Samstag, 14. Februar 2026

Krautmusik

V
or einiger Zeit begann ich, systematisch Zeitungsmeldungen nach Erwähnungen von Philip K. Dick zu durchsuchen. Dabei gelang es mir, erstmals die vermutlich früheste Notiz von ihm in einer Zeitung finden: eine kurze Meldung über den Besuch des neunjährigen Philip auf einer Bibliothekstagung. Eine weitere frühe Quelle findet sich im Aufgebot seiner zweiten Ehe im Juni 1950. Es fanden sich auch einige Leserbriefe von ihm, z. B. zu einer Musikkritik von 1953.
Gesucht habe ich beim UCR Center for Bibliographical Studies and Research. Diese grossartige (und kürzlich durch die Änderungen in der amerikanischen Kulturpolitik vom Aus bedrohte) Einrichtung hat 1,5 Millionen Ausgaben von kalifornischen Zeitungen gescannt und im Netz suchbar zur Verfügung gestellt.
Dort ist mir ein weiterer sehr früher Leserbrief ins Netz gegangen. Das Schreiben ist vom 6. Juli 1945 und stelle eine Reaktion auf einen zuvor veröffentlichten Leserbrief dar.
Interessant für diesen Blog sind diese Briefe, weil es um Deutschland geht und weil das Thema über 80 Jahre später aktuell ist: Sollte man, während man im Krieg mit Deutschland ist, deutsche Musik spielen? Sollte man die Musik des Landes eines brutalen Aggressors, der ein befreundetes Land überfallen hat und mit Bomben und Raketen überzieht, auf deutschen Bühnen spielen? Oder überhaupt russischer Kultur eine Platz in Deutschland einräumen? Sollte Kultur auf diese Art und Weise Teil der Politik sein oder muss man die Kunst hier gänzlich getrennt betrachten? Wenn man das viel weiterdenkt, kommt man zur Musikauswahl bei grossen Sportveranstaltungen … die sicher politisch ist.
Es beginnt mit dem Leserbrief von Sam Brown (Oakland Tribune, Band 143, Nummer 3 vom 3. Juli 1945, Seite 18).

MUSIC AND AMERICANISM

To Editor Tribune
All of our foremost Americans agree that we must yank out Naziism by the roots. Let's start at home. Cut out the Kraut music in public parks especially on public holidays.
I mean the kind that Hitler got his inspiration to tear the lid off of hell and finally drove him to digging holes down toward his home of perpetual fire and brimstone.
No doubt we will hear a lot of slobbering hyphenators yell that music is art and that art is universal.
Well Carl Muck who was director of the Boston Symphony prior to the first World War with the assistance of a bunch of persons who were vaccinated for Americanism (but it did not take) pulled that one and used it for German propaganda.
For the love of America please a good old fashioned American programme with a little jive for the kids and a few hillbilly songs for those that like them.
 SAM BROWN.            
Oakland, July 2.

Also kein Beethoven für amerikanische Ohren, lieber etwas Volksmusik. Diese Diskussion hat es schon während des Ersten Weltkrieges gegeben, Mr. Brown erwähnt Karl Muck. Dieser deutsche Dirigent wird für seine (vermeintliche) Weigerung vor seinen Konzerten die amerikanische Nationalhymne zu spielen, über ein Jahr in den USA interniert. Ihm wird dabei auch vorgeworfen, in Orchesterpartituren geheime Codes versteckt zu haben. Ironischer- – oder eigentlich tragischerweise – wird Dick Ähnliches viele Jahre später seinem Kollegen Thomas M. Disch vorwerfen. (Ideen dieser Art waren zu verbreitet, um sie bei Dick auf dieses Ereignis zurückzuführen, erwähnt sei es hier aber doch.)

