Samstag, 21. Februar 2026

Gefährliche Visionen

Harlan Ellison bringt 1967 Dangerous Visions heraus, eine Anthologie von 33 Science Fiction Kurzgeschichten, in Auftrag gegeben für dieses Buch. Ellison hatte für diese Veröffentlichung ein grosses programmatisches Ziel vor Augen hat: die etablierten Grenzen der zeitgenössischen Science Fiction zu erweitern und deren volles Potential darzustellen.
Ellison wählt dafür Stories, die Tabus brechen, es geht also um Sex, Drogen und Politik. Viel Sex und viele Drogen. Das Ergebnis ist ein bahnbrechendes Buch, eine Revolution, das wichtigste und kontroverseste Buch der Science Fiction, so wird es (manchmal) genannt. Es gilt als exemplarische Darstellung der aufkommenden New Wave.
Gefährliche Visionen
Alle Geschichten sind Erstveröffentlichungen und für dieses Buch geschrieben. Auch wenn Philip K. Dick strenggenommen kein Vertreter der New Wave ist, ist unser Mann ist dabei; sein Beitrag ist Faith of Our Fathers, eine der besten Geschichten von Dick, mit einem typischen Motiv, die 1968 Finalist für den Hugo als Best Novelette war.
In Deutschland ist Dangerous Visions 1970 unter dem originellen Titel 15 Science Fiction Stories bei Heyne erschienen; in der Übersetzung von Wulf Bergner heisst Dicks Geschichte dort noch Mr. Chiens Halluzinationen (obwohl es doch gerade um das Gegenteil davon geht):

Rainer Zubeil hat die dann noch mal für die Sammlung Die besten Stories von Philip K. Dick bei Moewig (1981) übersetzt, hier unter dem Titel Der Glaube unserer Väter. Clara Drechslers Übersetzung für Haffmans Sämtliche Erzählungen lässt den bestimmten Artikel dann weg; diese Übersetzung ist in fünf Ausgaben auch bei Heyne und Fischer erschienen.

Die zweite Hälfte der Geschichten folgt bei Heyne im gleichen Jahr – unter dem (buchstäblich) ebenso originellen Titel 15 Science Fiction-Stories II.

Exkurs: 15 + 15 = 33? oder: Was fehlt bei Heyne?

In Heynes Anthologien fehlen drei Kurzgeschichten, vermutlich Opfer der Seitenzahlbegrenzung.

Man entdeckt, dass Sex and/or Mr. Morrison von Carol Emshwiller, der Frau des legendären Illustrators Edward „Ed“ Emshwiller, fehlt. Dieses Kurzgeschichte hat es auch später wohl nie ins Deutsche geschafft. Ellison schreibt dazu in seiner Einführung „easily the strangest sex story ever written, and functionally science fiction as well“. Und beim „sex“ geht es hier um das Geschlecht, nicht die Aktivität.

Ausserdem fehlen The Escaping, eine von zwei Kurzgeschichten von David R. Bunch und schliesslich auch Riders of the Purple Wagevon Philip José Farmer, das längste Stück, 72 Seiten, eher eine Novelle als eine Kurzgeschichte, vermutlich musste er deshalb draussen bleiben.
Am allermeisten fehlen bei Heyne aber die Einführungen von Ellison, denen jeweils eine Illustration von Leo und Diane Dillon vorangestellt ist sowie die Anmerkungen der Autoren.

