Eine Affäre. In Fullerton

Die Koffer sind gepackt, es geht nach Fullerton, zum Philip K. Dick Festival! Aber warum Fullerton, einer eher langweilige Stadt im Süden von Los Angeles? Nach dem Festival 2024 in Fort Morgan, wo Dick begraben ist jetzt ein Ort, der Dicks Leben vielleicht um zehn Jahre verlängert hat. 
1972 war ein schweres Jahr für Philip K. Dick. Seine vierte Ehe war in Trümmer gegangen, er lebte in seinem „Drogenhaus“, wo im November 1971 der legendären Einbruch passierte. Im Februar 1972 flüchtete er nach Vancouver, alleine, seine Begleiterin hatte in letzter Sekunde abgesagt. Er hält in Vancouver auf der Science Fiction Convention (VCON-2) erfolgreich seinen Vortrag The Android and the Human und bleibt in Vancouver – zurück geht es nicht. Aber voran auch nicht, er verläuft sich in Liebeleien, hat eine Krise, lebt und/oder arbeitet in einem Drogenasyl.
Dann schreibt er Willis McNelly.
Ein besonderes Stück: Very Special Collections: Essays on Library Holdings at California State University, Fullerton mit einem Beitrag von Willis McNelly
McNelly ist zu dem Zeitpunkt Professor für englische Literatur an der California State University in Fullerton. Er hatte sich schon lange um das Thema Science Fiction bemüht und über die Zeit viele Verbindungen mit herausragenden Schriftstellern des Genres etabliert hatte, von denen viele in der Nähe lebten.
McNelly war Dick sicher bekannt, über Bekannte oder McNellys Auftreten in der Szene, wo er intensiv für seine Sache warb, aber persönlich kannte er ihn nicht. Warum sich Dick in seiner Verzweiflung nun ausgerechnet an den Literaturprofessor McNelly wandte, bleibt mir unklar. (Der geteilte Geburtstag, der 16. Dezember, wird es nicht gewesen sein; McNelly war genau acht Jahre älter als Dick). 
McNelly liest den Brief von Dick in seiner Vorlesung vor. Eine seiner Studentinnen antwortet ihm, nur wenige Tage später, im April 1972, landet Dick in Fullerton, McNelly lässt ihn von seinen Studentinnen betreuen, die sogleich Dicks Interesse wecken. Dick wird Ehrenstudent, hält Vorträge, lebt schliesslich einige Jahre mit seiner jungen Frau Tessa direkt bei der Universität in der Quartz Lane (bis er das Haus wegen Umbauarbeiten verlassen musste).
McNelly schlägt Dick nach dessen Ankunft vor, seine Manuskripte und Aufzeichnungen der Universität zu überlassen. McNelly versteht, wie wichtig solche Dokumente für die zukünftige Forschung sind und hat bereits viele solche Zueignungen erhalten: er verspricht den Spendern nicht nur, dass ihre Werke zukunftssicher archiviert und der Forschung zur Verfügung gestellt werden, sondern auch steuererleichternde Spendenbescheinigungen. Ewiger Ruhm – und Geld! Das erweist sich als unwiderstehlich für viele Science Fiction Autoren der Zeit.
Dick kommt aber zu spät, das Steuersparmodell existiert nicht mehr und so bietet McNelly an, Dicks Manuskripte als permanente Leihgabe zu übernehmen, um vielleicht später einmal von einer neuen steuerlichen Regelung profitieren zu können. Das wird sich als fataler Fehler erweisen.
McNelly organisiert für Dick auch direkt Geld von der Universität, ein Stipendium, um das Konvolut zu ordnen: in einem Brief beschwert er sich über Verzögerungen bei der Auszahlung.[1]
Es landen schliesslich 24 Kisten in der Special Collections Library der Universitätsbibliothek, die heute Pollak Library heisst. 1975 veröffentlicht McNelly eine Bestandsliste.[2]
Schon im Jahr nach Dicks Tod fordert seine Tochter Isa (?) die „Leihgaben“ zurück, in der Zeitung kann man lesen:[3]
Daughter seeks return of father's work
SANTA ANA (AP) – The daughter of science fiction writer Philip K. Dick has sued California State University at Fullerton seeking the return of her father's manuscripts, personal papers and books. The suit, which was filed Thursday in Orange County Superior Court, does not seek monetary damages. Dick was Santa Ana resident who died in 1982.
1992 hält McNelly die rechtliche Situation noch für gesichert, in seinem zehnseitigen Essay The Science Fiction Collection widmet er Dick eineinhalb spannende Seiten[4].
Nach McNellys Tod 2003 entwickelt sich die Situation jedoch anders und Fullerton muss einiges an Material abgeben: man fürchtet einen teuren Prozess, die Erben wollen zu viel Geld, um die Objekte in Fullerton zu lassen: 2008 verschwindet viele der Manuskripte zum Trust.[5] Heute finden sich noch 16 Dokumentkisten im Bestand.
Eine rechtliche Bewertung der Situation ist hier natürlich nicht möglich. Eine moralische Wertung erlaube ich mir trotzdem: Dick wollte offenbar, dass sein literarisches Erbe bei seinem Freund McNelly bei der Universität bleibt und dort wissenschaftlicher Forschungsarbeit zur Verfügung steht. Seine Kinder sollten überlegen, ob man Dicks literarischem Erbe nicht besser dient, wenn man es der Forschung zur Verfügung stellt. So it goes.
Dick bleibt bis zu seinem Tod in der Nähe von Fullerton, 1976 zieht er aus der Quartz Lane ein paar Meilen südlich nach Santa Ana.
Ganz spurlos sind die Manuskripte nicht verschwunden. Etwa 2011 hat der Trust offenbar versucht die gesamte Sammlung über das Aktionshaus Christie's zu verkaufen, zumindest existiert ein entsprechender Katalog. Aus dem Verkauf ist wohl nichts geworden, ob der Trust anderweitig verkauft hat oder noch im Besitzt ist, bleibt ein Geheimnis. Man darf annehmen, dass manch Tech-Milliardär Interesse hätte, Dick ist chic, er wird in diesen Kreisen gerne zitiert, wenn auch nicht immer richtig.
Zur Willis E. McNelly Science Fiction Collection, so heisst die von McNelly begonnene Sammlung, findet sich immer wieder mal etwas in der Presse, in letzter Zeit erregt das Flaggschiff der Sammlung viel Aufmerksamkeit (aus bekannten Gründen): Das Manuskript von Frank Herberts Dune.