Philip Dick, der vor dem Kriegseintritt der USA gegenüber Deutschland positiv eingestellt war und der schon sehr jung ein Freund der deutschen klassischen Musik war, tritt in seinem Leserbrief dem Verbot deutscher Musik entgegen (Oakland Tribune, Band 143, Nummer 6, 6. Juli 1945; Seite 24):

KRAUT MUSIC

To Editor Tribune:
I would like to say something in reply to the letter sent to the Forum by Sam Brown.
First, of all, there is a difference between patriotism and attacking “Kraut” music. During the last war, if you will remember, hamburgers were called “Liberty steaks,” and German dogs were given American names, and other worthwhile and necessary ventures were undertaken to further the war effort. Fortunately, in this war, there has been very little of such frantic, stupid hysterics. The war is too tragic and important for things of that sort. And yet, there are always a certain number of people who go off the deep end and cry “Kraut” this and “Kraut” that, ignoring the true issues at stake.
Didn’t you think it was silly when you heard that the Nazis had forbidden the playing of Polish compositions composers because they were “non-Aryan” and “anti-German”? I fail to see the difference between this and what you suggest we do – ban all music by German composers.

 PHILIP DICK

Der Vollständigkeit halber und um das Bild zu ergänzen, seien hier zwei weitere Leserbriefe vom folgenden Tag zum Thema abgedruckt: pro-German-Music (Oakland Tribune, Volume 143, Number 7, 7 July 1945, Seite 14):
UNIVERSAL MUSIC
To Editor Tribune:
Don't you think, Sam Brown, that if our foremost and hindmost Americans used a little more tolerance in their thinking we would be better off? I heard a foremost American say in a radio speech that if there was another common basis for universal understanding as found in music, there would be a greater chance for a lasting universal peace.
You <?> to it being called universal, but consider – music is read from the same lines and spaces and notes everywhere in the world, how can it be other than universal? Can you name anything else that is as universal, that is an equal power for the good of the people of the world? And if the music in the Park annoys you, you can always stay at home and listen to jive on the radio and if you miss the fresh air of the park in conjunction with the music, open the window.
Surely the genius and the talents of the great of any nationality can be safe from pettiness.
    Walnut Creek, July 6
 ERNA SODER
Und am selben Tag erscheint ein weiterer Leserbrief:
MORE ON MUSIC
To Editor Tribune:
In his letter, Mr. Brown advocates “cutting out kraut music.” Doesn't he realize that in this so-called kraut music is included some of the finest symphonic and operatic works of all time? Without Beethoven, Bach, Wagner, Mozart, Strauss and other music would be in its infancy. For the love of fine music let's play more classical music, regardless of the opinions some persons may have of it.
 BRUCE BELLOMY
    Berkeley, July 6
In seiner Kurzgeschichte Der Glaube unserer Väter lässt Dick den Protagonisten später denken: Es war ihm schon immer gegen den Strich gegangen, wenn Poesie oder überhaupt Kunst - für politisch-soziale Zwecke benutzt wurde. Und ich denke, hier spricht der Autor durch Mr. Chien.
In der Ukraine ist das Abspielen russischer Musik derzeit stark reglementiert, klassische Kompositionen sind nicht verboten, werden aber vermieden, aktuelle Werke dürfen nicht im öffentlichen Raum gespielt werden. (Es gibt auch Ausgaben von Philip K. Dick in Ukrainisch.)
Natürlich muss man jedem Land, jeder Gesellschaft die Freiheit lassen, Entscheidungen dieser Art selbst zu treffen. Letztlich ist zu konstatieren, dass Kultur doch immer politisch ist und es (auch) um emotionale Fragen geht. Eine einfache Antwort ist hier also nicht möglich.
Hier kann man noch einmal einen sehr schönen & lesenswerten Artikel über Karl Muck im Tagesspiegel nachlesen und es gibt auch ein ganzes Buch (auf Englisch) zum Thema: The Karl Muck Scandal. Die von Dick angedeutete Umbenennung von Hamburgern in Liberty Steaks hat sich nicht durchgesetzt, Frankfurter aber sind in den USA Hot Dogs geblieben und kürzlich hat schon die Weigerung der Franzosen, die USA beim 2. Golfkrieg zu unterstützen, amerikanischen Patrioten gereicht, French Fries wenigstens kurzfristig in Liberty Fries umzubenennen.
Nachdem ich Dicks Kraut Music Brief gefunden hatte, habe ich in PKD Otaku Nr. 40 einen Artikel dazu gefunden, ich kann hier also keine Erstentdeckung in Anspruch nehmen: Frank Hollander war (wie fast immer) schon vorher da. Und hier noch ein Hinweis auf Dicks frühe, eigene Publikationen in der Oakland Tribune im Young Authors' Club, auch hier von und mit Frank Hollander.

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