Samstag, 30. Januar 2021

In der Endzone

Thomas M. Disch ist einer der Namen, der im Umfeld von Philip K. Dick immer wieder fällt. Disch war etwas jünger als Dick und ist bekannt für seine Science Fiction, war aber in vielen anderen Formen und Genres aktiv.
In der Sammlung ist jetzt ein Gedichtband von „Tom Disch“, unter diesem Namen hat er seine Gedichte veröffentlicht: EndzoneLetzte Gedichte, herausgebracht vom Mitteldeutschen Verlag im Jahr 2018.
Endzone von Thomas M. Disch, enthält einen Brief von Philip K. Dick
Enthalten ist auch der (erste) Brief, den Dick an das FBI geschrieben hat, im Original. Eingefügt hat ihn Christopher Ecker, Herausgeber und Übersetzer der Gedichte, in einer Fussnote seines umfangreichen biographischen Essays Warum wir alle Pyramiden bauen sollten. Das Essay findet sich in ähnlicher Form in Das Science Fiction Jahr 2009 bei Heyne, veröffentlicht kurz nach Dischs Tod 2008. Das Nachwort zu diesem Buch stammt von Dietmar Dath, einem bekennender Fan (auch) von Dick, es folgt ein spannender Bildteil, dem man eine etwas bessere Reproduktionsqualität gewünscht hätte.
Den Hauptteil des Buches bilden aber Gedichte aus Dischs Blog der letzten zwei Jahre. Abgedruckt ist jeweils links das englische Original und rechts die Übersetzung on Ecker. Der Band ist aber keine Übersetzung eines amerikanischen Buches, es handelt es sich um eine deutsche Originalveröffentlichung.
Endzone ist erst 2018 herausgekommen und bei der Lektüre des Essays von Ecker kann man sehr vage erahnen, dass es nicht leicht war, dieses Buch zu veröffentlichen. Dafür spricht auch, dass sich im Netz (und in den Katalogen diverser Anbieter) eine gleichnamige Ausgabe des untergegangen Verlags Luxbooks findet (natürlich mit ISBN: 978-3-939557-79-1), das Buch ist aber nie erschienen, ein weiterer Geisterband.
In seinen Briefen an das FBI erschafft Dick ein dickes Gespinst von Verschwörungen von Thomas M. Disch über Darko Suvin bis zu Stanislaw Lem und Franz Rottensteiner. Disch verdächtigt er in seinem Roman Camp Concentration „kodierte“ Nachrichten versteckt zu haben, über einen Angriff, „World War III“, auf die USA durch eine tödlichere Variante von Syphilis. Bekannt geworden ist das erst 1991, etwas mehr dazu gab es schon im Blogeintrag zur Fortean Times.
Dischs Reaktion darauf, soweit man sie aus seinen Veröffentlichungen ableiten kann, ist ambivalent. Er bleibt ein Freund von Dicks Werken, vorher wie nachher hat Disch positiv über Dick geschrieben. Und das ist um so bemerkenswerter, als das er sich – wenn auch nicht in so heftig wie Stanislaw Lem seinerzeit – wenig positiv über grössere Teile der amerikanischen Science Fiction geäussert hat. Die Person Dick aber kommt bei Disch, wie eine Anzahl anderer, des Öfteren weniger gut weg. Zu Dick schreibt er am 2.12.2006 in seinem Online-Tagebuch
may he rot in hell, and may his royalties corrupt his heirs to the seventh generation.
Das rot in hell Motiv spinnt er in seinem letzten Roman aus, in The Word of God: Or, Holy Writ Rewritten, erschienen bei Tachyon im Jahr 2008, wenige Tage vor Dischs Tod. Hier sitzt Dick in der Hölle und bekämpft seine Schreibblockade mit Menschenblut. Die Erwähnung von Geld spiegelt wohl Dischs schwierige Lage wieder, nicht nur finanziell, sondern auch was die Anerkennung seiner Arbeit als (Science Fiction) Autor angeht. Das zeigt sich in anderer Weise wohl auch in der einem Satz, der im gleichen Eintrag des Tagebuches steht:
