Samstag, 18. April 2026

Centipede (II): Nr. 78

Solar Lottery
Illustration Bill Mayer
Es war einmal  … vor langer Zeit, da sind beim amerikanischen Kleinverlag Centipede drei wunderschöne Ausgaben früher Romane von Philip K. Dick erschienen. Mächtige Ritter und Zauberer konnten sich in den wenigen Minuten nach Erscheinen den begehrenswerten Schuber sichern. Das normale Volk, die NPCs, ging leer aus. Viel Geduld und ein ordentlicher Aufschlag brachte dann aber auch diese Bände in den sicheren Hafen dieser Sammlung.
Zu diesem Zeitpunkt gab es schon vage Ankündigungen einer weiteren Staffel (und einer zweiten Auflage der ersten). Die Zeit war fortgeschritten und mit neuen Erfahrungen war auch dieser Sammler in die Runde der Newsletter-Bezieher aufgestiegen, die einen frühen Zugriff auf Neuerscheinungen sichern sollte. Und im vergangenen Jahr wurden die Ankündigungen konkreter, vier Bände wollte Meister Jerad drucken. Dann gab es Worte zur Auflagenhöhe, die Preise und schliesslich ein Datum: Wenn die zweite Kerze im Reigen des Lichts erwacht sollte es sein.
Der Kauf gelang, auch dank der höheren Auflage von nun 500 Exemplaren. Besitzer der ersten drei Bände durften sich ihre Nummer auch für den zweiten Satz wünschen. Verschifft wurde nach Weihnachten. 
Nach der Reise mit Unterschrift
Doch schon bevor der Schatz eintraf, gab es einen Rückruf: in Eye in the Sky fehlte die magische Signatur von Michael Swanwick, der, wie bei den ersten Bänden, auch hier jeweils ein Vorwort geschrieben hat – und natürlich sind solche Extras, exklusives Vorwort und Signatur, essentiell für die Existenzberechtigung solcher Sammler-Luxusausgaben. Der Grund für diese Auslassung war traurig: Chris Moore, der für 30 Jahre die allermeisten Umschlagbilder der britischen Ausgaben gestaltet hat und von dem archival artwork, also Cover solcher älterer Ausgaben, im Buch abgebildet sind, ist 2025 gestorben. Das führte dann irgendwie dazu, dass Michael Swanwick ausgelassen wurde.
Eye in the Sky musste also wieder in die USA reisen, alleine, ohne Schutzumschlag und mit einer etwas wabbeligen Zollerklärung (wie erklärt mans dem Zoll?), direkt zu Swanwick, von dort unterschrieben nach Colorado und dann – eigentlich – wieder zurück zu seinen wartenden Brüdern. Die Rückreise begann am 17. Februar in Denver … und, dank modernster Sendungsverfolgung, kann ich beobachten, wie sich mein Buch nicht bewegt. Es liegt in Denver und kommt nicht weiter. Ein schlechtes Zeichen! Bangen & Hoffen, Nachfragen bei Jerad, der beruhigen konnte. Am 4. April geht es tatsächlich weiter, flugs über Los Angeles und New York nach Frankfurt und endet an der Haustür am 10. April. Ein bisschen Zoll muss nachgezahlt werden, nur eine kleine Unannehmlichkeit. So endet eine Kampagne von 124 Tagen und 30.000 km.
Eye in the Sky
Illustration Richey Beckett
The World Jones Made
Illustration Jindra Čapek
The Man Who Japed
Illustration Dara Galen
Und was ist drin in der Box? Ausser dem weitgereisten Eye in the Sky noch The Man Who Japed, Solar Lottery und The World Jones Made, die ersten vier veröffentlichten Romane von Dick also. Aber es geht bei solchen Sammlerausgaben nicht um den (hier eher mittelmässigen) Text, es geht um die Verpackung: Limitiert auf 500 Exemplare, jedes signiert von Michael Swanwick, Peter Strain und (ausser einem) von Chris Moore, mit einer vom Nachlassverwalter genehmigten Faksimile-Signatur von Philip K. Dick. Gebunden in schwarzem Leinen mit zweifarbiger Folienprägung. Alle vier Bände in einem edlen Schuber. Wunderschöne Schutzumschläge aus Mohawk Superfine Papier. Kapital- und Lesebändchen. 
Mittlerweile sind beide Schuber ausverkauft, das hat dieses Mal einige Wochen gedauert. Zusätzlich zur 2. Staffel gab es auch eine Auflage von weiteren 190 Exemplaren (Nummern 310 – 500) der ersten Staffel. Gut für alle, die die noch brauchten. Schlecht für alle, die sie schon hatten: die Preise sind – wie zu erwarten war – gefallen. Einen 100%igen Aufschlag auf den Ausgabepreis kann man in der nächsten Zeit nicht mehr realisieren. Mal sehen, ob es weitergeht bei Centipede.
Der Web-Tipp ist die Webseite von Michael Swanwick, der nicht nur die Vorworte zu allen sieben Bänden geschrieben hat, sondern auch die Kurzgeschichte Die Verwandlung des Philip K., gesammelt in Willkommen in der Wirklichkeit von Uwe Anton bei Heyne (1990).

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