Samstag, 8. Januar 2022

Ein Ausblick auf 2022

Was bringt 2022? Im übernächsten Monat jährt sich der Todestag von Philip K. Dick zum vierzigsten Male. Interessante Neuerscheinungen – oder überhaupt Aktivitäten um diesen Tag – sind jedoch (bisher?) in Deutschland nicht in Aussicht. 
Gerade vom Fischer Verlag ist ausgerechnet in diesem Jahr erstmals seit acht Jahren nichts mehr zu erwarten, es ist wohl wieder vorbei mit Dick bei Fischer. Und auch nicht eine englische Ausgabe ist angekündigt. Neidisch aber kann man nach Frankreich blicken, denn natürlich kommt in dem Land, das Philip K. Dick am meisten liebt, zu seinem 40. Todesjahr eine überarbeitete Gesamtausgabe heraus. Neues Design und neue Übersetzungen, Ubik von Helen Colon, neues Nachwort, 26 Bände: so sieht eine ambitionierte Ausgabe aus, mehr nachlesen kann man schon hier

Samstag, 18. Dezember 2021

Ein Rückblick 2021

Vorgestern, am 16. Dezember, wäre Philip K. Dick 93 Jahre alt geworden. Und damit geht auch ein Rekordjahr zu Ende, nicht für den Blog, aber für die Sammlung.
Gut 35 neue Bücher und Hefte in der Sammlung sind eher eine geringe Ausbeute. Aber das Budget hat einen neuen Rekord aufgestellt. Die Luxusausgaben von Folio und Suntup haben massgeblich zu diesem Rekord beigetragen. Und die Übersetzungen aus Georgien und Mazedonien waren zwar vergleichsweise günstig, aber immer noch deutlich teurer als die Taschenbücher aus Britannien in den Vorjahren.
Eine Auswahl der neuen Exemplare in der Sammlung
Die Neuanschaffungen des Jahres in Auswahl
Das bringt uns natürlich zum Brexit, der auch in diesem Blogeintrag erwähnt werden muss. Das Porto ist gestiegen, hat sich aber eingependelt. Die Anzahl der Anbieter ist gesunken. Gerade in der Bucht sind viele, meist private Anbieter, die gar nicht mehr nach Deutschland versenden. Leider ist einiges so gar nicht mehr erhältlich. Über Einfuhrumsatzsteuer und damit zusammenhängende Gebühren oder Besuche beim Zoll muss man gar nicht reden, das nimmt man als Sammler jetzt eben auch für die komische Insel in Kauf. Ausser den Luxusausgaben und viel zu vielen gemeinfreien

Samstag, 4. Dezember 2021

Und zum Elften

The Mann in the High Castle von Penguin Books,
drei Auflagen mit einer ISBN: 978-0-141-18667-2
Es ist nur ein kleiner Fortschritt in der Sammlung, aber kürzlich hat mich eine Ausgabe der 053. Auflage von The Man in the High Castle von Penguin erreicht. Bemerkenswert ist diese Auflage wegen der (leicht) abweichenden Gestaltung des Buchumschlags: Der Name des Autoren ist einzeilig, auf der Fahne sind weniger Sterne zu sehen.

Samstag, 20. November 2021

Der König ist tot, es lebe die Königin!

Philip K. Dicks Roman Blade Runner, ursprünglich erschienen unter dem Titel Do Androids Dream of Electric Sheep?, sind eine Widmung, drei Verszeilen eines Gedichts von William Butler Yeats sowie eine Zeitungsmeldung vorangestellt. Diese drei kurzen Textteile sind leicht überlesen, hinter jedem verbirgt sich aber eine umfassendere Geschichte. Die Widmung an seine Schwiegermutter wurde in diesem Blogeintrag schon kurz behandelt und etwas umfassender im vorigen Eintrag die Verbindung zu Yeats betrachtet.
Auch die Meldung von Reuters aber hat ihre Geschichten.
Auckland

A TURTLE WHICH EXPLORER CAPTAIN COOK GAVE TO THE KING OF TONGA IN 1777 DIED YESTERDAY. IT WAS NEARLY 200 YEARS OLD.

THE ANIMAL, CALLED TUʻIMALILA, DIED AT THE ROYAL PALACE GROUND IN THE TONGAN CAPITAL OF NUKUʻALOFA.

THE PEOPLE OF TONGA REGARDED THE ANIMAL AS A CHIEF AND SPECIAL KEEPERS WERE APPOINTED TO LOOK AFTER IT. IT WAS BLINDED IN A BUSH FIRE A FEW YEARS AGO.

TONGA RADIO SAID TU’IMALILA’S CARCASS WOULD BE SENT TO THE AUCKLAND MUSEUM IN NEW ZEALAND.

