Samstag, 23. Mai 2026

Thornwillow

Aloha mai e nā hoaaloha o Philip K. Dick! Das könnten (oder aber eher nicht) die Worte meines Antiquariats des Monats sein: die weite Reise aus Honolulu hat ein Heftchen gemacht, in dem nur eine Kurzgeschichte ist, The Eyes Have It. Angemerkt sei, dass die Reise nur vier Tage gedauert hat, das ist nicht immer so.
Ein Epigraph (nicht vom Autor) und die ersten Worte von The Eyes Have It in der Erstveröffentlichung von 1953 
The Eyes Have It ist eine kurze Kurzgeschichte von nur drei Seiten, die im Juni 1953 im Pulp-Magazin Science Fiction Stories in der Ausgabe Nr. 1 erschienen ist. Inhaltlich, nun, ein Wortspiel auf Unterstufen-Niveau, das ein kurzes Lächeln schenken kann, oder etwas kritischer betrachtet “one of the worst short stories Dick ever wrote”. Die wenigen weiteren Publikationen ausserhalb der Collected Stories (Band 2) verdankt die Geschichte denn wohl eher ihrem lückenfüllendem Format als ihrer Qualität.
Vorgestellt wird uns unser Autor im Heft so:
PHILIP K. DICK
Another comparative newcomer to science fiction,
Philip K. Dick (whose first story appeared in 1952)
has nonetheless made his mark, and is in constant demand. His talents also
run to whimsical fantasy, as can be seen by the story presented here, and
in such tales as “The World She Wanted,” which appeared this year.
The World She Wanted war in Science Fiction Quarterly vom Mai 1953 erschienen, einer Zeitschrift, die vom gleichen Verlag herausgebracht wurde.
Die aktuelle Popularität des Texts mit diversen bei Amazon erhältlichen Ausgaben basiert darauf, dass sie in die Public Domain gefallen ist, die Verwendung des Originaltexts ist, auf jeden Fall in den USA, lizenzfrei möglich.
Ein Heft mit der anatomischen Darstellung eines Auges auf dem Umschlag
Ein schönes Exemplar von Thornwillow: The Eyes Have It
Ob das 2020 auch den Verlag Thornwillow Press dazu motiviert haben, ein Büchlein mit dem kurzen Text herauszubringen?
Thornwillow ist ein kleiner Edelverlag, der sich auf teure Luxusausgaben spezialisiert hat. Im Unterschied zu Centipede und Suntup hat Thornwillow keinen Schwerpunkt auf Speculative Fiction, sondern allgemeiner Literatur und Geschichtlichem. Neben Dick findet sich zwar Isaac Asimov, Ray Bradbury und Octavia Butler, das ist aber nur ein kleiner Teil der im Spektrum allgemeiner überwiegend angelsäschischer Literatur.
Man bekommt mit The Eyes Have It eine zweiseitige Anmerkung, die auch das Epigraph zitiert und kommentiert, den Text selbst auf acht Seiten und einige Seiten Drumherum, wie Vorsatz und Titel, insgesamt 22 Seiten. Wie alle Ausgaben des Dispatch ist es in zwei Ausgaben erschienen. 300 Exemplare der Classic Edition für die einfachen Mitglieder des Dispatch und 50 Exemplare der gehobenen Patron's Edition. Die einfache Ausgabe, die ich ergattern konnte, wurde auf cremefarbenem Velinpapier gedruckt und in Papierumschläge gebunden. Die Patron's Edition wurden auf weißem Velinpapier mit unbeschnittenen Rändern gedruckt. Restexemplare wurden mutmasslich für $100 bzw. $138 angeboten.
Das Ergebnis ist natürlich ein bibliophiles Erlebnis. Ein wunderbares Heft, ein Büchlein, eine Freude für jeden Freund des Buches und natürlich jeden Sammler. Und für den Sammler gilt: Form und Inhalt haben oft wenig miteinander zu tun. Thornwillow giesst hier eine unterklassige Kurzgeschichte von Dick in die edelsten Formen. Auch Centipede wählt die schwächsten Romane von Dick für seine wunderschönen Schuber. Aber zum Lesen sind diese Ausgaben nicht geschaffen, sondern zum Sammeln. Und das Sammeln ist nicht ganz einfach, dieser cremefarbene Fisch begegnet einem mit geringer Frequenz, ich schätze 10−8 Hertz. Wer auf ein gutes Angebot warten will, muss gute Nerven bewahren. Der buchstäblich weisse Wal aus der 50er Auflage ist mir noch nicht begegnet.
Mit dieser Veröffentlichung hat Dick das Genre weit hinter sich gelassen, wenn man sieht, welchen Anspruch Thornwillow bei Zeitschichte (siehe auch unten) und Kultur hat. Ob ausgerechnet diese leicht kalauernde Geschichte der überzeugendste Weg ist, Dick einem solchen Publikum anzudienen, mag man hinterfragen.

Deutsches

Thornwillow hat 1990, und das ist wohl näher am Markenkern, auch eine Rede von Helmut Kohl herausgebracht, die der Bundeskanzler in Harvard gehalten hat: Partnerschaft in Freiheit/Partnership in Liberty. (Man darf annehmen, dass vieles von dem, was Kohl seinerzeit gesagt hat, heute weniger Konsens finden würde. Tempores mutantur.)
Die Kurzgeschichte Augen auf! ist auf Deutsch nur im Zusammenhang mit der Gesamtausgabe erschienen. Es gibt eine erwähnenswerte Besonderheit: die deutsche Ersterscheinung war (ausgerechnet und wohl durch die Kürze zu erklären) in Haffmans' Teaser für die Sämtlichen SF-Geschichten, dem 1991 erschienenen Taschenbuch Erinnerungen en gros (das ich, wie ich noch weiss, seinerzeit bei Salzmann am Bohlweg in Braunschweig erworben habe). Übersetzt hat dieses Wortspiel der dieser Tage vornehmlich als (ein kleines bisschen umstrittener) Bücher-TV-Moderator bekannte Denis Scheck: und seine Übersetzung ist besser als das Original.
Der zweite Band der Collected Stories erschien in deutscher Sprache erst zu einem späteren Zeitpunkt und wurde von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel unter dem Titel Das Vater-Ding übertragen. Die Erzählung The Eyes Have It wurde aber, in der vorhandenen Übersetzung von Scheck übernommen. 

Preise

"The Eyes Have It", Thornwillow Press (2010) zwischen 150 € und 500 €

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