Ganz heiss und aktuell sind die Dangerous Visions gerade jetzt, weil der Carcosa Verlag die lange überfällige, vollständige deutsche Übersetzung dieses Buchs vorlegt. Verleger und Herausgeber Hannes Riffel hat schon 2018 im Vorwort von Science Fiction Hall of Fame – Die besten Stories on 19481963 mit dem Gedanken gespielt, diesen Klassiker zu übersetzen. Gut Ding eben.
Alle 33 Kurzgeschichten kommen vollständig mit der Einführungen von Harlan Ellison und der sich anschliessenden Anmerkung des jeweiligen Autoren.
Herr Chien, nicht Mao (vermutlich)
Bestellt habe ich das Buch beim Händler meines Vertrauens, einer der ältesten Buchhandlungen Deutschlands. Ganz pünktlich habe ich das Buch nicht bekommen, erst zwei Wochen nach Erscheinen, aber das liegt wohl eher am Verlag als am Buchhändler. 59 Jahre nach dem Ersterscheinen war das zu verschmerzen.
Was finden wir im Buch? Alles, was versprochen ist: Alle Einführungen, zur Anthologie von Ellison und Asimov (zweimal) und zu jeder Geschichte von Ellison und die Nachbemerkung der Autoren. Dick hat sich über Ellisons Einführung sehr geärgert, der starke Drogenbezug hat ihm nicht gefallen; so recht kann er sich nicht beschweren, in seiner Nachbemerkung spielt er auch mit dem Thema – aber subtiler.
Fehlen tun im Buch leider – erwartungsgemäss – die Illustrationen von den Dillons. Man kann nur spekulieren, ob es an den Rechten lag, sei es Verfügbarkeit oder Kosten, oder daran, dass die Illustrationen den Zeitgeist der 60er wiederspiegeln und „nicht recht passen“. Verdient hätten sie es, hier gezeigt zu werden: Diese Anthologie ist ja auch ein Stück ihrer Zeit und Ellison hat das Buch der Familie Dillon sogar gewidmet, leider fehlt auch diese Widmung im Buch. Das ist konsequent, aber blöd: hätte man nicht der Widmung einen erklärenden Abschnitt zur Abwesenheit den Illustrationen beifügen können? Die Zeiten fehlender Widmungen (wie seinerzeit bei Dick) sollten doch vorbei sein. (In – zumindest einigen – der englischen Ausgaben, auch der aktuellen, finden sich die Illustrationen.)
Die Übersetzung von Dicks Beitrag ist von Maike Hallmann und sie wirkt runder als bei Heyne, fast 60 Jahre zeitgemässer eben. Sie bringt den bestimmten Artikel in den Titel zurück: Der Glaube unserer Väter.
Natürlich muss dieses Buch in die Sammlung, nicht nur wegen dem Beitrag von Dick, auch, weil es ein so wichtiges Stück Literaturgeschichte ist.

Fortsetzung(en)

Ein so grosser Erfolg wie Dangerous Visions verlangte natürlich nach einer Fortsetzungen: Again, Dangerous Visions folgt 1972, ohne Dick, dafür mit 46 Kurzgeschichten auf 760 Seiten. Wirklich interessant wird die Geschichte mit dem dritten Teil: Ellison begann mit der Arbeit an The Last Dangerous Visions im Anschluss an den zweiten Teil. Dann zieht sich die umstrittene Publikationsgeschichte bis über den Tod von Ellison im Jahr 2018 zum tatsächlichen Erscheinen des Buches 2024 hin. Es gibt Bücher darüber! Und natürlich Wikipedia (Englisch).

Noch eine Fortsetzung

Auch Philip K. Dick hat eine Fortsetzung geschrieben: The Story to End All Stories for Harlan Ellison's Anthology Dangerous Visions, weniger als eine halbe Seite, 117 (englische) Worte (109 deutsche), Erstveröffentlicht im Fanzine Niekas #20 (1968), (und zu finden beim unersetzlichen Fanac). Und weil sie so kurz ist, hat der Haffmans Verlag die deutsche Übersetzung seinerzeit  (so behauptet es Uwe Anton zuverlässig in seiner Bibliographie in Entropie und Hoffnung, 1993) auch in den Katalog für das Frühling/Sommerprogramm 1990 drucken lassen – eine der am schwersten zu findenden Publikationen von Dick in Deutschland. [Falls ein Leser den Katalog hat, ich würde mich sehr über eine Rückmeldung freuen. Wirklich sehr, sehr freuen.]
Natürlich findet sich die Kurzgeschichte noch mehrmals andernorts auf Deutsch.

Kaufen

Die Gefährlichen Visionen von Carcosa sollten bei jedem ernsthaft an Science Fiction Interessierten im Regal stehen (nachdem es gelesen wurde), über Philip K. Dick hinaus ist dies ein Klassiker des Genres: und Carcosa hat da wirklich ein schönes Buch gemacht.
Oder man hat die amerikanische Erstausgabe: leicht zu finden (Achtung! Buchclub Ausgabe vermeiden!), teuer zu bezahlen. Aber natürlich gibt es zahllose weitere englische Ausgaben, auch eine aktuelle (und französische, spanische, rumänische, tschechische, japanische).

Preise

"Gefährliche Visionen", Carcosa (2026), Hardcover, 784 Seiten, € 48,00, ISBN 978–3‑910914–42‑1
"Dangerous Visions", Doubleday (1967) - antiquarisch über € 100

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