Reuters, 1966
Tatsächlich ist im Mai 1966 Tu'i Malila, eine sehr alte, blinde Schildkröte, die lange am Hof des Königs von Tonga gehalten wurde, verstorben. Die Tradition überliefert, das es sich bei dem männlichen Tier um ein Geschenk des berühmten britischen Seefahrers und Entdeckers James Cook handelt, das dieser dem damaligen Herrscher 1777 während seiner dritten Südseereise geschenkt hat. Nach ihrem Tod ist die Schildkröte nach Neuseeland zum Auckland Institute and Museum geschickt und dort untersucht und konserviert worden.
Eine Schildkröte und "Blade Runner"
Nicht Tu'i Malila, sondern ein kleinerer Verwandter
Man darf annehmen, dass die Meldung real ist und nicht vom Autor erfunden. Der Inhalt der Meldung ist plausibel und entspricht dem damaligen Kenntnisstand, dazu mehr unten. Das Buch wurde 1968 veröffentlich, geschrieben hat Dick das Buch 1966: Man kann sich gut vorstellen, wie er die Meldung bei der Lektüre aus der Zeitung ausgerissen und auf den Stapel der fertigen Manuskriptseiten gelegt hat. Und wie sonst hätte Dick von diesem Ereignis – oder überhaupt der Existenz dieses Tieres – und den genannten Details erfahren sollen, um es dann als (fiktive) Zeitungsmeldung zu verarbeiten? Nicht gänzlich auszuschliessen ist aber, dass Dick die Meldung literarisch bearbeitet hat. Es bleibt also eine Übung die Originalmeldung im Archiv von Reuters zu recherchieren.

Samstag, 13. November 2021

Der Gesang des glücklichen Schäfers

Die neueste Ausgabe des Blade Runners aus dem vorigen Blogeintrag hat mich noch einmal den Blick auf das Epigraph von Philip K. Dicks Roman werfen lassen. Das Epigraph ist hier ein literarisches Zitat als vorangestellte atmosphäre Einführung für den Roman. 
Die Verse stammen aus dem im Buch ungenannten Gedicht The Song of the Happy Shepherd von William Butler Yeats. Es steht zwischen Widmung und der Meldung von Reuters und qualifiziert als ein solches Epigraph:
And still I dream he treads the lawn,
Walking ghostly in the dew,
Pierced by my glad singing through
So steht es nach der Widmung in Do Androids Dream of Electric Sheep? und so steht es zunächst auch in deutschen Übersetzungen. Erst in der aktuellen Neuübersetzung von Manfred Allié sind auch diese Verse übersetzt:
Und immer noch seh ich im Traum
Ihn geisterhaft durchs Taugras springen,
Erfüllt von meinem heitren Singen.
Die Gedichte von W. B. Yeats
Es bleibt etwas unklar, wer diese Übersetzung verfertigt hat. Denn ein Blick in Die Gedichte, die aktuelle Neuübersetzung von Yeats Lyrik bei Luchterhand (2005), zeigt, dass Mirko Bonné, Übersetzer des ersten Buches, Scheidewege, in dem dieses Gedicht enthalten ist, die Worte so gewählt hat. Bei Bonné heisst das Gedicht Der Gesang des glücklichen Schäfers. Man muss annehmen, dass Allié für sein Buch diese Übersetzung übernommen hat; ein Hinweis dazu fehlt in allen drei Ausgaben der Allié-Übersetzung.
In den Worten und Werken von Philip K. Dick gibt es zahlreiche Bezüge zu Yeats, dabei mehrfach zu diesem Gedicht. Im kurz nach Blade Runner geschriebenen Der galaktische Topfheiler [Galactic Pot-Healer, 1969] zitiert ein taxifahrender Roboter es. Im wiederum kurz danach geschriebenen Die Mehrbegabten [Our Friend from Frolix 8, 1970] wird es ohne Nennung des Titels erwähnt; und da das Gedicht „vor [Bob] Dylan“ ist, interessiert es die junge Freundin des Protagonisten im Roman nicht – man mag vermuten, dass Dick hier eigene Erfahrungen verarbeitet, seine Frau Nancy war zu dieser Zeit Anfang zwanzig (und letztlich war Dylan mit seiner Lyrik ja wohl auch nicht schlechter, seinen Nobelpreis hat er 2017 erhalten).
Zu einem Höhepunkt kommen die Bezüge zu Yeats in Dicks letzten Werken, der (sogenannten) Valis-Trilogie: Der zweite Band, Die Göttliche Invasion, zitiert den glücklichen Schäfer und Die Wiedergeburt des Timothy Archer zitiert dann genau die drei Verse aus dem Blade Runner