Samstag, 24. Januar 2026

Noch mal kurz zu den Invasoren von Ganymed

Eigentlich mehr der Vollständigkeit halber – und damit es mal aufgeschrieben ist – gucken wir kurz bzw. gekürzt auf Die Invasoren von Ganymed. Dieser Blog hat schon einige Kürzungen bei den frühen Ausgaben von Philip K. Dick in Deutschland entlarvt, zuletzt Der Gott des Zorns, geschrieben gemeinsam Roger Zelazny. The Ganymede Takeover ist der zweite (und letzte) Roman, den Dick mit einem anderen Autoren geschrieben hat, diesen mit seinem Freund Ray Nelson.

The Ganymede Takeover, Erstausgabe von Ace und die deutsche Übersetzung bei Bastei Lübbe
Übersetzt ist der Roman von Bernhard Kling unter seinem geheimen Pseudonym Bernt (mit "t") Kling. Und wie bei den anderen Übersetzungen gilt: der Verlag hat (bestimmt) Vorgaben zur Länge gemacht, die Kürzungen sind keine Willkür des Übersetzers, sondern durch die (auch kommerziellen) Gegebenheiten der Zeit erzwungen.
Die Kürzungen werden schnell sichtbar. Es ist nicht nötig, Worte zu zählen: Die letzte Seite des siebten Kapitels ist einfach nicht übersetzt. Das 7. Kapitels endet so:

»Noch nicht«, antwortete Balkani. Auf seinen Befehl hin ließen die beiden Roboter sie in das Becken hinab, rollten den Luftschlauch auf, der zu ihrem Helm führte; während Balkani zusah, entzündete er seine Pfeife und zog gedankenvoll daran. »Übermitteln Sie meine besten Empfehlungen an das Vergessen, Miß Hiashi«, sagte er leise.

Damit endet der deutsche Text des Kapitels, der Originaltext berichtet noch von der Begegnung von Balkani und Major Ringdahl, bei der Ringdahl ein gewisses Mitgefühl für Joan Hiashi zeigt. (Ringdahl hat sich seinen Namen offenbar von einem norwegischen Bekannten Nelsons geliehen.)
Fehlen tut ebenfalls – man muss wohl sagen: natürlich – die gemeinsame Widmung der Autoren an die Ehefrauen, To Kirsten and Nancy. Aber das ist ja fast normal bei den deutschen Ausgaben der Zeit.
Die Invasoren von Ganymed ist in Klings Übersetzung noch einmal im Sammelband Die Welten des Philip K. Dick erschienen. 
Die deutsche Ausgabe weisst zumindest eine weitere (wirklich unschöne) Eigentümlichkeit auf: Ko-Autor Ray Nelson ist auf dem Umschlag nicht genannt, weder auf dem Frontcover noch auf dem Rücken finden wir ihn. Im Impressum beim Copyright und auf der Titelseite steht Nelson immerhin.

Ray Nelson

Als das Buch 1976 in Deutschland erschienen ist, war Philip K. Dick der Star, Radell „Ray“ Faraday Nelson war unbekannt. Das mag erklären, warum er auf seinem eigenen Buch nicht als Autor erscheint, eine Entschuldigung ist es nicht. Tatsächlich ist Nelson auch in der Folge (bis heute) im deutschen Sprachraum ziemlich unsichtbar geblieben. Die früheste Spur, die sich finden lässt, ist das (ein bisschen böse) Cover von Franz Rottensteiners Quarber Merkur Nr. 2 (1963): Nelson war auch als Cartoonist tätig.
Zudem liegen Nelsons erste beiden Kurzgeschichten in deutscher Übersetzung vor: Schalt den Himmel ab (Turn off the Sky, 1963) in Die sechziger Jahre 1, Hohenheim (1983). Nelson selbst nennt es sein bestes Werk. Ausserdem ist bei Heyne schon 1964 in der Anthologie Musik aus dem All die Geschichte Punkt acht Uhr morgen (Eight O'Clock in the Morning) herausgekommen. Die Geschichte wurde von John Carpenter unter dem Titel Sie leben [John Carpenter's They Live] verfilmt und erreichte Kultstatus: man sollte ihn unbedingt gesehen haben. Der Film wird oft mit Philip K. Dick in Zusammenhang gebracht, es geht um Dicks Thema einee irgendwie gefälschten Realität. Dick und Nelson haben sich offenbar mit ähnlichen Themen beschäftigt. Regisseur Carpenter mag bei seiner Arbeit auch direkt von Dicks Werk inspiriert gewesen sein, er hatte sich nachweislich damit beschäftigt.
Ray Nelson ist am 30. November 2022 gestorben.

Zum Buch

Tatsächlich ist nicht nur die deutsche Ausgabe etwas lieblos veröffentlicht, auch das Original wird (zu) schlecht behandelt: Es gibt nur zwei amerikanische Ausgaben, 1967 und 1976 bei Ace, selbst in den Gesamtausgaben von Vintage und Mariner ist er nicht dabei. International setzt sich das fort: es gibt Übersetzungen in nur sieben Sprachen.
Gollancz hält dem Buch die Treue, im Vereinigten Königreich gibt es sechs Ausgaben, von denen die aktuelle in der "weissen Reihe" verlagsneu erhältlich ist. Auch die deutsche Ausgabe ist antiquarisch leicht und günstig erhältlich, es gibt also keinen Grund auch dieses Buch von Dick zu lesen – es gibt schlechteres von Dick.

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