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Gefährliche Visionen
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Alle Geschichten sind Erstveröffentlichungen und für dieses Buch
geschrieben. Auch wenn Philip K. Dick strenggenommen kein Vertreter der
New Wave ist, ist unser Mann ist dabei; sein Beitrag ist Faith of Our Fathers, eine der besten Geschichten von Dick, mit einem typischen Motiv, die
1968 Finalist für den Hugo als
Best Novelette war.
In Deutschland ist
Dangerous Visions 1970 unter dem originellen Titel
15 Science Fiction Stories bei Heyne erschienen; in der
Übersetzung von Wulf Bergner heisst Dicks Geschichte dort noch
Mr. Chiens Halluzinationen (obwohl es doch gerade um das Gegenteil davon geht):
Rainer Zubeil hat die dann noch mal für die Sammlung
Die besten Stories von Philip K. Dick bei Moewig (1981)
übersetzt, hier unter dem Titel Der Glaube unserer Väter. Clara
Drechslers Übersetzung für Haffmans
Sämtliche Erzählungen lässt den bestimmten Artikel dann weg;
diese Übersetzung ist in fünf Ausgaben auch bei Heyne und Fischer
erschienen.
Die zweite Hälfte der Geschichten folgt bei Heyne im gleichen Jahr –
unter dem (buchstäblich) ebenso originellen Titel 15 Science Fiction-Stories II.
Exkurs: 15 + 15 =
33? oder: Was fehlt bei Heyne?
In Heynes Anthologien fehlen drei Kurzgeschichten, vermutlich Opfer
der Seitenzahlbegrenzung.
Man entdeckt, dass Sex and/or Mr. Morrison von Carol
Emshwiller, der Frau des legendären Illustrators Edward „Ed“
Emshwiller, fehlt. Dieses Kurzgeschichte hat es auch später wohl nie
ins Deutsche geschafft. Ellison schreibt dazu in seiner Einführung „easily the strangest sex story ever written, and functionally
science fiction as well“. Und beim „sex“ geht es hier um das Geschlecht, nicht die
Aktivität.
Ausserdem fehlen The Escaping, eine von zwei Kurzgeschichten von David R. Bunch und schliesslich
auch Riders of the Purple Wagevon Philip José Farmer, das längste Stück, 72 Seiten, eher eine
Novelle als eine Kurzgeschichte, vermutlich musste er deshalb draussen
bleiben.
Am allermeisten fehlen bei Heyne aber die Einführungen von
Ellison, denen jeweils eine Illustration von Leo und Diane Dillon
vorangestellt ist sowie die Anmerkungen der Autoren.
Ganz heiss und aktuell sind die
Dangerous Visions gerade jetzt, weil der Carcosa Verlag die lange überfällige,
vollständige deutsche Übersetzung dieses Buchs vorlegt. Verleger und
Herausgeber Hannes Riffel hat schon 2018 im Vorwort von
Science Fiction Hall of Fame – Die besten Stories on 1948–1963 mit dem Gedanken gespielt, diesen Klassiker zu übersetzen.
Gut Ding eben.
Alle 33 Kurzgeschichten kommen vollständig mit der Einführungen
von Harlan Ellison und der sich anschliessenden Anmerkung des jeweiligen
Autoren.
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Herr Chien, nicht Mao (vermutlich)
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Bestellt habe ich das Buch beim Händler meines Vertrauens,
einer der ältesten Buchhandlungen Deutschlands. Ganz pünktlich
habe ich das Buch nicht bekommen, erst zwei Wochen nach Erscheinen, aber
das liegt wohl eher am Verlag als am Buchhändler. 59 Jahre nach dem
Ersterscheinen war das zu verschmerzen.
Was finden wir im Buch? Alles, was versprochen ist: Alle Einführungen,
zur Anthologie von Ellison und Asimov (zweimal) und zu jeder Geschichte
von Ellison und die Nachbemerkung der Autoren. Dick hat sich über
Ellisons Einführung sehr geärgert, der starke Drogenbezug hat ihm nicht
gefallen; so recht kann er sich nicht beschweren, in seiner
Nachbemerkung spielt er auch mit dem Thema – aber subtiler.
Fehlen tun im Buch leider – erwartungsgemäss – die Illustrationen von
den
Dillons. Man kann nur spekulieren, ob es an den Rechten lag, sei
es Verfügbarkeit oder Kosten, oder daran, dass die Illustrationen den
Zeitgeist der 60er wiederspiegeln und „nicht recht passen“. Verdient
hätten sie es, hier gezeigt zu werden: Diese Anthologie ist ja auch ein
Stück ihrer Zeit und Ellison hat das Buch der Familie Dillon sogar
gewidmet, leider fehlt auch diese Widmung im Buch. Das ist konsequent,
aber blöd: hätte man nicht der Widmung einen erklärenden Abschnitt zur
Abwesenheit den Illustrationen beifügen können? Die Zeiten fehlender
Widmungen (
wie seinerzeit bei Dick) sollten doch vorbei sein. (In – zumindest einigen – der englischen
Ausgaben, auch der aktuellen, finden sich die Illustrationen.)
Die
Übersetzung von Dicks Beitrag ist von Maike Hallmann und sie wirkt
runder als bei Heyne, fast 60 Jahre zeitgemässer eben. Sie bringt den
bestimmten Artikel in den Titel zurück:
Der Glaube unserer Väter.
Natürlich muss dieses Buch in die
Sammlung, nicht nur wegen dem Beitrag von Dick, auch, weil es ein so
wichtiges Stück Literaturgeschichte ist.
Ein so grosser Erfolg wie
Dangerous Visions verlangte natürlich nach einer Fortsetzungen:
Again, Dangerous Visions
folgt 1972, ohne Dick, dafür mit 46 Kurzgeschichten auf 760 Seiten.
Wirklich interessant wird die Geschichte mit dem dritten Teil: Ellison
begann mit der Arbeit an
The Last Dangerous Visions im Anschluss an den zweiten Teil. Dann zieht sich die
umstrittene Publikationsgeschichte bis über den Tod von Ellison im
Jahr 2018 zum tatsächlichen Erscheinen des Buches 2024 hin. Es gibt Bücher
darüber! Und natürlich
Wikipedia (Englisch).
Auch Philip K. Dick hat eine Fortsetzung geschrieben:
The Story to End All Stories for Harlan Ellison's Anthology Dangerous
Visions, weniger als eine halbe Seite, 117 (englische) Worte (109 deutsche),
Erstveröffentlicht im Fanzine
Niekas #20 (1968),
(und
zu finden beim unersetzlichen Fanac). Und weil sie
so kurz ist, hat der
Haffmans Verlag die
deutsche Übersetzung seinerzeit (so behauptet es Uwe Anton
zuverlässig in seiner Bibliographie in
Entropie und Hoffnung, 1993)
auch in den Katalog für
das Frühling/Sommerprogramm 1990 drucken
lassen – eine der am schwersten zu findenden Publikationen von Dick in
Deutschland. [
Falls ein Leser den Katalog hat, ich würde mich
sehr über eine Rückmeldung freuen. Wirklich
sehr, sehr
freuen.]
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