Samstag, 28. Februar 2026

Child's Hat

Child's Hat, 1966
Manchmal, hin- und wieder, gibt es glückliche Momente beim Sammeln. Dieser (fast) aktuelle Zugang ist ein besonderes Stück: Child's Hat, ein Hippie-Journal von 1966.

Worum geht's?

Natürlich hat Child's Hat einen Beitrag von Philip K. Dick: drei Gedichte von ihm enthält der Band. Dick war kein (grosser) Dichter, auch darum ist diese Publikation nicht Mainstream, sondern ein halbprofessionelles Produkt, ein geheftetes Heft: alles schlechte Voraussetzungen für eine lange Lebensdauer. Ein mit Goldruck geschmückter Kunstledereinband schützt vor dem allerletzten Weg, den ein belesenes Heft in gleicher Situation beschreiten muss. Und darum ist Child's Hat selten und wenig bekannt – wird aber trotzdem hoch gehandelt, es gibt genug Kenner, die wissen, dass hier Dick drinsteckt.

Beschaffungsgeschichte

Das allerallermeiste im Sammelversium des Philip K. Dick ist nicht schwer zu finden. Einiges ist teuer, teilweise sogar sehr teuer, aber nicht selten: die legendäre Erstausgabe von Do Androids Dream of Electric Sheep? von Doubleday (1968) und selbst die auf 90 Exemplar limitierte signierte Erstausgabe von Confessions of a Crap Artist werden kontinuierlich mehrfach angeboten.
Das Büchlein Child's Hat dagegen taucht nur hin- und wieder am Horizont auf, teuer, sehr teuer und ausser Reichweite. Als ein Exemplar nun bei Abe auftauchte, zu einem sehr guten Preis, selbst der Versand war günstig, musste ich zufassen. Die irgendwie erwartete Enttäuschung – zu schön um war zu sein – traf mich dann schon beim Bezahlen: Der Verkäufer versendet nicht nach Deutschland! Aber warum nicht?
Signiert!
Das habe ich dann den Händler gefragt – und Ed hat geantwortet: Abe verlangt eine Zertifizierung für die europäische Verpackungsverordnung PPWR. Ironischerweise bietet er mit an, nach Frankreich zu versenden, das ginge – Frankreich ist ja auch nicht in der EU und muss sich daher auch nicht an eine PPWR halten, denke ich (ironisch). Leider habe ich keine Adresse in Frankreich. Aber vielleicht eine in den USA … Flugs einen Bekannten in den USA angeschrieben, der schneller als erwartet Hilfe verspricht, ich sehe die Antwort erst spät. Zu spät, beim Kauf auf die US-Adresse ist der Hut weg. Natürlich, ein solches Angebot würde keinen Bestand haben, es gibt viele Sammler … und so sollte es enden, wie üblich. Fast.
Doch dann: die Überraschung. »I awoke this morning to an order for this from a guy in Washington state. I waved him off. The book is yours.« schreibt Ed. Eine Zahlung. Das Buch ist unterwegs. Selten habe ich so auf eine Lieferung gewartet, dann lag es einfach, sehr unspektakulär, im Briefkasten, es war sogar dem Zoll entkommen.
Ein bisschen schmutzig, ein Hippie-Journal, wer weiss, wo und wann gelesen. Auf dem Titel ein Namenseintrag, egal – oder doch nicht? Auf den zweiten Blick ist der Name wohl Gulyas, also eine Signatur vom Herausgeber! Nicht schlechter, sondern viel besser als erwartet: signiert habe ich das noch nicht gesehen.

Was es ist

Und was ist unter dem Kinderhut? Umschlag und auch die drei Gedichte von Dick habe ich schon vorher gesehen. Der Text beginnt mit einem Beitrag von Ray Nelson, Dicks Freund und Ko-Autor: 1966 hatte er gerade Die Invasoren von Ganymed mit Ray Nelson beendet. Dann kommen Dicks drei Gedichte auf einer Doppelseite: An Old SnareWhy I am Hurt und The Above and Melting.
Es folgen Beiträge der Herausgeber Ward J. Gulyas und A. J. Barrientos. Es finden sich noch Jeff Berner, Fluxus-Mitglied, Dichter Michael Hannon und andere.
Gulyas publiziert in der Zeit auch als Jim Gulyas graphische Werke.
Gedruckt wurde Child's Hat von Frank Westbrooks Bindweed Press in San Francisco, bekannt für ihre (heutzutage sehr teuren und gesuchten) Musikposter (die kann man auch schön sammeln).

Warum?

Im Child's Hat ist Dick über Ray Nelson gelandet, das vermute ich, weil der als Cartoonist eher mit Guylas vernetzt gewesen sein mag. Ausserdem finden sich in Dicks Korrespondenz oder Leben sonst nirgendwo direkte Anknüpfungspunkte in diese Szene.
Und gedichtet hat Dick schon als Kind, im Young Authors' Clubwie berichtet. Auch in seinen Briefen findet sich das eine oder andere Gedicht, meist an eine Frau. Veröffentlicht sind nur zwei weitere Gedichte, posthum, im Magazin Last Wave. Ein wirklich grosser Dichter war Dick nicht, den grössten Eindruck hinterlässt On a Cat Which Fell Three Stories and Survived aus Last Wave: man spürt, hier war Katzenfreund Dick mit ganzer Seele bei der Sache.
Ansonsten heiratet Dick 1966, zum vierten Mal, schreibt Do Androids Dream of Electric Sheep? und Ubik.

Und hier hat jemand hat die Gedichte ins Polnische übersetzt.

Und Schluss:

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