I doubt anyone has made the case for his work, speedwritten as it often was, better than I, but Lethem is writing the intro, and he commands the spotlight now and what can I do but accept my lot as a played-out has-been […].
Disch, der 1987 (eine) Einführung in die grosse posthume Veröffentlichung der Collected Stories geschrieben hat, ist nicht mehr der führende Apologet des Philip K. Dick, es ist nun Jonathan Lethem, so sieht er das.
Thomas M. Dischs wohl grösster Erfolg,
der Roman Camp Concentration
Ob Dischs Haltung zu Dick von den Parallelen in ihren Leben beeinflusst war, kann man nur vermuten: Beide haben sehr lange unter mühsamen Bedingungen publiziert, hatten aber eine gewisse Anerkennung in der Szene und ihre Erfolge. Camp Concentration (1968) hatte zwar keinen Preis gewonnen, war aber ein grosser Erfolg für Disch. Auch Dick schreibt ihm mehrfach zu diesem Roman. Beide war eine Nähe zu Deutschland gemein, so spielt Disch mit dem Motiv ein unehelicher Sohn von Thomas Mann zu sein; eine gewisse Ähnlichkeit hat dabei sicher geholfen. Und es gibt natürlich die grosse Liebe zur klassischen Musik, Disch hat Opern- und auch Theaterkritiken für die New York Times geschrieben und auch für The Nation – die (schon 1953) einen Leserbrief von Dick zur Verfilmung einer Oper veröffentlicht hatte.
Eine weitere, wenn auch wohl zufällige Parallele sei hier erwähnt: Beide haben sich an Jugendbüchern versucht. Während Dicks Nick and the Glimmung aber nur eine wenig erfolgreiche, wenn auch nette Anekdote ist (für die ich auch nie eine Erklärung finden konnte: Ein Kinderbuch? Wie kommt er darauf?), so ist Dischs Ausflug in die Kinderunterhaltung ein grosser Erfolg: Der tapfere kleine Toaster, im Original The Brave Little Toaster wird 1987 von Disney verfilmt, es gibt zwei Fortsetzungen des Films, Disch schreibt auch weitere Kinderbücher.
Und schliesslich war wohl auch Disch kein einfacher Charakter. Wo Dick sich von seinen Verlegern beraubt sah, fühlte sich Disch nicht genug gewürdigt und auch er konnte über andere – nicht nur über Dick – böse schimpfen.
Leben und Werk von Thomas M. Disch bieten wie das von Philip K. Dick Drama und Tragik, wenn sich auch Dischs Werk weniger einfach eingrenzen lässt, weder innerhalb der Science Fiction noch in dem grossen Bereich ausserhalb, wo er Kinderbücher, Gedichte und Kritiken schrieb.
Beim Erwerb von Endzone ist zu beachten, dass die Ausgabe (vom Mitteldeutschen Verlag) häufig als Remittende angeboten wird. Die Erfahrung lehrt uns also, vorsichtig zu sein. Auch wenn der Verkäufer das nicht angibt, wird vielleicht ein „Mängelexemplar“ angeboten – auch wenn einen das nicht stört, man will es vielleicht wenigstens vorher wissen. Und den Sammler stört es sowieso. Derzeit ist das Buch aber verlagsfrisch überall dort, wo es Bücher gibt – also vor allem im lokalen Buchhandel! – zu erhalten.
Eine lesenswerte Kritik zu Endzone findet sich hier. Zum Abschluss ist hier der Web-Tipp passend zum Thema, der Blog von Tom Disch, sehr persönlich, sehr tief und (nicht nur) rückblickend auch sehr traurig.

Preise

Tom Disch: "Endzone. Letzte Gedichte", Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag (2018)ISBN 978-3-95462-987-9. 24 Euro(neu)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen