Samstag, 14. August 2021

Edition 30 – Dr. Bob hilft!

Früher war die regelmässige Fahrt in die Bucht ein aufregendes Abenteuer oder zumindest ein gutes Erlebnis, es gab frische Angebote und viel Neues. Heute fährt man fast nur noch durch den herumtreibenden Zivilisationsmüll und die veraltete Technik macht nicht nostalgisch, sondern missmutig.
Mit Comic!
Edition 30 der Berliner Festspiele mit Robert Crumbs Die religiöse Erleuchtung des Philip K. Dick
Mit solchen Gefühlen war ich also wieder unterwegs, eine Pflichtübung, weil man ja nie weiss … und wenn man sammelt, dann muss man raus in die elende Bucht. An jenem Tag bin ich dann Robert Crumbs religiöser Erleuchtung des Philip K. Dick in einer Ausgabe begegnet, von deren Existenz ich erst kürzlich erfahren hatte. Und es handelte sich um ein mutmassliches Einhorn, eine Ausgabe von der nicht einmal die Existenz wirklich gesichert war, trotz Video und zahlreicher Spuren. Und die Ausgabe tauchte an diesem Tag nicht einmal auf, sondern zweimal unabhängig voneinander. Die Jagd begann. Hier in der Bucht muss man entweder mit dem Schleppnetz fangen oder lauern – und dann blitzschnell zugreifen. Der Kampf entschied sich dann im Morgengrauen, in letzter Sekunde konnte ein Sniper abgewehrt werden … und es wurde etwas teurer als geplant.
Tessa, Phil und Bob
Aus dem Comic: Tessa und Philip mit Dr. Bob,
in Sorge um Sohn Christopher
Die religiöse Erleuchtung des Philip K. Dick ist als Band 30 der Edition der Berliner Festspiele herausgekommen. Es enthält den gleichnamigen achtseitigen Comic des US-amerikanischen Zeichners Robert Crumb in der Übersetzung von Harry Rowohlt, darüber konnte man schon einmal hier im Blog lesen. Crumb illustriert darin in für ihn typischer Weise Kerngedanken und -ereignisse von Dicks 2-3-74-pink-beam Episode.
Enthalten ist weiterhin ist das Essay DREISSIG SEKUNDEN WIRKLICHKEIT  Zu Philip K. Dicks Epiphanie in Robert Crumbs Comic „Die religiöse Erleuchtung des Philip K. Dick“ von Thomas Oberender. Oberender ist langjährigen Intendanten der Berliner Festspiele, der die Leitung nun Ende des Jahres (2021) aufgibt. Die Berliner Festspiele veranstalten das ganze Jahr über verschiedene Festivals und Kunstausstellungen, Konzerte, Tanz- und Theateraufführungen, Lesungen, also kulturelle Aktivitäten verschiedenster Art.
Sein Essay nimmt Dick sehr ernst, kann auch den Bezug zu Crumb herstellen und ist sicher lesenswert. Unklar bleibt mir der (direkte) Bezug zu den Berliner Festspielen, aber künstlerische Freiheit ist wichtig – für Dick, Crumb, Oberender und uns alle, sollte man denken, gerade in den aktuellen Zeiten.
Robert Crumb, der Ende des Monats, am 30. August, 78 Jahre alt wird, hat den Comic 1986 in Band 17 seiner Comic-Anthologie Weirdo veröffentlicht. Diese Reihe lief über 13 Jahre und enthielt Dinge und Themen, mit denen sich Crumb aktuell beschäftigte. Persönlich gekannt haben sich die beiden nicht, Crumb hat Dick dafür wohl etwas zu spät entdeckt. Befreundet war Dick aber mit einem anderen grossen Comic-Autoren: Art Spiegelman, hier im Blog.
In Deutschland wird Crumb nur als Teil der Gegenkultur wahrgenommen, nicht als Teil der Hochkultur, in den USA stellt das Seattle Museum of Art seine Originale als Teil einer Ausstellung „Graphic Masters: Dürer, Rembrandt, Hogarth, Goya, Picasso, R. Crumb“ aus. Bemerkt sei nebenbei auch, dass verschiedenen Seiten zu seinen Arbeiten, z. B. für Weirdo,  auf Wikipedia nicht auf Deutsch vorliegen – aber immer auf Französisch, wo Comics einen anderen Stellenwert haben.
Crumbs Religiöse Erleuchtung des Philip K. Dick basiert auf Zitaten aus Kapitel 9 von Philip K. Dick: The Last Testament von Gregg Rickman (dazu später einmal mehr). 
Die deutsche Übersetzung des Comics ist von Harry Rowohlt. Es handelt sich bei der Edition aber nicht um die deutsche Ersterscheinung. Erstmalig erschienen ist er 1992 beim Zweitausendeins Verlag in Crumbs Album Ein Heldenleben – Geifersucht und Leidenschaft.  
Das Exemplar gehört ganz sicher in meine Sammlung. Und auch, wenn es sich hier nicht direkt um ein Werk von Dick handelt, ist es doch letztlich ein Text von Dick, auch wenn dieser bearbeitet ist. Und in Kreisen Dick-Interessierter taucht Crumbs Comic immer wieder auf. Also ein klarer Fall für jede Sammlung. Wem eine elektronische Kopie reicht, der findet den offiziellen Download der Edition 30 hier. Auch das englische Original lässt sich vielfach im Netz finden, wohl weniger offiziell.
Zu finden ist die Edition 30 derzeit nicht mehr schwer (und deutlich billiger), dieser erste Fang war der Vorbote eines grösseren Schwarms – aber wer konnte das wissen? Die Auflage ist mit 2.500 angegeben. Stücke dieser Art, broschierte Hefte und Ähnliches, finden meist nicht den Weg in den rettenden Bücherschrank, deshalb sollte man trotzdem schnell zugreifen, der Schwarm zieht vorbei und Ausgaben werden schwerer zu finden. Unfindbar wird es aber auch nicht werden, dafür ist die Auflage dann letztlich doch zu hoch – und auch das Interesse. Denn auch für Crumb-Sammler – und die gibt es bestimmt, obwohl auch das ein weites Feld zu sein scheint – handelt es sich um ein attraktives Stück. Aber vielleicht taucht es doch noch im Online Shop der Berliner Festspiele auf und wäre dann etwas länger und leichter erhältlich.
Der Web-Tipp zu diesem Eintrag ist The Official Crumb Site, kommerziell, aber trotzdem einen Besuch wert. Bibliographisches zu den Comics nach und über Dick findet sich auf der Seite zu Comics hier im Blog.

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