Samstag, 1. August 2026

Endlich: Science Fiction Story Center 2

Science Fiction Story Center 2

Manchmal geht es schnell! Gerade habe ich noch meinen Sammlerfrust über die fehlende Nummer 2 des Science Fiction Story Center geäussert, da ist sie auch schon da. In erstklassigem Zustand ist sie, bemerkenswert nach (genau) 50 Jahren und Arme und Beine hat sie auch nicht gekostet, nicht dieses Mal, nicht für diesen weissen Wal.
Es war Zufall, es war Glück: in den letzten sehr vielen Jahren ist mir dieses Heft nur einmal zuvor untergekommen (und tragisch durch die Maschen gerutscht) und die Hoffnung sie noch einmal zu finden, war niedrig. Und dann ist dieser Wal einfach so in der Bucht aufgetaucht, eine ganze Schule eigentlich: mit der Nummer eins und drei Exemplaren der Weird Fiction Times, ebenso selten und ebenso von Uwe Anton herausgegeben, ein weiteres der vielen Projekte von Uwe Antons frühen Schaffen in den 70ern. Der automatische Alarm hat angeschlagen, Minuten nachdem die Beute aufgetaucht ist, konnte sie harpuniert bzw. beboten werden – dann musste ich zehn Tage warten, um den Fang nach kurzem, finalen Kampf am Ende der Zeit, an Land zu bringen. Das war einfach, also: billig.
Und warum? SFSC 2 enthält den Abdruck von Philip K. Dicks Kurzgeschichte Roog. Das ist eine von vier Publikationen von einer von Dicks Kurzgeschichten in einem Fanzine in Deutschland. Magazine, Hefte, Fanzines dieser Zeit und dieser Art sind notorisch schwierig zu bekommen. Es gibt, im Vergleich zu den USA, wenig Handel damit, wohl weil das Interesse im Markt begrenzt ist. Daher sind die Preise meist moderat, für den Sammler ist aber hinderlich, dass die niedrigen Preise eben das Angebot arg begrenzen. Am allermeisten machen aber die niedrigen Auflagen dieser selbstgemacht-Werke (unterschiedlicher Qualität) das Sammeln schwierig. Und die Überlebensrate solcher Heftchen ist mutmasslich (noch) schlechter als die von bunt und sauber gedruckten richtigen Magazinen von richtigen Verlagen. Aber so bleibt das Sammeln eben spannend.
Ein schwarz-weiss Druck eines Menschen mit künstlichen Armen
Philip K. Dicks Roog in Science Fiction Story Center 2 mit einer Illustration von John Cayea
Roog, so heisst die Geschichte auch im Original, ist Dicks erster Verkauf, im Oktober 1951, also 25 Jahre vor dem Abdruck in diesem (50 Jahre alten) Heft. Zeit! Geschrieben hat Dick die Geschichte für Tony Bouchers writing class, der sie dann für das Magazine of Fantasy & Science Fiction gekauft hat; der vielleicht wichtigste Schritt in Dicks Karriere als Autor. Und diese Geschichte ist wirklich gut, mehrfach nachgedruckt, kritikwürdig ist jedoch der Protagonist: ein Hund! Von Dick hätten wir mehr erwartet, später schwenkt er denn ja auch auf seine geliebten (und von diesem Blog klar favorisierten) Katzen um, wenn er denn Tiere auftreten lässt.
Dieser Text ist übersetzt von Helmut Kusche, es handelt sich um die erste deutsche Übersetzung, Rainer Zubeil übersetzt neu für die besten Stories von Philip K. Dick bei Moewig (1981), unter dem Titel Ruug. Die Neuübersetzung von Walter Grossbein für Haffmans wählt wieder den originalen Titel Roog. Der deutsche Leser sei darauf hingewiesen, dass der Hund den Namen der Feinde bellt: Roog! Roog!, das ist (invers?) onomatopoetisch, der Hund will rogue rufen: Schurke! Vielleicht hätte man in der Übersetzung mutiger sein können und die Geschichte Raup (oder ähnlich) nennen, das hätte dieses Wortspiel ins Deutsche übertragen. Die Illustration ist von John Cayea und wird auch für die englische Erstausgabe von Deus Irae verwendet, die 1976 erschienen ist. 
Ein singender Elf
SFSC 2 – die Rückseite
In diesem Heft finden sich noch einmal Andrew Darlington, aber auch Thomas M. Disch (sowieso Dick-nah), Brian Stableford (der Dick sehr schätzte) und Ray Bradbury (den Dick sehr schätzte). Erwähnenswert ist die Kurzgeschichte von George R. R. Martin, von dem zu diesem Zeitpunkt in Deutschland nur eine Handvoll Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht waren. Vorgestellt wird er mit den Worten:
George R. R. Martin gilt in Kennerkreisen als der begabteste amerikanische SF-Nachwuchsautor, obwohl er bislang nur Novellen […] und Kurzgeschichten schrieb.
Betrachtet man seine letzten Werke so kann man konstatieren, dass der Umfang seiner Bücher deutlich gewachsen ist.
Das Heft endet mit einer wahrlich saftigen Geschichte von Mischa Morrison, ein kaum verschleiertes Pseudonym von Ronald M. Hahn, der auch eine andere, parodistisch-sozialkritische Geschichte beisteuert.
Wie kommt Anton an diese Autoren? Hahn und Alpers sind friends & family. Für die internationalen Namen: mit viel Fleiss – und über den befreundeten Werner Fuchs, dessen Literaturagentur Utoprop mehrfach genannt ist und der insbesondere George R. R. Martin als einen der ersten Klienten werben konnten – und bis heute vertritt.
Science Fiction Story Center bleibt, trotz all seiner Qualität, eine kurze Serie, mit der Nummer zwei ist Schluss. Vielleicht liegt das an den Querelen mit dem Science Fiction Club Deutschland (wie berichtet), vielleicht nehmen die anderen Projekte von Uwe Anton zu viel Zeit in Anspruch: zeitweise arbeitet er wohl an bis zu sieben Reihen.
Für den Sammler bleibt diese Ausgabe ein wunderbarer Fund, wer so etwas sucht und will, muss zugreifen – sofort! – und energisch dranbleiben, auch wenn es weh tut (also: teuer wird). Und diese Empfehlung gilt auch für diese Sammlung, ein paar seltene Stücke fehlen noch.

Zum Weiterlesen

Alle bibliographischen Informationen zur Kurzgeschichte Roog hier im Blog.
Mehr zum Thema Fanzines findet sich im Bericht über den Besuch bei der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar, die einen grossen Bestand an Heften haben.
Der Web-Tipp heute ist mal etwas anderes: George R. R. Martins Seite mit Blog, Shop und News.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen