Samstag, 5. Juni 2021

Groschenhefte

Die Spur zu Gestirne, Gleiter, Galaxien wies mir Narziss, das muss ich zugeben. Gefunden habe ich dieses Buch nämlich bei der Suche nach diesem Blog.
Gestirne, Gleiter, Galaxien
Ein Beitrag aus diesem Blog über erste Veröffentlichungen von Philip K. Dick in Deutschland wird dort als eine (von vielen) Quellen genannt. Das ist natürlich sehr schmeichelhaft und schon allein deshalb hier eine Erwähnung wert. Nach ausführlicherer Beschäftigung mit diesem schönen Buch von Jochen Bärtle gibt es aber andere – und vielleicht bessere – Gründe, dieses Buch zur Hand zu nehmen. Das Buch handelt die verschiedenen (Heft-)Romanserien von 1953 bis „heute“ ab, wobei die Hochzeiten der Hefte in den 70ern endeten und es mit der Relevanz vorbei war – die Science Fiction „gehörte“ dann dem Buchhandel. Explizit ausgelassen wird Perry Rhodan, dessen Schatten hier aber doch unvermeidlich ist: Auch Autoren müssen essen und sehr viele deutsche Autoren haben irgendwann irgendwie auch bei dort mitgewirkt – allen voran Uwe Anton. Ich kann damit leben, so richtig honorieren kann ich es nicht. Vorurteile!
In einigen der im Buch geschilderten Serien sind auch Kurzgeschichten und Romane von Dick erschienen, nicht nur die ersten Romane in der Reihe Abenteuer im Weltenraum, wie oben beschrieben, auch Kurzgeschichten in der Utopia-Reihe, hier im Blog und später bei Terra und in den diversen Sub-Serien, auch das wird in diesem Blog behandelt. Abgehandelt werden auch frühe Taschenbuchreihen, wie Playboy Science Fiction von Moewig, die quasi die Heftserien beerben und den Übergang in den Buchhandel einleiten.
Interessant sind dabei die kundigen Schilderungen über die Entwicklungen in der Verlagsszene der Zeit, vom Anfang über die Konsolidierung bis zum (fast) vollständigen Verschwinden der Hefte.
Ein persönlicher Höhepunkt des Buches ist aber die sehr ausführliche Einführung. Die Entwicklung der Science Fiction in Deutschland wird übersichtlich beschrieben. Der politische Anspruch der Szene wird beleuchtet, der der literarischen Qualität oft übergeordnet wurde, was der Entwicklung vermutlich nicht gut getan hat. Etwas (zu?) vorsichtig werden die politischen Aspekte und Motivationen geschildert, man könnte das auch pointierter ausdrücken – ich zumindest muss oft den Kopf schütteln, wenn ich die alten Ausgaben der Science Fiction Times lese. Aber immerhin spricht Bärtle es an, andernorts habe ich wenig Kritik an der Sekundärliteratur der Zeit gefunden. Dick war zum Glück ein Liebling, er wurde als links wahrgenommen, übrigens nicht nur in Deutschland, noch viel mehr wohl so in Frankreich. Die Science Fiction Times durfte ihn also massvoll loben. Wo wäre Dick in Deutschland sonst? Würde zum Beispiel der (bekennende) Marxist Dietmar Dath den amerikanischen Autoren Philip K. Dick auch feiern, wenn Dick in den 70er Jahren vom SFT-Universum anders eingeordnet worden wäre? Wie weit strahlen diese frühen Festlegungen aus? (Ich könnte das hier wohl vollumfänglich diskutieren, aber der Platz auf dieser Seite reicht nicht ... .)
Besonders erfreulich an Gestirne, Gleiter, Galaxien ist, dass der Autor sich entschlossen hat, auch Blogs als Quelle anzugeben – zumindest diesen Blog freut das. Die Schwierigkeiten das Internet zu zitieren, in dem nämlich doch nichts „ewig“ ist, seien hier angemerkt und der Wert von Büchern und ganz allgemein von allem Papiernem noch einmal betont: Und dieses Buch giesst ja nun viel Wissen aus dem Netz, insbesondere auch aus Bärtles eigenem Blog, Groschenhefte.net, in ein Buch, das länger leben kann als manche Seite im Netz. Mehr davon!
Und trotzdem ist es schön, genannt zu werden – und man sieht, dass man einen Beitrag geleistet hat, ein bisschen der Community zurückgegeben hat.
Von Jochen Bärtle gibt es bereits drei weitere Alliterationstitel im gleichen Format und beim gleichen Verlag (bzw. „Dienstleister“), Books on Demand (BoD), zu kaufen:
  1. Götzen, Gold und Globetrotter (2016)
  2. Goblins, Götter, Greifenreiter (2017)
  3. Grusel, Grüfte, Groschenhefte (2018)
Anzumerken sei, dass man diese Bücher in ihrer Qualität nicht mit den Selbstveröffentlichungen bei Amazon, CreateSpace oder neuerdings „independently published“, vergleichen darf. Gestirne, Gleiter, Galaxien ist ein vollwertiges Buch mit anspruchsvollem Layout und offensichtlich lektoriert und sorgfältig Korrektur gelesen. Der gelegentlich lockere Stil tut dem enzyklopädischen Teil des Buches gut, wer sich selbst mit der Materie beschäftigt hat, erahnt aber den Schweiss, der geflossen sein muss.
Kaufen kann – und sollte – man Gestirne, Gleiter, Galaxien (oder einen der drei anderen, noch erhältlichen Bände) im örtlichen Buchhandel; auf mein Exemplar musste ich etwas länger warten als üblich: „15–20“ Tage wurden mir angekündigt und so war es auch, aber das Warten hat sich gelohnt und meine Bücherstube hat sich gefreut. Wenn man antiquarisch nur noch im Netz kaufen kann, dann wenigstens die Neuerscheinungen lokal erwerben!

Preise

Jochen Bärtle: "Gestirne, Gleiter, Galaxien: Ein Universum deutscher Science-Fiction-Heftromane. Von 1953 bis heute. Abseits von Perry Rhodan ...", BoD (2021), ISBN: 978-3-7534-4233-4 für 20 Euro überall im Buchhandel

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