreateSpace erschienen.
Als Sammler lehne ich Print-on-Demand Selbstveröffentlichungen in meiner Sammlung normalerweise strikt ab, da sie aus bibliophiler Sicht gar nichts bieten können. Ausserdem stellen diese inflationär gewordenen Selbstveröffentlichungen den Zusammenhang mit Philip K. Dick ausschliesslich zur Verkaufsförderung her, inhaltlich ist das meist kaum begründet.
The Other Side of Philip K. Dick von Maer Wilson
Wilsons Memoiren aber gewinnen viel Glaubwürdigkeit durch den Blurb von Dicks Freund und renommierten Autor James Blaylock. Die positiven Äusserungen von Tim Powers, ebenfalls einem Freund von Dick, kommen dazu - und sein Name war für mich dann auch entscheidend für den Kauf.
Maer erzählt dann auch recht kurzweilig aus der Zeit ihrer Bekanntschaft - oder Freundschaft - mit Dick. Sie kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie an einigen Schlüsselereignissen seiner Biographie teilgenommen hat. Das Bild, das sie von Dick zeichnet, erscheint auch plausibel und deckt sich sehr mit dem anderer Freunde dieser Zeit - als der verrückte Junkie wird Dick meist nur von den Leuten dargestellt, die viel weiter von ihm entfernt waren. Wilsons Erklärung, dass Dick sich stark auf seine Umgebung eingestellt hat und normal sein konnte, wenn die Leute um ihn herum normal waren, passt ins Bild. 
Nicht nachvollziehbar und daher recht unangenehm, sind nur die Ausfälle gegen Dicks Familie, speziell seine letzte Frau Tessa und seine Tochter Laura. Die Klagefreudigkeit des Philip K. Dick Trusts, der Dicks Kinder vertritt, mag hier ein Grund für eine möglicherweise verkürzte Darstellung sein.
Handwerklich ist dieses Buch leider kein voller Erfolg. Zum einen betrifft das die literarische Leistung. Echt jetzt. Vielleicht wollte Wilson - im Zweifel für den Autor - mit ihrer lebendigen Schilderung den Charakter ihres Werkes betonen. Klar, aber für mich klappt es nicht, Digger. Das ist schade, weil längere Strecken des Buches relativ normal und durch die langen Dialogpassagen auch sehr lebendig daherkommen, es fällt aber oft ins umgangssprachliche zurück, Mann. Wenn es Absicht war, dann hat es nicht funktioniert, es bleibt - zumindest für mich - sehr irritierend. Mensch, das wäre auch echt besser gegangen!
Ein zweiter Punkt betrifft die bibliophilen Aspekte des Buches. Durch das Erscheinen als Selbstveröffentlichung bei CreateSpace, einer Amazon-Tochter, ist von dem Buch in Bezug auf Material und Verarbeitung nichts Besonderes zu erwarten. Die recht schlechte Qualität der Bilder mag der Produktion geschuldet sein, der absolut amateurhafte Buchsatz verantwortet bei einer Selbstveröffentlichung wohl auch die Autorin, solche Probleme lassen sich vermeiden. Aber auch CreateSpace könnte eine etwas bessere Layout-Software leisten, die solche Probleme automatisch löst. Schon auf der ersten Seite begegnet uns ein erster Schusterjunge, also eine am Seitenende stehende Zeile eines neuen Absatzes, der auf der Folgeseite fortgesetzt wird. Und auch das verwandte Hurenkind, also die letzte Zeile eines Absatzes, die zugleich die erste einer neuen Seite ist, ist nicht weit. Der Leser kriegt dadurch unweigerlich den Eindruck eines irgendwie selbstgemachten Buches, auch ohne Regeln für den Buchsatz zu kennen. Und diese formalen Ungenauigkeiten wirken letztlich auch auf den Inhalt zurück.
Erwähnen möchte ich noch, dass diese Buch mein Lesen nicht gut überstanden hat; man sollte halt Nahrung von seinen Büchern entfernt halten. Es ist halt leider so, dass Lesen (nach der Lagerung in einem feuchten Keller) das Schlimmste ist, was einem Buch aus Sicht des Sammlers passieren kann. Mein Fehler.
Aber trotz allem ist dieses Buch für jeden, der sich für das Leben von Philip K. Dick interessiert, eine spannende Ergänzung, wenn auch keine Pflichtlektüre. Ich empfehle es und so hat es denn auch den Weg in meine Sammlung gefunden, wie einige der ebenfalls bei CreateSpace publizierten Bücher von - ausgerechnet der angefeindeten - Tessa Dick.

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