Willis McNelly und Frank Herbert – Exkurs

Dune
McNelly war gut mit Frank Herbert befreundet und in seiner Collection befinden sich 91 Kisten aus seinem literarischem Nachlass. Er hat auch über Herbert publiziert, am bekanntesten ist wohl The Dune Encyclopedia von 1984 mit Beiträgen von mehr als 40 Autoren.
Herberts Erben haben ihm weitere Veröffentlichungen der Enzyklopädie verboten, deshalb ist sie seit Herberts frühen Tod 1986 nicht wieder erschienen – zu McNellys grossem Leidwesen. Freundschaft reicht halt nicht über das Grab hinaus zu den Erben: Frank Herberts Sohn Brian Herbert hat später selbst mit 17 Romanen und weiteren Büchern zum Franchise beigetragen, er wollte da wohl keine anderen Köche am Topf. Auch bei Herbert erleben wir, wie schwierig das Erben sein kann.
Die wenigen englischen Ausgaben der Encyclopedia machen sie zu einem sehr gesuchten Sammlerstück. Es gibt eine zweiteilige deutsche Übersetzung bei Heyne von 1985, übersetzt von hier in diesem Blog geläufigen Namen: Uwe Anton und in der Redaktion Ronald M. Hahn, der vorher Dune für Heyne übersetzt hatte. Auch die deutschen Ausgaben, die auf zwei Auflagen gekommen sind und seinerzeit szenetypisch die Grabbeltische gefüllt hat, wird relativ hoch gehandelt.
Willis E. McNelly ist 2003 im Alter von 82 Jahren in Fullerton gestorben.

Preise

"Very Special Collections", 1992, ab 15 Euro
"The Dune Enyclopedia", diverse Ausgaben ab 250 Euro
"Der Wüstenplanet – Enzyklopädie", Heyne 1985, ab 70 Euro (und mehr) pro Band

  1. The Selected Letters of Philip K. Dick 1972–73, Seite 58: Brief an W. McNelly
  2. Science Fiction Studies #5, Volume 2, Part 1. March 1975
  3. Desert Sun, Number 297, 16 July 1983
  4. Very Special Collections: Essays on Library Holdings at California State University, Fullerton, Herausgeber Albert R. Vogeler und Arthur A. Hansen. Patrons of the library (1992). 140 Seiten. Im Volltext
  5. Opening the Boxes in CSUF's Special Collections

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